Gott ist tot. Diesmal aber so richtig

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Da «Origin» noch nicht verfilmt ist, hier Robert Langdon in «Da Vinci Code». (Bild: My new wee car appearing in The Da Vinci Code von Neal Fowler/Flickr.com, CC BY 2.0)

Dan Brown zu lesen, ist ein bisschen wie beim MacDonald’s Essen zu gehen: Es befriedigt im Moment, doch nach einer halben Stunde ist das Sättigungsgefühl auch schon wieder verfolgen. So ging es mir zumindest nach Sakrileg (Amazon Affiliate) bzw. The Da Vinci Code (Amazon Affiliate) und vor allem nach Illuminati (Amazon Affiliate) alias Angels & Demons (Amazon Affiliate). Das hatte mit den stereotypen Figuren, den pseudowissenschaftlichen Anleihen und vor allem mit der überzogenen Action am Ende zu tun. Die ganze Helikoptersache war doch etwas sehr dick aufgetragen. Völlig überflüssig, wie auch die James-Bond-Filme zeigen. In den Büchern ist nicht ständig die ganze Welt bedroht, und die unterhalten genauso gut. Wenn nicht besser.

Dennoch habe ich mich auf Origin (Amazon Affiliate) eingelassen, der auch in Deutsch so heisst (Amazon Affiliate). Und erstaunlicherweise fühle ich mich nun nicht so schmutzig, als ob ich gerade entgegen meine sämtlichen Überzeugungen beim Fast-Food-Fressen gewesen wäre. Im Gegenteil – ich halte das Buch für eine gelungene Auseinandersetzung mit seinen Themen. Und für unterhaltsam genug, um es hier zu besprechen.

Es geht natürlich um Browns Lieblingsthema, die (annähernde) Unvereinbarkeit von Religion und Wissenschaft. Auch die Figuren kommen einem bekannt vor: Da gibt es den Mörder (Marineadmiral Luis Avila), den Helden (Robert Langdon) und the damsel in distress als weibliche Hauptfigur, dieses Mal die schöne Musemusleiterin und Verlobte des spanischen Prinzen, Ambra Vidal. Es gibt viele eindrückliche Schauplätze: Das Guggenheim Museum in Bilbao, Sagrada Família und Casa Milà in Barcelona.

Kurz zum Fazit für Leute, die das Buch vielleicht noch lesen möchten und hier darum keinen Spoiler sehen wollen:

Das Buch passt gut in den Reigen meiner Nerdliteratur-Bücher. Es geht nebst der Religion um den Stand der Technik im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrtausends: Der geniale Erfinder im Buch, Edmond Kirsch, hat nicht nur eine Kreatur geschaffen, die den Turing-Test besteht. Er hat auch einen Superrechner gebaut, der zur Hälfte mittels Quanten rechnet und Simulationen ermöglicht, die … okay, das auszudeutschen, wäre jetzt ein Spoiler.

Es gibt virtuelle Realität und künstliche Intelligenzen im Buch, eine aktive Social-Media-Community, Anspielungen an Steve Jobs und einen Nebendarsteller namens Winston, der am besten mit der saloppen Bezeichnung «Siri on Steroids» charakterisiert wird. Und es gibt sogar eine Art Zeitreise – wenngleich niemand wirklich von einem Punkt in der Geschichte zu einem anderen hüpft. Aber ohne Zweifel sind genug Zutaten für einen veritablen Tech-Thriller vorhanden.

Und auch der von Futurist Edmond Kirsch angestossene Disput mit den drei Weltreligionen hat Hand und Fuss: Der Mann – der Atheist ist und darum lustigerweise besser Kirch statt Kirsch geheissen hätte – hat nicht nur eine Antwort auf die Frage, woher wir kommen, sondern auch auf die Frage, wohin wir gehen. Um diese Entdeckung dreht sich die Geschichte – und um den Versuch von den fundamentalistischen Gegenspielern, die diese Entdeckung unterdrücken wollen. Da hätte auch hanebüchener Unsinn herauskommen können. Aber ich fand Kirschs Entdeckung bzw. Browns Theorie spannend und einleuchtend. Ich könnte mir vorstellen, dass es so ist, wie hier behauptet wird. Oder anders gesagt: Es wäre für mich völlig in Ordnung, wenn es so wäre. Auch wenn ich nicht recherchiert habe, wie nah an der Wirklichkeit dieses Gedankenkonstrukt ist. Schülern würde ich jedenfalls nicht empfehlen, «Origin» als Grundlage für ein naturwissenschaftliches Referat heranzuziehen. Brown hat in der Vergangenheit jedenfalls auch schon Pseudowissenschaft und Falschinformationen verbreitet.

