Vor ein paar Wochen hat mir die Frankfurter SEO-Agentur trustfactory.de das Angebot unterbreitet, einen bezahlten Artikel im Blog unterzubringen. Es würde um die Themen CBD, Crypto, Gambling, Erotik und Tabak gehen. Dieser Gastbeitrag solle nicht als Werbung ausgezeichnet sein, dafür aber bestimmte Links enthalten. Diese Links sind das Kernstück dieses Angebots: Sie zielen auf den Pagerank-Algorithmus bei Google und sorgen dafür, dass die verlinkten Websites in der Resultatliste der Suchmaschine nach oben wandern.
Für meine «Mitarbeit» bei diesem Geschäft würde ich mit hundert Euro entlohnt. Ich habe (natürlich) abgelehnt und mich stattdessen eingehender mit Trustfactory beschäftigt. Interessant fand ich vor allem den Umstand, dass die Anfrage nicht direkt von Trustfactory kam, sondern über einen Vermittler, wunderpublish.de. Im Verlauf meiner Nachforschungen wurde dieser Vermittler ausgetauscht und es kam wunderwert.com ins Spiel.

Als ich meinen Blogpost veröffentlichte, besass die Wunderwert-Website nicht einmal ein Impressum. Stattdessen war dort eine Abwandlung des Lorem-Ipsum-Platzhaltertextes zu lesen. Das ist unzulässig für eine geschäftliche Website aus dem EU-Raum, für die eine Impressumspflicht existiert. Natürlich ist möglich, dass Wunderwert nicht in der EU angesiedelt ist. Aber selbst dann wirkt es nicht vertrauenerweckend, wenn uns jegliche Angaben zum Betreiber vorenthalten werden.
Es kommt Licht ins Dunkel – zumindest ein bisschen
Doch siehe da: Als ich neulich wieder einmal bei Wunderwert vorbeischaute, waren sowohl das Lorem als auch das Ipsum weg. Stattdessen wird im Impressum jetzt ein verantwortliches Unternehmen genannt. Das ist Trustfactory sp. z o.o. aus Warschau, Polen.
Das ist in dreifacher Hinsicht bemerkenswert:
- Erstens ist die Verbindung zu Trustfactory aus Mannheim belegt¹, und
- zweitens ist der Betreiber zwar in Polen angesiedelt, doch im Impressum wird die Verantwortlichkeit gemäss dem deutschen Rundfunkstaatsvertrag benannt.
Drittens wegen der Sinnfrage: Was ist der Nutzen, solche Deals mit Bloggern und anderen Internet-Leuten via Polen abzuwickeln? Die erste Vermutung lautet, dass in diesem Land undeklarierte Werbung kein rechtliches Problem darstellt. Laut meines juristischen Beistandes (ChatGPT) ist das jedoch nicht der Fall: Polen habe als EU-Mitglied die Richtlinie über unlautere Geschäftspraktiken (UGP) in nationales Recht übernommen.
Die Website wirbt mit «tiefgreifender Research, exklusivem Content und präzisem Seeding». Was in meinen Ohren nichtssagend klingt, hält auch einer tiefergehenden Prüfung nicht stand. Mir drängt sich die Vermutung auf, dass der angegebene Geschäftszweck nicht ernst gemeint ist.
Wer sind Sara Niehaus und David Myles?
Ich habe für diese Annahme zwei Indizien:
Im Abschnitt «Unsere Erfolge» sind zwei Referenzen (Testimonials) aufgeführt: Von Sara Niehaus, die VP Marketing eines Unternehmens namens FinovaPay sei, und von David Myles als Chef von SolarGrid. Ich habe gegoogelt und zu beiden Namen jeweils nur einen Treffer gefunden. Und zwar auf Wunderwert.com.

Nun, das ist kein absoluter Beweis, dass es weder die Personen noch die Unternehmen gibt. Aber wie gross ist die Wahrscheinlichkeit? Zumindest ein Handelsregistereintrag oder ein, zwei Kundenbewertungen müssten irgendwo aufzutreiben sein – zumal der ganze Zirkus deswegen veranstaltet wird, um auf Google sichtbar zu sein. David Myles schwärmt schliesslich von den «Presse-Erwähnungen, die Bände sprechen». Hätte ich da nicht die eine oder andere dieser Erwähnungen finden müssen?

