Die Geschichte eines Kerls, der durch einen Kerker kriecht, hat bei mir nicht richtig gezündet. Aber vielleicht klappt es mit dem Buch über Jugendliche, die durchs Labyrinth rennen? Schliesslich ist Maze Runner (Amazon) bzw. in Deutsch «Die Auserwählten» (Amazon) von James Dashner so etwas wie ein moderner Jugendbuchklassiker, der auch eine kinokassenträchtige Verfilmung erfuhr.

Die Antwort: leider nein. Eine Szene gab es, die mich packte. Sie liess mich mitfiebern und brachte mich dazu, mir ernsthaft die Frage zu stellen, was es mit dieser Situation auf sich hat, in der diese Jugendlichen gefangen sind. Vor allem war sie der Anlass, ein ernsthaftes Interesse für die Hauptfigur zu entwickeln. Es handelt sich um jenen Moment, in dem Thomas die oberste Regel der Gemeinschaft bricht und beim Schliessen der Tore ins Labyrinth rennt. Er will seine beiden Kameraden Minho und Alby retten, die es aus eigener Kraft nicht zurück in die Sicherheit ihres Lagers schaffen. Sie laufen Gefahr, von den Griewern erlegt zu werden, seltsamen Mischwesen aus Robotern und Horrortieren. Thomas erweist sich als Held. Er bringt Alby in den Ranken einer Wand in Sicherheit und kann auch Minho helfen, die Nacht im Labyrinth zu überleben – etwas, das bisher noch keiner schaffte.
Wie «Herr der Fliegen» für Zartbesaitete
Doch ein dramatischer Moment, eine packende Szene, macht eben kein gutes Buch. Die Geschichte hält mich in ihrem weiteren Verlauf nicht bei der Stange. Ich werde das Warum gleich analysieren, aber weil dafür einige Spoiler notwendig sind, hier erst mein Verdikt:
Die dystopischen Abenteuer für Jugendliche sind ein gut bestelltes literarisches Feld. «Divergent» von Veronica Roth ist in sich stimmiger und was die Spannung angeht, kommt so schnell keine Story an die «Hunger Games»-Trilogie heran (meiner harschen Kritik an Teil vier und fünf zum Trotz). Und «Unwind» ist in seiner brutalen Konsequenz grossartig. «Maze Runner» bietet sich allenfalls Leserinnen und Lesern an, denen Herr der Fliegen – diverse Parallelen sind unverkennbar – zu realistisch, desillusionierend und belastend wäre.
Der grosse Unterschied zu «Herr der Fliegen» erklärt einleuchtend meine Vorbehalte bei «Maze Runner». – Achtung, ab hier mit Spoilern!
Mir ist diese Story zu wenig verbindlich. Schon die Versuchsanordnung – ein Labyrinth, bei dem der Ausgang gefunden werden muss – erinnert an ein Laborexperiment. Natürlich macht es einen Unterschied, dass keine Ratten, sondern Jugendliche ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen müssen und sich mit den Griewern auch mörderische Wesen im Irrgarten tummeln. Trotzdem wirkt vieles auf mich so konstruiert, dass ich dem Autor nie wirklich zutraue, dass er mich ernsthaft verblüffen oder überraschen wird. Dazu zählen die sich bewegenden Wände: Die riechen nach Videospiel, nicht nach realer Bedrohung.
Eine Schicksalsgemeinschaft, reibungslos organisiert
Thomas, die Hauptfigur, landet am Anfang der Geschichte im Labyrinth. Er erinnert sich noch an seinen Namen, aber sonst nicht mehr an sehr viel, es gibt aber Situationen und Dinge, die ihm vertraut vorkommen. Thomas ist überrascht, dass er erst 16 ist, weil er sich schon als Erwachsener fühlt. Für uns Leserinnen und Leser hört er sich, nebenbei bemerkt, auch genau wie einer an.
