Smarte Fernseher sind ganz schön blöd

Es ist passiert. Unser Haushalt ist tatsächlich in der Ära des smarten Fernsehens angekommen. Wir fernsehen zwar seit gut einem Jahr nur noch via Internet. Doch das Endgerät war bis anhin unsmart, d.h. nicht ans Internet angebunden. 2008 gab es das noch nicht (oder noch nicht auf breiter Basis). Als Brückentechnologie kam ein Apple-TV der vierten Generation zum Einsatz.

Beim Fernsehen bin ich eigentlich der Ansicht, dass man die so lange verwenden sollte, bis sie auseinanderfallen. Denn auch wenn die Geräte jedes Jahr zulegen, sind beim Fernsehen die Inhalte entscheidend, nicht die paar Quäntchen mehr Qualität. Aber bei der treuen alten Philips-Glotze (37PFL7403D) gab es doch ein paar Dinge, die so langsam gestört haben. Das Bild ruckelt mir etwas zusehr. Die schwarzen Bildbereiche sind zu wenig schwarz – was wegen Netflix mehr ins Gewicht fällt, weil dort Serien wie Dark laufen, bei denen Nomen omen ist. Und schliesslich sind wir vor vier Jahren in eine grössere Wohnung gezogen – was zur Folge hatte, dass der 37-Zoll-Bildschirm (94 Zentimeter) aus der Sofaperspektive ziemlich geschrumpft war.

Also, ich konnte eine Neuanschaffung (nach etwas Selbstüberredung) mit meinem ökologischen Gewissen vereinbaren. Wir sind bei der Diagonalengrösse nicht ins andere Extrem verfallen. Sechs Zoll mehr (15 Zentimeter) war okay. Und notwendig, weil es unter dieser Grösse keine 4k-Fernseher und überhaupt fast keine vernünftige Auswahl gibt. Klar, kann man der Ansicht sein, dass 4k bei der Grösse verschenkt ist, gerade, wenn man so «gute» Augen hat wie ich. Aber wenn man wirklich was in voller Auflösung geniessen will, rückt man den Sessel halt etwas näher ans Bild. Das war jedenfalls ein Kompromiss, weil wir eben keinen gigantomanisch grossen Schirm in der Wohnung haben wollen. Die Diagonale des Panels sollte einigermassen proportional zur Bedeutung des Geräts im Haushalt sein. Und bei uns ist es eben so, dass das Fernsehen im Medienmix zwar eine gewisse Rolle spielt, aber Hörbücher, Podcasts, Zeitungen und Zeitschriften, Radio und Spotify eben auch wichtig sind.

Wir sind nach etwas Evaluation beim Sony KD-43XF7005 (Amazon Affiliate) gelandet: Der erste Sony-Fernseher überhaupt, obwohl die Marke sonst in unseren Haushalt gut vertreten ist und war.

Man sieht, dass man ausser dem Bild nicht viel siehte.

Der erste Eindruck beim wichtigsten Aspekt – dem Bild – ist positiv: Das Schwarz ist zwar nicht ganz so schwarz wie erhofft, aber wir haben uns schliesslich bewusst dagegen entschieden, in die Oled- oder Qled-Klasse einzusteigen; einfach, weil das eine noch grössere Bildschirmdiagonale notwendig gemacht hätte. Die HDR-Funktion ist ein Mehrwert, aber nicht ganz so beeindruckend, wie ich mir das aufgrund des Marketinggedöns vorgestellt hatte. Gesehen übrigens beim Film The Cloverfield Paradox, der aus einem meiner Lieblings-Genres kommt, den alternativen Realitäten. Er mit Donal Logue, Chris O’Dowd und Daniel Brühl interessant besetzt, gleitet aber leider immer mal wieder ins unfreiwillig Komische ab. Das Spielfilmformat bietet einfach nicht genügend Raum für dieses Genre. Damit die alternativen Realitäten ihre Wirkung entfalten können, braucht man mindestens eine Miniserie. Denn allzu verdichtet, werden aus den Ungereimtheiten der einzelnen Welten reine Absurditäten.

