Mundtote Arbeitskollegen

Der Sony WH-1000XM2 (Amazon Affiliate) ist ein tpyischer Kopfhörer von Sony: Designmässig nicht mein Cup of tea, mit einem unverbindlichen Herstellerpreis von 479 Franken teuer (man kriegt ihn allerdings auch für unter 400 Franken) und schwierig zusammenzufalten, wenn man ihn ins Täschchen reinbekommen will. Trotzdem hat mich der Kopfhörer beeindruckt.

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Sonys Metapher im Werbevideo für die Geräuschunterdrückung: Eine Kanufahrt irgendwo im Nirgendwo.

Und zwar wegen der Geräuschunterdrückung. Die ist im Vergleich zu früheren Modellen um Welten besser geworden. Ich teste nicht jeden Kopfhörer, sodass der Fortschritt umso frappanter erscheint. Mein Mass der Dinge ist der Newsroom des Tagesanzeigers. Dort geht es nicht immer gleich hektisch zu und her, doch ein konstanter Geräuschpegel herrscht ständig. Es gibt zum einen das typische Grundrauschen, das durch die vielen Computer mit ihren Lüftern und durch all die andere Technik entsteht. Und es gibt zum anderen die Leute, die in unterschiedlichen Pegeln miteinander sprechen oder telefonieren, durch den Newsroom flanieren oder ihre Tastaturen und Mäuse traktieren. Sprich: Es gibt eine einigermassen vielfältige Geräuschkulisse, die für die Geräuschunterdrückung durchaus eine Herausforderung darstellt.

Das Grundrauschen lässt sich einfach eliminieren. Genau wie im Flugzeug kann sich der Antischall darauf einschiessen (falls man dem so sagen kann). Doch das unregelmässige Klappern und vor allem das Plaudern ist schwieriger. Das haben die Kopfhörer, die ich bislang im Newsroom getestet habe, nicht wegbekommen.

Anders der WH-1000XM2: Er lässt Leute, die quasi direkt vor mir stehen, fast komplett verstummen. Man könnte den Kopfhörer darum auch einen Taubheitssimulator nennen. Sehr angenehm – und auch das Telefon hört man fast gar nicht mehr. (Gut, das höre ich sowieso selten, da ich den Rufton so leise eingestellt habe, dass er nicht mehr stört – was in gewisser Weise nicht dem Sinn und Zweck entspricht. Aber egal.)

Sony nennt das im PR-Sprech «personalisierte Geräuschunterdrückung»: Die Optimierung «analysiert persönliche Eigenschaften wie die Grösse des Kopfes, Brille und Haar, und optimiert dann Ihren Sound entsprechend.» Ich kann sagen, dass kein Männchen aus dem Kopfhörer gesprungen kam, das sich erst einmal Kopf besah und dann ein paar Hebelchen betätigte, um meine persönlichen Kopf-, Haar- und Brillenparameter zu regeln. Aber das Resultat spricht für sich und irgendwie scheint es, wie heute üblich, auch etwas mit künstlicher Intelligenz zu tun zu haben.

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Via App hat man sehr viele Einstellungsmöglichkeiten: Rauschunterdrückung, Raumklang, Equalizer und Codecs.

In der Headphones-App (iPhone/iPad und Android) passt man die Geräuschunterdrückung an. Man kann komplette Ruhe einstellen, wie ich das im Newsroom gerne tue. Man darf ihn aber auch so konfigurieren, dass die Kollegen nicht mundtot gemacht werden, sondern noch klar hörbar sind.

Man steuert den Kopfhörer durch Handauflegen. Legt man die Hand auf die rechte Muschel, wird der Ton von aussen durchgeleitet, sodass man sich mit den Personen um einen herum unterhalten kann. Man muss den Kopfhörer nicht abnehmen, sieht allerdings aus wie ein Depp, weil man die Hand an die rechte Muschel hält.

Durch Streichen vertikal auf der rechten Muschel macht man die Musik lauter bzw. leiser. Durch Vorwärtsstreichen springt man vor, durch Rückwärtsstreichen zurück. Doppeltes Antippen startet und stoppt die Wiedergabe. Führt man Telefongespräche, nimmt man durch Doppeltippen ab oder legt auf.

Der Kopfhörer hat ein abnehmbares Kabel. Man kann ihn sowohl mit Geräten nutzen, die verlangen, dass Kopfhörer tatsächlich physisch angeschlossen werden, oder aber auch drahtlos betreiben. Und er beherrscht auch Multipoint Bluetooth: Das heisst, man kann ihn mit mehreren Geräten parallel pairen. Und es ist bei manchen Kopfhörern wie bei meinen Bose SoundSport Wireless möglich, einen zweiten Kopfhörer zu koppeln, der das gleiche Programm spielt. Ob letzteres beim WH-1000XM2 auch geht, habe ich bislang nicht verifizieren können. In der Anleitung ist es nicht beschrieben.

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Negativ ist mir das Bluetooth-Pairing in Erinnerung: Da man beim iPhone nicht NFC nutzen kann, ist das nach wie vor eine mühsame Angelegenheit. Man muss den Kopfhörer in den Pairing-Modus versetzen, was theoretisch durch mindestens siebensekündiges Drücken des Ein-/Aus-Schalters passieren müsste. Bei mir hat es erst beim x. Versuch geklappt. Aber da das öfters der Fall ist, kann das entweder an mir oder an Bluetooth generell liegen. Ich neige zur Annahme, dass das letztere der Fall ist.

Abgesehen davon ein Kopfhörer, der ausgezeichnet klingt. Er unterstützt diverse Codecs, auch LDAC für hochauflösendes Audio und in der App gibt es Einstellungen zum Klang, zum Beispiel einen Equalizer. Man kann in der App einstellen, ob man die Priorität auf die Klangqualität oder auf die Verbindungsstabilität setzen möchte. Klar, Priorität eins sollte die Qualität haben. Wenn es dann aber zu Verbindungsabbrüchen und -Aussetzern kommt, wählt man die Stabilität.

Der Kopfhörer macht das Leben im Newsroom so deutlich angenehmer, dass ich geneigt bin, ihn zu kaufen dass ich mein Sackgeld dafür rausgeworfen habe. Liesse sich sowas auf Spesen tun, wenn es die Arbeitsleistung ganz offensichtlich erhöhen würde? Was ich allerdings noch herausfinden muss, ist, ob mir auch bei diesem Kopfhörer wieder der Magen flau wird. Das wäre natürlich ein K.o.-Kriterium – denn was nützt ein lärmunterdrückender Kopfhörer, wenn einem stattessen schlecht ist? Ansonsten wäre das ein echtes Plus fürs neue Arbeitsjahr. Und nach längeren Sessions habe ich festgestellt, dass mir bei diesem Modell auch der Magen nicht flau wird. Ich bilde mir zwar ein, den Antischalldruck wahrzunehmen – aber nicht so, dass ich die Rauschunterdrückung abschalten müsste. Darum ist dieser Kopfhörer ein echtes Plus fürs neue Arbeitsjahr.

Autor: Matthias

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