Wisst ihr, was man sich unter einem LitRPG-Roman vorzustellen hat? Ich wusste es bis zwei Wochen auch nicht. Das Kürzel steht für Literary Role Playing Game und beschreibt ein literarisches Genre, das wie das Rollenspiel eines Computergames funktioniert. Kurz gesagt: Wir müssen nicht spielen, sondern können lesen. Und wenn das absurd klingt, dann erinnere ich daran, dass es mit Twitch eine Streaming-Plattform gibt, die von Leuten lebt, die an Games interessiert sind, aber keine Lust verspüren, selbst aktiv zu werden.
Nun, Literatur mit Computerspielen zu verweben, kann spannend sein. «Ready Player One» von Ernest Cline ist weiterhin einer der grossen Leuchttürme der Nerd-Literatur; wobei die Verfilmung der Vorlage nicht im Ansatz gerecht wird. Das Buch wird dieser Gattung zugerechnet, auch das meines Erachtens nicht wirklich passt: Ein Teil der Handlung findet bei Cline zwar im virtuellen Raum statt. Doch massgeblich fürs Wohl und Weh ist die «Aussenwelt», die reale Handlungsebene.
Wie Asterix und Hunger Games
Das ist bei dem Buch, um das es hier gehen soll, nicht der Fall. Die beiden Protagonisten werden in eine Spielwelt katapultiert. In der Tat ist es so, dass eine Allianz von Ausserirdischen den ganzen Planeten Erde in einen gigantischen Zwinger verwandelt, um dort zum Gaudi aller intergalaktischer Spezies einen Deathmatch abzuhalten, der die älteren von uns an das Panem et circenses-Spektakel in den Asterix-Bänden und die jüngeren von uns an den verzweifelten Überlebenskampf aus den «Hunger Games» erinnert:
Die beiden Protagonisten sind ein Mann namens Carl, der mit der Katze Princess Donut seiner Ex-Freundin in diesen mehrstöckigen Zwinger einzieht, nachdem sämtliche Gebäude und Fahrzeuge sang- und klanglos im Untergrund verschwunden sind – mit sämtlichen Bewohnern und Insassen. Die Überlebenden haben die Wahl, sich auf der Oberfläche ihrem Schicksal hinzugeben oder in diesen Zwinger einzuziehen. Da Carl und Donut vor einem Eingang stehen, es bitterkalt ist und Carl nur mit Boxershorts bekleidet ist, fällt die Entscheidung leicht.
Von Level zu Level (nicht nach oben, sondern nach unten)
In einem Tutorial-Raum erfahren sie nun, dass der Überlebenskampf in diesem Bunker über mehrere Etagen stattfindet. Es gilt, sich in Kämpfen zu bewähren und sich Fähigkeiten anzueignen, die im Kampf hilfreich sein können. Gegner sind nicht nur andere Menschen, sondern auch Fantasiekreaturen, von denen nicht immer klar ist, ob es sich um echte Aliens oder um virtuelle Charaktere halten. Natürlich gibt es auch NPCs (Statisten) wie Tutor Mordecai, der Carl und Donut mit den Spielregeln vertraut macht.
Es ist typisch für LitRPGs, dass wir die Geschichte aus der Perspektive einer Spielfigur erleben. Wikipedia: «Die Spiele oder spiel-ähnliche Herausforderungen bilden einen wesentlichen Teil der Geschichte, und sichtbare RPG-Statistiken (z. B. Stärke, Intelligenz, Schaden) sind ein wesentlicher Bestandteil des Leseerlebnisses». Carl und Donut sind in der Lage, über ein mentales Interface derlei Statistiken abzurufen, aber auch ihr Inventar zu verwalten. Sie können dort mehrere Tonnen realer Gegenstände mit sich führen, ohne dass sie tatsächlich ins Gewicht fallen würden. Sie verwalten ihre Waffen und Zaubertränke, und es gibt ein Chat-Interface. Über das kann Carl auch mit der Katze kommunizieren, mit der er nun ein Team bildet. Bemerkenswert: Die Katze hat die deutlich besseren «Skills» als der Mensch.
Es steckt Potenzial in der Idee …
Spätestens jetzt stellt sich die Sinnfrage: Will man so etwas lesen? Oder würde man, wenn schon, diese Story spielen wollen?
Erstens ist es natürlich erlaubt, Geschichten über alles zu schreiben, was die menschliche Fantasie hergibt. Nein, es ist nicht nur erlaubt, sondern geradezu eine Pflicht für schlaue Autorinnen und Autoren. Und wie neulich festgestellt, sind neue Genres eine hervorragende Möglichkeit, dem Eindruck zu entrinnen, alles sei schon einmal dagewesen. Es ist eine kreative Methode, die Regeln der einen Kunstform auf eine andere zu übertragen: Erinnern wir uns an Black Mirror: Bandersnatch, wo Netflix plötzlich wie ein Videospiel funktionierte.

Nach dieser generellen Feststellung komme ich zweitens zum Schluss, dass das LitRPG-Genre den Geschichten ein zu enges Korsett überstülpt. Das lässt sich anhand der Geschichte von Matt Dinniman exemplarisch darlegen: In Dungeon Crawler Carl (bislang nicht auf Deutsch erschienen) sind die Game-Bezüge omnipräsent. Das nimmt der Handlung ihre Dringlichkeit. Es heisst zwar für diverse Nebenfiguren «Game over». Trotzdem ist es kein echter Überlebenskampf, wenn jederzeit die Möglichkeit im Raum steht, dass sich Carl und Donut mit einem Cheat aus einer Bredouille befreien. Der Höhepunkt des Buches ist denn auch Carl, der eiskalt einen Glitch der Spielsoftware ausnutzt, um eine übermächtige Kreatur zu beseitigen.
… das hier leider nicht entfalten kann
Fazit: In der Tendenz ist die Mechanik eines Videospiels zu simpel für eine längere Erzählung. Es sind die Kämpfe, die die Ereignisse vorantreiben – kaum die Dialoge oder die subtileren Interaktionen. (Auch wenn wir uns in The Secret of Monkey Island durch ellenlange Gespräche klicken mussten.) Trotzdem schafft es der Autor, die Abenteuer von Carl und Donut nicht nur auf ein, sondern auf inzwischen sieben Bücher mit fast 4000 Seiten auszudehnen. Da muss ich, aller Sympathie zum Trotz, kapitulieren.
Aber wenn der Kerker-Kriecher nicht so richtig zündet, dann ist der Labyrinth-Läufer vielleicht die bessere Wahl? Die Antwort auf diese Frage gibt es in meiner Besprechung von «Maze Runner» (in Deutsch «Die Auserwählten»).
Eine Bemerkung noch zum Hörbuch: Der Sprecher, Jeff Hays, ist grossartig. Er trägt viel zur angenehmen, unterhaltsamen und humorigen Stimmung der Geschichte bei, und sein britischer Akzent bei der Katze ist grossartig. Wenn ich mir sein Schaffen auf Audible so ansehe, dann scheint er mir der ungekrönte König der LitRPG- und Comic-haften Fantasy-Nische zu sein. In der zu schmöckern, muss sich auf alle Fälle lohnen.
Beitragsbild: Für manche zu anstrengend (Glenn Carstens-Peters, Unsplash-Lizenz).