Äh, ich bin vom Thema abgekommen. 4k ist toll, wenn man sich nahe vor den Schirm setzt. Aus meiner normalen Sofa-Sitzposition sehe ich zu Full-HD kaum einen Unterschied; es sei denn, ich ziehe die Kontaktlinsen an. Was ich abends vor dem Fernseher aber nicht tun will. Ich zähle da jedenfalls ganz auf die Fortschritte im Bereich der Sehhilfen. Im Moment ist das nur bedingt ein Problem, da es nur wenige Inhalte in 4k gibt: Man kann sie selbst erstellen oder per Youtube bzw. Netflix beziehen. Aber auch bei Netflix ist das 4k-Angebot bescheiden; gemessen daran, dass man 4 Franken mehr pro Monat bezahlt, wenn man sie sehen will.

Der Ton ist im Vergleich zum Philips kein Fortschritt. Das ist bei den immer dünneren Gehäusen wohl unvermeidlich, sodass man beim Budget für den Fernseher inzwischen eine Soundbar einplanen sollte. Und wo wir bei der Kritik sind:

Braucht es alle diese Knöpfe?

Die Bedienung bei dem smarten Fernseher ist im Vergleich zum unsmarten Philips kein bisschen besser; eher im Gegenteil. Wie in unserem Digital-Jahresrückblick Kleine Siege und grosse Pleiten: Das Digital-Jahr 2018 angedeutet, verstehe ich nicht, warum sich die Hersteller bei der Usability offensichtlich keinerlei Mühe geben. Klar, es gibt nun einen Youtube- und einen Netflix-Knopf auf der Fernbedienung. Aber ansonsten muss man sich tatsächlich damit beschäftigen, was die einzelnen Knöpfe tun. Nur ein Beispiel: Es gibt eine Exit– und eine Return-Taste, die im Handbuch wie folgt beschrieben sind:

«Exit kehrt zum vorherigen Bildschirm zurück oder beendet das Menü. Wenn ein Dienst einer interaktiven Anwendung verfügbar ist, drücken Sie diese Option, um den Dienst zu beenden.» – «Return. Kehrt zum vorherigen Bildschirm eines angezeigten Menüs zurück. Hält die Wiedergabe an, wenn Foto-/Musik-/Video-Dateien wiedergegeben werden.»

Nun, das vergrössert meine Verwirrung eher noch, weil die Tasten auch gemäss Beschreibung offensichtlich fast das gleiche tun. Die Spezialität der Return-Taste, nämlich Stoppen der Wiedergabe, doppelt sich mit der Pause-Taste am unteren Rand. Die Tasten dort werden wiederum wie folgt beschrieben: «… bedienen Medieninhalte im Fernsehgerät und im angeschlossenen Bravia-Sync-fähigem Gerät. Diese Tasten können auch für die Wiedergabe von VOD-Diensten (Video-on-Demand) verwendet werden. Die Verfügbarkeit ist vom VOD-Dienst abhängig.»

Sorry, aber wtf? Ich bin zwar kein Fan der Fernbedienung des Apple-TVs, aber die beweist wenigstens, dass man mit sechs Knöpfen und einem Touch-Feld über die Runden kommt. Das Touch-Feld könnte man auch durch ein Tastenkreuz ersetzen – dann wären es zehn Tasten. Die Sony-Fernbedienung hat, wenn ich mich nicht verzählt habe, über 50 Tasten.

Die Smartheit des Geräts macht die Sache auch nicht besser. Klar, wenn man sich für ein Modell mit Android-TV entscheidet, dann profitiert man einerseits davon, dass man Android wahrscheinlich schon ein bisschen kennt. Und andererseits gibt es diverse Apps, um den Funktionsumfang zu erweitern. Das ist beim KD-43XF7005 aber kein Thema, denn dieses Modell kommt mit Linux. Diesem Betriebssystem gibt man mehr Vorschusslorbeeren, was den Schutz der Privatsphäre angeht – wobei man natürlich auch nicht weiss, was Sony eigenen Funktionen reingebastelt hat. Was die smarten Möglichkeiten angeht, ist diese Linux-Variante eine Enttäuschung.

Im Apps-Menü findet man 13 Apps: Bekannte Grössen wie Netflix, Youtube und Prime-Video von Amazon. Aber auch Dinge, von denen kein Mensch je gehört hat. Vewd und Rakuten TV, zum Beispiel. Ersteres ist offenbar eine Plattform von Opera, die früher Opera TV hiess, letzteres ein Video-on-Demand-Dienst, den es laut Wikipedia tatsächlich auch in der Schweiz gibt und mit der die Swisscom irgendwie verbandelt ist. Vielleicht werde ich den mal testen.

