Bücher gibt es auch ohne Buchverlage

Es gibt im Büchermarkt auch eine Amateurliga: Tauschbörsen für Geschichten, bei denen man nicht nur lesen, sondern auch veröffentlichen kann. Ich habe mir Wattpad näher angeschaut.

Wenn es eine Redewendung gibt, die unsere Lebenssituation passend beschreibt, dann ist das diejenige von der Qual der Wahl. In allen erdenklichen Lebensbereichen gibt es ein so grosses Angebot, dass wir konstant gezwungen sind, zu wählen, Entscheidungen zu treffen und das Gefühl auszuhalten, dass es höchst wahrscheinlich ist, dass wir viele noch viel schönere, bessere und passgenauere Optionen übersehen haben.

Der Fachbegriff dafür ist Multioptionsgesellschaft. Gelegentlich wird auch das Wort Überflussgesellschaft verwendet, aber mir ist das zu moralisierend. Ich finde es nicht übel, eine grosse Auswahl zu haben, auch wenn ein so reichhaltiges Angebot eine Schattenseite hat. Es ist unbestritten, dass es den Dingen einen zusätzlichen Wert verleiht, wenn sie knapp sind: Sich monatelang auf einen neuen Kinofilm zu freuen, ist ein Vergnügen, dass uns in Zeiten von Netflix fast verwehrt bleibt.

Der Bücherhorizont reichte bis zur Dorfbibliothek

Wir haben dieses Thema im Nerdfunk einmal ausführlich behandelt, und zwar in der Sendung Als wir unsere Unschuld verloren haben: In der diskutieren wir, was wir eigentlich gemacht haben, als es das Internet noch nicht gab. Damals haben wir uns noch nach dem Fernsehprogramm ausgerichtet, weil es nur mittwochnachmittags eine neue Folge von «Wickie und die starken Männer» gab. Und was Bücher anbelangt, hat das Büchergestell der Eltern und das Angebot in der Dorfbibliothek unsere Auswahlmöglichkeiten definiert.

Nun bin ich doch fast im nostalgischen Modus angelangt. Es bleibt aber dabei: Es ist grossartig, eine reichhaltige Auswahl zu haben. Man hat zwar die Qual der Wahl, aber wenn man sich einigermassen geschickt anstellt, muss man sich nicht mit dem begnügen, was halt gerade da ist – so, wie damals, als man sich auf der Suche nach Unterhaltung durch zwanzig oder dreissig Fernsehkanäle gezappt hat und bei dem Programm hängen geblieben ist, das am wenigsten schlimm war.

Beim Lesen – und damit sind wir beim eigentlichen Thema des heutigen Beitrags – müssen wir uns nicht mehr mit dem Angebot der Dorfbibliothek zufriedengeben.

Es gibt ein riesiges Sortiment an elektronischen Büchern, die man sich zu jeder Tages- und Nachtzeit auf sein Lesegerät holen kann. Es gibt ein riesiges Kauf- und ein beachtliches Gratis-Angebot (Das Lesegerät mit Gratis-Büchern füllen). Wer sich nicht entscheiden kann, bezieht Hörbücher nach dem Flatrate-Prinzip (Kann Bookbeat Audible das Wasser reichen?). Die Streamingdienste halten auch Hörbücher bereit (siehe Zwei Apps für gestreamte Hörbücher). Schliesslich kann man sich dank Blinkist Bücher auch in komprimierter Form zuführen (Ein Wimpernschlag für ein ganzes Buch).

Es gibt auch ein riesiges Angebot an nicht offiziell verlegten Geschichten

Das ist das, was der professionelle Markt bereithält. Es existiert jedoch auch eine Amateurliga. Über das frappierende Angebot an Fan-Fiction habe ich mich im Beitrag Wo die weiblichen Nerds das Sagen haben ausgelassen.

Daneben gibt es auch Plattformen, die ich als Tauschbörsen für Geschichten bezeichnen würde. Die bekannteste ist vermutlich wattpad.com, aber es gibt diverse weitere: belletristica.com, miraquill.com oder inkitt.com, um nur einige zu nennen.

Irgendwo könnte hier ein ungeschliffener Diamant verborgen sein. Bloss wo?