Aber bei einer fiktiven Geschichte ist das explizit erlaubt. Und da die Theorie überzeugt, funktioniert auch der Plot. Denn Brown hat recht: Wenn ein Paradigmenwechsel mit dem Ausmass von Kirschs kleiner, weltweit gestreamter Multimediashow über die Menschheit hereinbräche, käme die Kirche in einen massiven Erklärungsnotstand. Und vielleicht wäre es so, wie Kirsch es sich ausmalt: Dass die Menschheit auf der Bugwelle der technologischen Entwicklung in die nächste evolutionäre Entwicklungsstufe gleitet und die religionsbedingten Konflikte hinter sich lässt. Gene Roddenberrys «Star Trek»-Utopie lässt an dieser Stelle übrigens grüssen.

Trotzdem ist das Buch versöhnlicher als frühere Werke, wo finstere Kirchenleute aus Machtgier und jahrhundertelang gepflegter Selbstüberhöhung arrogant und skrupellos die Fäden zogen. Ist Brown etwa erwachsen geworden? Langdon jedenfalls äussert sich versöhnlich und lässt der Religion auch nach Kirschs atheistischer Götterdämmerung ihren Platz. Und am Ende malt er sich mit Father Beña sogar aus, wie die «hellen» Religionen mit der Wissenschaft friedlich koexistieren könnten.

… «atheistische Götterdämmerung»? Habe ich das tatsächlich geschrieben? Und ist das jetzt genial oder absoluter Quatsch?

Wie auch immer – an dieser Stelle ist für die, die das Buch vielleicht selbst lesen möchten, genügend gesagt. Darum ab jetzt bitte aufhören, denn nachfolgend kommen allenfalls ein paar Spoiler.

Man kann die vermeintliche Verschwörung als Rohrkrepierer ansehen. Bischof Valdespino ist nicht etwa ein garstiger Intrigant wie damals der durchgeknallte Camerlengo, sondern – und das ist wirklich ein Knaller – der geheime Geliebte des spanischen Königs. Des katholischen Glaubens willen ist die Liebe zwischen dem Adelsstand und dem Klerus rein platonisch, aber gefallen hat mir diese Wendung trotzdem. Ebenso wie die weniger schwarzweisse Zeichnung der Charaktere. Der eigentliche Verschwörer ist – und das war für mich längst nicht so überraschend wie für Robert Langdon, eine skrupellose künstliche Intelligenz und einer, dem klar war, dass ein Märtyrer seiner Sache gut tun würden. Während in früheren Büchern Browns jeweils religiöse Splittergruppen Dreck am Stecken hatten (Stichwort Opus Dei), ist die extreme katholische Sekte der Palmarian Catholic Church zumindest in dem Fall unschuldig.

Den Vorwurf früherer Bücher, dem Plot jede Vernunft unterzuordnen, muss ich Brown in diesem Buch jedenfalls nicht machen lassen. Man könnte im am ehesten seinen didaktischen Impetus vorwerfen: Man erfährt so viel über Kunst und Kultur und über Antoni Gaudí. Und über das Ampersand. Denn Robert Langdon ist bekanntlich Symbologe, und als solcher müssen Symbole zwingend eine Rolle spielen. «Origin» deswegen als Typografie-Thriller zu bezeichnen, wäre übertrieben. Aber dem & kommt eine Schlüsselrolle zu. Und das gefällt wir wiederum gut – auch wenn das Et natürlich nicht so genial war wie die Ambigramme in «Illuminati». Die durch sie inspirierte Sammlung von Ambigrammgeneratoren, die ich seinerzeit im Beitrag Online Ambigramme kreieren vorgestellt habe, erfreut sich heute noch grosser Beliebtheit, wie ich dank des Bit.ly-Links weiss.

Kurz und gut: Man darf das Buch ohne schlechtes Gewissen lesen! Wenn man die ultimative Auseinandersetzung mit der christlichen Religion bevorzugt, ist das aber die bessere Wahl.

Autor: Matthias

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