Daneben gibt es Apps, die man zwar kennt, die in dieser Dreizehner-Auswahl aber einen wahnsinnig willkürlichen Eindruck machen. Die Berliner Philharmoniker? Meteo News? Der Deutschen Welle kann ich etwas abgewinnen, aber natürlich hätte ich an der Stelle lieber die SRF-Mediathek. Es gibt jedenfalls den Vewd-App-Store, den ich noch genauer ansehen muss – aber es ist völlig offensichtlich, dass der Apple-TV längst nicht überflüssig ist.

Womit wir bei der nächsten Absurdität wären. Etwas vom ersten, was ich bei einem neuen Fernseher mache, ist die Farbsättigung zurückzudrehen – und meistens die Farbtemperatur etwas kälter einzustellen. Das habe ich auch beim Sony-Fernseher getan. Youtube und Netflix kommen über die eingebauten Apps nun genauso daher, wie ich mir das vorstelle. Nicht aber das Bild des Apple TV. Das ist so übersättigt wie eh und je und auch zu hell. Offensichtlich ignoriert der Sony-Fernseher die Bildeinstellungen auf dem externen HDMI-Engang komplett. Drückt man die Options-Taste, um das anzupassen, passiert nichts.

Da denkt man natürlich erst einmal, man sei bescheuert oder hätte unter den 50 Tasten der Fernbedienung die passende noch nicht gefunden. Es gibt jedoch Beiträge im Netz, die darauf hindeuten, dass man nicht der einzige mit dem Problem ist. Sony hält in der Supportdatenbank den Beitrag The Picture Mode setting cannot be changed while playing HDR content via IPTV, USB or HDMI bereit, von dem ich mir nicht sicher bin, ob er passt, zumal unser Modell nicht aufgeführt ist. Das ist jedenfalls ein Problem, das einen zur Frage bringt, ob man das Gerät nicht umtauschen müsste.

Nach etwas längerem Suchen habe ich diese Erklärung gefunden:

Nein, das ist kein Defekt. Die Funktionsweise der Taste Options ist umfangreich. Im TV-Tuner-Betrieb erscheinen die Optionen wenn man Options drückt. Im HDMI-Betrieb ist der TV ab Werk so eingestellt, dass wenn man Options drückt, die Optionen bzw. Tools des HDMI-Gerätes angezeigt werden. Wenn jedoch das angeschlossene HDMI-Gerät keine HDMI-CEC-Funktion besitzt (HDMI-Steuerung), landen die vom TV gesendeten HDMI-Steuerungsbefehle im Nirvana. Gedacht ist diese Funktion für Bluray-Player, Heimkino-Systeme usw. Das erleichtert die Bedienung des HDMI-Gerätes mit der TV-Fernbedienung sehr, führt aber in Deinem konkreten Fall mit Non-Sony-Equipment bzw. Geräten ohne HDMI-Steuerungsfunktion zu einem «Missmatch».

Um die Optionen des TV bei HDMI-Quelle aufzurufen musst du wie folgt vorgehen: Drücke Sync-Menü > TV-Steuerung > Optionen. Die Optionen werden rechts eingeblendet. Oder du schaltest die erweiterten Steuerungstasten für HDMI-Geräte einfach ab. Am besten machst du das im TV-Tuner-Betrieb: Home > Einstellungen > Externe Eingänge > HDMI-Grundeinstellungen > Gerätesteuerungstasten > «Keine». Dann erscheinen unabhängig von der Eingangsquelle immer die TV-Optionen, wenn du Options drückst.

Nochmals, Sony, what the faaaack?! Darauf kommt kein Mensch von allein! Das ist das Gegenteil von Benutzerfreundlichkeit. Und es zeigt, dass ihr euren Kopf im eigenen Arsch habt, wenn ich das mal etwas unhöflich formulieren darf. Wenn man damit rechnen würde, dass die Nutzer auch «Non-Sony-Equipment» verwenden, dann würde einem sofort einleuchten, dass das so nicht gehen kann/darf. Ob es in meinem Fall hilft, habe ich noch nicht ausprobieren können. Aber ich werde den Beitrag hier entsprechend aktualisieren, wenn ich Klarheit habe. Und wenn es nicht klappt, steht die Retournierung im Raum. Und ich darf vermelden: Die Anleitung hat geholfen: Die Variante via Sync-Menü funktioniert. Der Weg über das Home-Menü klappt nicht, weil der Befehl Externe Eingänge fehlt. Aber immerhin, die Retournierung des schönen neuen Gadgets ist damit vom Tisch.