Zweites Indiz: Der Ansprechpartner sei ein Mann namens Maximilian Voss, heisst es auf Wunderwert.com. Eine Prüfung mit Sight Engine (siehe hier) ergibt, dass sein Foto zu 99 Prozent KI-generiert sei.

Ich habe wiederum um eine Stellungnahme zu diesen Befunden gebeten – wie beim letzten Blogpost ohne Erfolg.
Es bleibt daher bei der Vermutung, dass via Wunderwert jener Teil des Geschäfts abgewickelt werden soll, mit der Trustfactory aus Mannheim nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Falls es anders sein sollte, bleibt mein Angebot bestehen, dass ich mich gern eines Besseren belehren lasse und hier im Blog entsprechende Aufklärungsarbeit leisten würde.
Ginge das nicht ohne die ethischen Fragezeichen?
Bleibt abschliessend die Frage: Lässt sich das Geschäft mit den Backlinks – bei Wikipedia heisst es Linkbait – überhaupt ethisch einwandfrei betreiben?
Theoretisch ja: nämlich dann,
- wenn die angebotenen Inhalte so gut wären, dass sie freiwillig veröffentlicht würden oder
- wenn die Links klar als gekauft markiert würden.
Typischerweise dürften die Kunden solcher Agenturen aber mit Inhalten aufwarten, die von Bloggern und Online-Medien eher gemieden werden. Das Geschäft der Suchmaschinenoptimierung ist überhaupt nur entstanden, weil nicht jedes Unternehmen eine Knaller-Geschichte zu erzählen hat. Wäre es anders, bräuchte es keine «Google-Champions» (Eigenbezeichnung von Trustfactory), sondern lediglich Expertinnen und Experten fürs Storytelling, die die realen Erfolgsgeschichten optimal verwerten.
Würden die Links transparent als gekauft ausgewiesen, dann würde das ohne Zweifel dazu führen, dass Google sie nicht für die Berechnung des Pageranks heranziehen würde. Denn dieser Wert soll die organische Reichweite widerspiegeln. Für die sind die Nutzerinnen und Nutzer im Web zuständig – und sicher keine SEO-Agentur.
Die Suchmaschinenoptimierung hat einen seriösen Kern: Er besteht darin, dass Inhalte in einer für Google optimalen Weise präsentiert werden. Mehr liegt nicht drin: Mit Tricks ein Interesse vorzutäuschen, das nicht existiert, ist nach meinen Massstäben nicht ethisch.
Am besten erklärt sich das mit einer Sportmetapher: Es ist in Ordnung und sogar Pflicht, sich als Sprinter für die speziellen Bedingungen bei einem Turnier vorzubereiten. Doch eine Windmaschine aufzubauen und dem eigenen Sportler Luft mit Stärke 17 auf der Beaufortskala in den Rücken zu blasen, ist unsportlich. Das könnte auch der Grund sein, dass die Windmaschine in diesem Beispiel hier über eine separate Website vermietet wird.
Nachtrag vom 18. August 2025
Ich stelle fest, dass nach wunderpublish.de übers Wochenende auch wunderwert.com aus dem Netz verschwunden ist. Ob das eine Folge meiner Berichterstattung ist, weiss ich nicht – aber die zeitliche Koinzidenz ist auf alle Fälle bemerkenswert.
Falls eine andere Website aufpoppt, die «Wunder» im Namen trägt oder sonst wie mit Trustfactory in Verbindung gebracht werden kann, lasst es mich wissen (via Kommentare oder per Mail).
Fussnoten
1) Ich habe Trustfactory aus Warschau im polnischen Handelsregister nachgeschlagen. Dort ist als Vorstand Max Bogdan eingetragen, der auf der Website von Trustfactory aus Mannheim als Mitgründer und Marketing-Chef figuriert. ↩
Beitragsbild: Soll jetzt keiner sagen, die Adiletten würden am besten als Symbol für diese Story hier taugen (Quinten Van Kerrebroeck, Pexels-Lizenz).