Ein Wimpernschlag für ein ganzes Buch

Ihr habt vielleicht schon von Blinkist gehört: Das ist ein Dienst für Leute wie dich und mich, die wir einfach nicht genügend Zeit für all die Dinge haben, die wir gerne tun möchten. Zum Beispiel fürs Lesen von Sachbüchern.

Das wäre eine gute Sache, denn man würde seinen Wissensstand aufbessern. Aber bei all den ungesehenen Netflix-Serien, den ungehörten Podcasts, den in der Warteliste aufgereihten Hörbüchern und den unter «später ansehen» abgespeicherten Youtube-Videos haben diese Sachbücher einen schweren Stand.

Blinkist (auch fürs iPhone und iPad und Android) will das Problem lösen, indem diese Bücher auf einen leicht verdaulichen Umfang eingedampft werden. Statt Stunden muss man eine Viertelstunde oder 20 Minuten mit einem Titel zubringen. In der Zeit werden einem die Kernbotschaften vermittelt. Das ganze Drumherum wird weggelassen.

Man fragt sich sofort zwei Dinge. Erstens: Funktioniert das? Und zweitens: Ist das nicht ein Sakrileg? Respektive ein Auswuchs unserer auf Effizienz getrimmten Gesellschaft, die uns einfach keinen Raum mehr für gar nichts lässt?

Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits bin ich ein Fan der Komprimierung – weswegen ich zum Beispiel hier 7-Zip ausführlich vorgestellt habe. Und ich habe es auch schon mit Fachbüchern zu tun bekommen, die man locker auf einen Bruchteil hätte zusammenfassen können.

Ich bin selbst Buchautor und kann die Gründe verstehen, die einen dazu bringen, zu langfädig zu schreiben: Ein dickeres Buch macht mehr Eindruck als ein schmales Bändchen. Und vor allem: Es kostet mehr. Was auch das Autorenhonorar in die Höhe treibt. Natürlich besteht die Chance vom dünneren und günstigeren Buch eine grössere Auflage zu verkaufen und so trotzdem ein grösseres Honorar zu erzielen. Aber da den Sweet Spot zu treffen, dürfte selbst für erfahrene Verlagsmanager eine Herausforderung sein.

Andererseits bin ich eben auch selbst Buchautor, und würde vehement in Frage stellen, dass sich mein Buch so mir nichts dir nichts auf einen Bruchteil zusammenstreichen lässt. Es geht schliesslich nicht nur um den Inhalt, sondern auch um die Form. Und da ist der «Ballast» – die Anekdoten, die Beispiele, Herleitungen, Diskussionen, Zweifel und Einwände – eben nicht nutzlos, sondern Teil des Leseerlebnisses.

Eine amüsante Besprechung von Blinkist habe ich bei welt.de gefunden, wo die Motivation für so einen Dienst noch etwas salopper umschrieben wurde, als ich mich das hier getraut habe:

Falls man tatsächlich alles gründlich läse, was zum Kanon abendländischer Kultur gehört, käme man zu nichts anderem mehr, und man will schliesslich auch vögeln, Netflix gucken oder sich über das eine oder andere empören.

Und:

Eine Viertelstunde Lungenkrebs reicht ja wohl, es muss doch kein ganzes Buch sein.

Ja. Und nein. Es kommt halt darauf an, was man erwartet. Wenn es darum geht, bei Partys zum Smalltalk-King zu avancieren, dann ist Blinkist wahrscheinlich eine gute Wahl. Ebenso, wenn man sich als Generalist versteht, der gerne von allem ein bisschen eine Ahnung hat, aber nur selten in die Tiefe gehen will.

Es passt auch bei Büchern, wo der Inhalt wichtiger ist als der Stil und man sich beim Lesen eventuell etwas quälen würde. Mir ist in letzter Zeit kein solches Werk untergekommen (da ich schon von Anfang an sorgfältig wähle und ein Buch notfalls nach den ersten paar Seiten beiseite lege). Aber bei den spannenden Sachbüchern, den gelungenen Erklärwerken aus meiner Bibliothek würde ich nach wie nicht durch einen Blink ersetzen wollen.

Die Kategorien, in denen man seine Smalltalk-Fähigkeiten schulen kann.

Zumal es die meisten davon überhaupt nicht als Blinks gibt: Fire and Fury von Michael Wolff (Amazon Affiliate) habe ich nicht gefunden, ebensowenig Confessions of an Economic Hit Man von John Perkins (Amazon Affiliate).

Fear von Bob Woodward (Amazon Affiliate) gibt es allerdings. Da muss ich allerdings konstatieren, dass von vom Faktenreichtum der Recherche zu wenig übrig bleibt, als dass ich dieses Werk im executive summary empfehlen würde. Auch How Music Got Free von Stephen Witt (Amazon Affiliate) existiert als Blink. Und auch da ist die Quintessenz eben das eine – das andere ist eben die schillernde Geschichte um Bennie Lydell Glover, der im Alleingang für einen Grossteil der MP3s verantwortlich war, die in der Napster-Ära in Umlauf gekommen sind. Das ist so spannend, dass allein meine Rezension des Buchs hier fast so lang wie die Zusammenfassung ist.

Und für einen eigentlichen Unsinn halte ich das Blink zu Steve Jobs von Walter Isaacson (Amazon Affiliate). Was soll der Sinn und Zweck einer eingedampften Biografie sein? Ich verstehe dieses Genre so, dass man das Leben und Werden eines bedeutenden Menschen kennen- und verstehen lernen will. Und das funktioniert nicht ohne Details. Die Details sind die Geschichte.

Ich werde mir Blinkist trotzdem noch etwas genauer ansehen. Das dann allerdings zeitlich gut abgestimmt zum Beispiel auf die Ferien, damit ich mir während der kostenlosen Probewoche auch einiges davon einverleiben kann, was heute in meiner Sphäre als Pflichtlektüre gilt (das hier, das oder dieses). Aus dem Stegreif ist mir 7.50 US-Dollar (reduziert 5.25 Dollar) zu teuer.

Fazit: Ich bleibe den Originalen treu. Ich kann mir Blinkist allenfalls als Ergänzung dazu vorstellen – oder als Methode zum Vorsondieren. Um herauszufinden, ob ein Buch die Zeit wert ist, taugt das Blink natürlich mehr als der Klappentext. Und eine gute Sache sind sie auch, wenn man den Inhalt eines gelesenen Buchs rekapitulieren, vertiefen oder nach einigen Jahren wieder aufwärmen möchte.

Aber, in bezug aufs Fazit aus dem bereits erwähnten Welt-Artikel ist eben zu sagen, dass ich keine Angst vor Sach- und Fachbüchern habe, sondern sie ziemlich gerne mag.

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch, heisst es in einem Hölderlin-Blink (leider reduziert noch niemand Lyrik auf ihre Kernaussagen), und da hatte der Mann recht. Gerade noch rechtzeitig, ehe wir in der Informationsflut ersoffen sind, haben sich ein paar junge Menschen gefunden, die sie in solide Kanäle ableiten. Dank Blinkist muss niemand mehr Angst vor Büchern haben. Plonk!

Beitragsbild: Zwinker (Jan Krnc/Pexels, Pexels-Lizenz)

Autor: Matthias

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