Diese funktionieren oft nach dem gleichen Prinzip: Man kann Geschichten lesen, selbst schreiben, bzw. veröffentlichen – oder aber auch beides. Bei Wattpad – das auch fürs iPhone/iPad und Android, nicht aber für klassische E-Book-Reader erhältlich ist –, verhält es sich so: Als Mitglied der Community kann man konsumieren oder publizieren, wie man lustig ist. Laut Wikipedia gibt es Geschichten in mehr als fünfzig Sprachen, und am jährlichen Schreibwettbewerb beteiligen sich 300’000 Autoren aus 35 Ländern.

Es gibt um die zwei Dutzend Kategorien, darunter Dinge wie Horror, Humor, Science-Fiction, Jugendliteratur, Thriller, ChickLit (war mir vorher auch kein Begriff), Vampire, Mystery, Fantasy, Historische Romane und Romantik. In den meisten Kategorien gibt es zwischen tausend und zweitausend Geschichten, bei Thriller 1600, bei Science Fiction 1400, bei Romantik 1300.

Millionenfach gelesene Geschichten

«Sin» ist eine Science-Fiction-Geschichte, die man natürlich auch am iPhone lesen kann.

Da einem als Neueinsteiger die Autorennamen vermutlich nichts sagen werden, gibt es als Orientierungshilfe nebst der inhaltlichen Zusammenfassung auch die Angabe, wie oft eine Geschichte gelesen wurde – bei den beliebten Titeln geht die Zahl in die Millionen – und ein Hinweis, ob sie fertig ist oder noch fortgeführt wird. Und es gibt einige Stichworte wie zum Beispiel hot. (Wie nicht anders zu erwarten, gibt es auch erotische Inhalte, die mit dem roten Label «Erwachsenenunterhaltung» markiert sind.)

Es liegt in der Natur der Sache, dass ich an dieser Stelle kein Urteil abgeben kann, wie gut oder schlecht die Geschichten sind. Für einen guten Eindruck müsste man sich Monate oder Jahre durch das Angebot kämpfen. Ich habe einige Stichproben vorgenommen und mir vorwiegend den Stil der Werke angeschaut.

Es ergibt sich der Eindruck, dass manchen Texten eine Bearbeitung durch einen Lektor nicht geschadet hätte. Andere bewegen sich auf dem Niveau, das man auch in den Buchhandlungen in den Regalen für Unterhaltungsliteratur mit eher bescheidenen Ansprüchen antrifft. Auf einen richtigen Hammer bin ich indes bislang nicht gestossen.

Es bleibt die Frage: Warum sollte man sich mit einer solchen Plattform beschäftigen, wo es doch im professionellen Buchhandel ein mehr als ausreichendes Angebot gibt? Zumal dort die Verlage als Gatekeeper dienen und einen beträchtlichen Anteil des unlesbaren Schrotts ausfiltern?

Verlage wollen nicht nur Leserinnen glücklich machen, sie wollen auch Geld verdienen

Dieses Argument ist nicht von der Hand zu weisen. Genauso einleuchtend ist es allerdings, dass Verlage nicht nur qualitative Massstäbe anlegen, sondern auch kommerzielle. Das heisst, Themen und Genres, die sich nicht verkaufen, werden auch nicht produziert. Autoren, die Bücher veröffentlichen, werden sich bewusst oder unbewusst den populären Themen zuwenden – oder vielleicht sogar so weit gehen, ihre Geschichte nicht für den Leser, sondern für den Lektor im Verlag zu verfassen.

Die Wahrscheinlichkeit ist daher intakt, dass man auf solchen Plattformen auf Rohdiamanten stossen wird: Unverfälschte Geschichten, die genauso sind, wie der Autor sie schreiben wollte, und die man allein deswegen heiss und innig lieben wird. Allerdings weiss jeder, dass man viele Steine umdrehen muss, um auf einen Diamanten zu stossen. Es bleibt somit die Frage, ob man dafür die Zeit hat – was ich für mich unbedingt verneinen würde.

Wer einen Verlag hat, braucht Wattpad nicht

Wenn man eine eigene Geschichte in der Schublade hat, dann lädt man sie ohne viel Federlesens hoch.

Denn es liegt auf der Hand: Wenn ich ein Nachwuchsautor bin, der eben seinen ersten Roman vollendet hat, der in der ganzen Bekanntschaft und Verwandtschaft auf Begeisterung stösst, der wird das nicht zuerst auf Wattpad publizieren.

Nein, natürlich versuche ich es zuerst bei dem renommiertesten Verlag, den ich kenne. Wenn der es ablehnt, dann klappere ich die etwas weniger gut beleumundeten Häuser ab. Und erst, wenn alle Nein gesagt haben, kommt Wattpad zum Zug.