Ich komme unweigerlich zu folgendem Schluss: Hardware können die Fernseh-Hersteller, aber bei allen anderen Aspekten ist das ein Trauerspiel. Zwei weitere Beispiele dazu:

Erstens die Passworteingabe. Die ist via Fernbedienung äusserst umständlich. Wie einfach es gehen könnte, zeigt die Youtube-App: Die merkt, wenn man sich mit seinem Handy im gleichen WLAN befindet und erlaubt es, vom Handy aus die Youtube-App am Fernseher mit dem eigenen Konto zu verknüpfen. Das ist in Sekunden erledigt und sehr elegant.

Und eben: Das Smartphone könnte eine so elegante Fernbedienung sein. Warum also nicht Bluetooth in den Fernseher einbauen und die Steuerung via App ermöglichen? Bluetooth würde das Gerät höchstens um ein paar Franken verteuern – was ich sofort bezahlen würde. Plus hätte es den Vorteil, dass man sehr einfach Bluetooth-Kopfhörer mit dem Fernseher verwenden könnte. Zum Beispiel die grossartigen Sony WH-1000XM2.

Zweitens die eigenen Fotos. Ich habe mir überlegt, wie ich die am elegantesten auf den Fernseher bringe. Das geht natürlich via Apple TV, aber dann sehe ich sie nur in Full HD, da das das Maximum ist, was der Apple TV beherrscht. Um sie in 4k zu sehen, muss man sie in eine App direkt in den Fernseher bringen. Eine charmante Lösung ist Photo Sharing Plus: Die mitgelieferte App macht ein Ad-Hoc-WLAN auf, auf das man via Handy oder Computer verbindet. Dann kann man ohne App, direkt via Browser, Fotos hochladen, die dann angezeigt werden. Das ist schön, weil so auch Gäste ihre Fotos ohne weiteren Aufwand vorfähren können.

Es ist aber nicht sehr praktisch für den Hausherrn selbst, der die neuesten Bilder mit weniger Aufwand ansehen möchte. Klappt es, über den Vewd-Store bzw. Opera zum Beispiel die Plex-App zu installieren? Wenn man dazu googelt, scheint es ein Hin und Her zu sein: Mal geht es, mal nicht. Da werde ich noch Nachforschungen anstellen müssen, über deren Ergebnisse ich euch natürlich auf dem Laufenden halte.

Folgende Lösung funktioniert, ist aber maximal unkomfortabel: Man startet Plex wie hier beschrieben am Computer und verbindet dann über den Browser des Fernsehers (eine der 13 vorinstallierten Apps) auf die IP-Adresse des Fernsehers. Man gibt dann über die Fernbedienung sein Plex-Passwort ein und kann dann (wenn man dabei nicht wahnsinnig geworden ist), über die Weboberfläche tatsächlich auf seine Inhalte zugreifen. Allerdings schiebt man dafür den Cursor über das Steuerkreuz über den Bildschirm – und fragt sich, ob man eigentlich völlig bescheuert ist.

Trotzdem will ich mit einem Hoffnungsschimmer enden: Was ich Sony anrechne, ist, dass es den Channel Editor gibt, mit dem man die Programmbelegung per Computer bearbeiten kann. Denn wenn man noch herkömmliches Fernsehen schaut (was wir nicht tun), ist die Sortierung der Sender nach dem eigenen Gusto eine mühselige Angelegenheit. Dass man das mit einem Programm (Windows, Mac) ist sinnvoll. Wenn man bei Sony die Sache zu Ende gedacht hätte, dann wäre natürlich eine Smartphone-App für diesen Zweck herausgekommen. Aber besser als gar nichts.

Beitragsbild: Früher war alles einfacher (makamuki0/Pixabay, CC0).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

6 Gedanken zu „Smarte Fernseher sind ganz schön blöd“

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