Er erfährt, dass es allen anderen Jungs hier genauso geht. Sie fanden sich mit gelöschtem Gedächtnis in einer Art Siedlung wieder, die vom Labyrinth umschlossen wird. Die wird «Block» genannt und weist die zum Leben notwendige Infrastruktur auf: Es gibt einen Wohnbereich, eine Art Krankenstation («Slafer») und eine Waffenkammer. Jeder Jugendliche hat eine Aufgabe als Koch, Gärtner, Heiler oder Läufer, und es gibt eine hierarchische Organisation, die wunderbar funktioniert.
Der Code lässt sich knacken
Diese Ordnung nehme ich dem Autor keine Sekunde lang ab. Natürlich; es gibt einige Konflikte. Nachdem Thomas die Regel gebrochen hat, dass niemand des Nachts ins Labyrinth darf, wird eine Hüter-Versammlung abgehalten, an der einige Jugendliche eine harte Strafe fordern. Trotzdem funktioniert die demokratische Rechtssprechung einwandfrei und Thomas erreicht sein Ziel und wird Läufer: Er darf künftig das Labyrinth erkunden und an der Kartografierung der sich verschiebenden Wände mitwirken, um so hinter des Rätsels Lösung zu kommen. Was ihm, nebenbei bemerkt, selbstverständlich gelingt.
Wie wäre es wirklich in einer Situation? Ich neige zum Szenario von William Golding, bei dem soziale Normen zerfallen, anarchische Verhältnisse auftreten und auf der Fliegeninsel das Recht des Stärkeren brutal durchgesetzt wird.
Gänzlich unglaubwürdig wird die Sache, als Teresa auftaucht. Sie hat einen Zettel in der Hand, der ankündigt, dass keine weiteren Jugendlichen mehr ankommen werden und auch die Versorgung mit Gütern des täglichen Lebens versiegt. Das löst Sorgen aus. Doch bloss in moderater Form: Die Ungewissheit ist mit ein Motiv für den Showdown, bei dem sich die Jugendlichen der direkten Konfrontation mit den Griewern stellen. Aber als existenzielle Gefahr für die kleine Gemeinschaft ist diese Veränderung nicht fassbar.
Keiner ist hier auch nur ein bisschen geil
Teresa ist die einzige junge Frau im «Block». Sie hat eine gewisse Verbindung mit Thomas, mit dem sie telepathisch kommuniziert – auch das ein erzählerisches Detail, das mich als Leser nicht neugierig macht, sondern mir das Gefühl vermittelt, dass sich am Ende alles in Wohlgefallen auflösen wird. Von den anderen Jungs fällt ab und zu ein Spruch von wegen «Freundin», aber die scheinen diese Beziehung, die nicht einmal in Thomas’ Augen wirklich eine ist, allesamt zu akzeptieren.
James Dashner tut, als sei die menschliche Sexualität niemals erfunden worden. Es gibt keine Spannungen wegen Teresa, keine Eifersüchteleien, Machtspiele oder gar Versuche von Übergriffen. Dabei haben wir es hier mit männlichen Teenagern zu tun, die allesamt in ihrer Pubertät stecken. Ausser Teresa gibt es keine Objekte für ihre Begierde, und die Jungs haben nicht einmal ausreichend Privatsphäre, um sich auf die übliche Weise abzureagieren. Natürlich hat ein Autor das Recht, darüber zu entscheiden, mit welchem Realitätsgrad er seine Geschichte erzählt. Eine idealisierende, bzw. gewisse Aspekte ausklammernde Perspektive ist legitim. Aber die emotionalen Leiden der jungen Männer müssten in der Story zwingend Raum einnehmen – entweder explizit oder aber als subtile Andeutung.
So lautet das Fazit, dass «Maze runner» nicht nur beim Plot zu kurz springt, sondern auch der Gefühlswelt der Protagonisten nicht gerecht wird. Es gibt kaum einen Grund, sich mit ihnen zu identifizieren und sich gefühlsmässig mit ihnen zu verbinden. Es ist eine Geschichte aus dem Labor. Wobei sie nach meinem Gefühl noch eher dem Reagenzglas oder der Petrischale, denn dem Ratten-Labyrinth entspringt.
Beitragsbild: Ein bisschen was wächst schon (Edward Jenner, Pexels-Lizenz).