Dieses Problem hat auch Wattpad erkannt und meines Erachtens geschickt adressiert: Auf der Startseite steht, dass die Plattform eben nicht nur als Alternative zum klassischen, kommerziellen Buchhandel in Erscheinung treten will, sondern quasi als Sprungbrett dorthin:

Wattpad Books strebt danach, vielfältige Stimmen anzuerkennen und widerzuspiegeln, indem sie Wattpad-Geschichten in publizierte Bücher verwandeln und in Bücherregale rund um die Welt bringen.

Nicht nur das: Man könnte auch als Drehbuchautor entdeckt werden:

Wattpad Studios entdeckt talentierte, unentdeckte, nicht unter Vertrag stehende Autoren auf Wattpad und bringt sie mit globalen Multimedia-Entertainment-Unternehmen zusammen.

Ist das nun eine reelle Chance oder ein Versprechen, das genauso unwahrscheinlich ist, wie dass man dreimal hintereinander vom Blitz getroffen wird?

Wenn Wattpad tatsächlich ein Sprungbrett ist, dann müssten doch Produktionen aufzufinden sein, die damit werben, dass der Autor ein Nobody war, der auf diese Weise entdeckt worden ist. Das allein wäre eine spannende Erzählung, die bei der Vermarktung des Films garantiert nach allen Regeln der Kunst ausgeschlachtet werden würde.

Wohl doch nicht die grosse Kaderschmiede

Ich habe darum auf IMDB nach «Wattpad» gesucht und vier Treffer gefunden (He’s Into Her, Through my Window – Ich sehe nur dich, The Four Bad Boys and Me und Talk Back and You’re Dead). Was genau das Stichwort jeweils bedeutet, ist nicht näher erklärt – aber da es nicht Hunderte von Produktionen sind, die IMDB ausspuckt, würde ich nicht so weit gehen, Wattpad als ultimative Kaderschmiede für die Nachwuchstalente von Hollywood zu bezeichnen.

Fazit: Meine Empfehlung für ein Nachwuchstalent wäre, es auf dem herkömmlichen Weg zu versuchen. Allerdings: Wenn man keine übermässigen Ambitionen hat und sein Geschichtenerzählen vor allem als Hobby betreibt, dann sehe ich nicht, warum man die Werke nicht in solchen Communities veröffentlichen sollte: Immerhin hat sie laut Betreiber insgesamt um die neunzig Millionen Leserinnen. Auch als Leser kann man sich ruhig umsehen – vorrangig zu Themen und Bereichen, bei denen man vom klassischen Buchmarkt vernachlässigt fühlt. Oder natürlich aus reiner Neugierde.

Wattpad gibt es gemäss Wikipedia seit 2006; insgesamt sind siebzig Millionen Risikokapital in die Plattform geflossen. So gesehen ist es nicht wirklich eine nicht-kommerzielle Alternative zum klassischen Büchermarkt. Den Community-Charakter bestreite ich jedoch nicht. Man kann die Plattform gratis nutzen.

Es gibt auch ein Premium-Abo. Mit dem gibt es keine Unterbrecherwerbung und man kann Geschichten unbeschränkt zum Offline-Lesen herunterladen. Und die Münzen (Coins), zu denen ich gleich noch komme, sind mehr wert. Es gibt zwei Abos, die fünf US-Dollar bzw. 7,50 US-Dollar pro Monat kosten. Bei der zweiten Variante kann man pro Monat zwei kostenpflichtige Geschichten gratis lesen.

Reich wird man nicht

Als Autor bietet man seine Geschichte entweder kostenlos oder gegen Münzen an. Die bezahlen die Leser pro Kapitel oder fürs ganze Werk. Bei diesem Beispiel kostet ein Kapitel drei Münzen, das ganze Œuvre 76 Münzen. Wie viel man als Leserin oder Leser pro Münze bezahlt, hängt davon ab, wie viele man aufs Mal kauft. Für einen Franken gibt es neun Münzen, für 14 Franken 400 – was ein massiver Rabatt ist. Mit dem Premium-Abo gibt es beim Kauf noch einmal Extra-Münzen obendrauf.

Mit anderen Worten: Reich wird man hier als Autorin mutmasslich nicht – zumindest nicht, solange man nicht von einem Hollywoodproduzenten entdeckt worden ist.

Beitragsbild: Sie liest (vielleicht) ein Buch von einer Wattpad-Autorin, die tatsächlich gedruckt worden ist (Rahul Shah, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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