Wo die weiblichen Nerds das Sagen haben

Fanfic ist wie ein Tütchen Bertie Bott’s Every Flavour Beans.

Fan-Fiction ist mir natürlich ein Begriff. Aber bis vor Kurzem war mir nicht klar, was für Ausmasse diese Sache annimmt. Für den Tagi habe ich einen Artikel über Quora im Speziellen und über User-generated content gemacht (irgendwie inspiriert durch diesen Blogpost hier). Und dabei bin ich fanfiction.net begegnet. Das ist eine Plattform, die es seit 18 Jahren gibt und die eine enorme Menge an Material bereithält.

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Abartig, was die Fanfic-Fans für einen Output haben! (Bild: Pexels.com, CC0)

Wie viele Geschichten es sind, lässt sich anscheinend nur schwer abschätzen. Ich habe auf der Site selbst keine Angaben dazu gefunden und auch Wikipedia gibt sich einigermassen vage. Die Rede ist von 2,2 Millionen Usern (2009). Die Anzahl der Geschichten wird nirgends ausgewiesen, doch dieser Blogpost deutet an, dass die Storys forlaufend nummeriert werden. Demnach wären es um die 12’543’000 Geschichten. Unglaublich! Das ist ein knappes Drittel der Bücher, die es in der Library of Congress gibt.

Aber wir Menschen scheinen ein sehr grosses Bedrüfnis zu haben, uns in Buchform auszudrücken. Google hatte schon 2010 130 Millionen Bücher gescannt. Wie viele es jetzt sind, habe ich auf die Schnelle nicht herausgefunden.

In den einzelnen Kategorien ist übrigens ersichtlich, wie gross der Fundus ist. In der Kategorie der Bücher führt Harry Potter mit 768’000 Werken, gefolgt von Twilight (219’000) Percy Jackson (72’000; siehe hier), Lord of the Rings (56’000), Hunger Games (45’000, siehe hier). Am Ende der Liste gibt es sehr, sehr viele Werke, die weniger als ein Dutzend Fan-Reminiszenzen («Fandoms») aufweisen können. Oder nur ein einziges. Das Phänomen deckt offensichtlich die ganze Palette von den Topsellern bis zu den Nischenbüchern ab. Jedenfalls ist es ein Statement, ein Fanfiction-Werk zu einer Geschichte zu schreiben, bei der sich schon das Original nicht verkauft hat. Und wenn man den Vogel wirklich abschiessen will, dann schreibt man dazu noch eine Kritik. Auch das ist bei fanfiction.net nämlich möglich.

Im deutschsprachigen Raum scheint fanfiktion.de die wichtigste Anlaufstelle zu sein (auch als App für Android und iPhone/iPad). Da ist die beliebteste Kateogrie mit knapp 104’000 Geschichten «Anime & Manga». Die Bücher machen mit 93’000 Geschichten etwa einen Achtel von dem aus, was im englischsprachigen Raum Harry Potter allein zu bieten hat. Potter ist mit knapp 45’000 Geschichten für fast die Hälfte (!) des Fundus verantwortlich.

Das ist mengenmässig sehr eindrücklich. Aber es sagt überhaupt nichts über den qualitativen Zustand dieser literarischen Disziplin aus. Böse Zungen würden behaupten, dass fantasiebegabte Autoren sich kein fremdes Werk aneignen, sondern etwas Originäres schaffen würden. Wikipedia jedenfalls drückt sich zurückhaltend aus:

Bei Fanfiction kann, wie bei allen Arten von literarischen Werken, die Qualität der Geschichten stark schwanken. Gerade in automatisierten Archiven, die aufgrund der Einfachheit der Veröffentlichung meistens viele Geschichten anbieten, ist es in der Regel schwer, gut geschriebene Geschichten zu finden. Einige Archive bestehen daher auf beta-gelesenen Geschichten – also Geschichten, die praktisch ein Lektorat durchlaufen haben.

Ich habe versucht, mir ein Bild zu verschaffen. Doch die ersten Stichproben waren leider so erschütternd, dass mich der Mut verlassen hat und ich mich stattdessen vertrauensvoll an gizmodo.com und den Beitrag How To Find The Best Fanfiction On the Internet gewandt habe:

Man wird dort an Archive of Our Own weitervermittelt (für diese Website gibt es nur eine unoffizielle App für Android und das iPhone/iPad). Diese Website macht optisch einen frischeren Eindruck als fanfiction.net. Sie streicht heraus, dass sie von den Fans selbst betrieben wird. Und es gibt eine wirklich brauchbare Such- bzw. Filterfunktion, die deutlich besser ist als die von fanfiction.net. Die von Fanfiktion.de ist zwar etwas versteckt, aber auch sehr gut – bei der Figurenselektion ist sie sogar spitze.

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Wenn man nach Lieblings-Nebenfiguren selektiert, wird das Angebot plötzlich überschaubar.

Besonders nützlich ist die Möglichkeit, in der Suche die Figuren anzugeben, die in der Geschichte vertreten sein müssen. Wenn man bei Harry Potter ein paar eher exotische Lieblingsfiguren hat, wird das Angebot recht schnell überschaubar. Zum Beispiel: Minerva McGonagall und Neville Longbottom, plus natürlich Ron, Ginny, Harry und Hermione, ergibt das in Deutsch nur noch gerade zwei Storys: Verwandlungen und Morgendämmerung.

Die Suche von Archive of Our Own stellt noch weitere Einschränkungsmöglichkeiten bereit: Die häufig verwendeten Tags weisen auf wichtige Themen hin und zeigen Varianten bzw. alternative Handlungsverläufe gegenüber dem Original an. Über das Relationship-Tag findet man Geschichten, die eine Beziehung zwischen zwei Figuren näher erkunden. Man kann bei Warning auch nach Gewalt, Todesfällen bei den Hauptfiguren oder nach Alter der Hauptfiguren filtern (Underage heisst, dass die Geschichte während der Kindheit der Hauptfiguren spielt). Und besonders effektiv ist der Filter Ratings – es ist nämlich nachgerade verblüffend, wie viele Harry-Potter-Geschichten mit erotischem Einschlag es gibt (mature oder sogar explicit). Sortieren kann man bei Archive of Our Own dann auch nach Kudos, was die Geschichten nach oben bringt, die wenigstens ein paar Leute gut gefunden haben.

Fazit: So lange ich noch gute Originalautoren finde, werde ich nicht allzu tief in diese Materie eintauchen. Trotzdem gehört die «Fanfic» zu den Auswüchsen, die das Internet so toll machen – und uns bestätigen, dass es längst noch nicht durchkommerzialisiert worden ist. Und es besteht kein Zweifel, dass die Fanfic-Fans echte Nerds sind. Sehr viele davon sind übrigens Frauen, nämlich 78 Prozent.

Und das ist doch mal was: Ein Nerdgebiet, wo die Frauen eine solide absolute Mehrheit haben – das ist allemal einen Toast wert!

Und noch das: Fanfiction.net als App für Android und für iPhone und iPad.

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

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