Girlietaugliches Storytelling

Bekanntlich habe ich eine gute Beziehung zu dem 16-jährigen Mädchen in mir. Aus diesem Grund ist es nicht verwerflich, hier die App Episode (für Android und iPhone/iPad) zu besprechen in Teenie-Nöten und -Freuden zu schwelgen. Ich könnte nun die Ausrede bemühen, dass ich mich nur aus journalistischen Zwecken in diese rosaroten und plüschigen Gefilde begebe. Und deswegen, weil Episode eine potenziell interessante Storytelling-Methode pflegt. Aber das wäre geschwindelt. Es geht um den Thrill, ums Herzklopfen und die Gänsehaut, und darum, Stunden damit zu verbringen, an Anfang des Spiels seine Figur mit der perfekten Frisur, Haarfarbe und -länge auszustatten, die geilsten Klamotten aus dem virtuellen Kleiderschrank zu picken und sich mit den Accessoires auszustatten, die die Schönheit der eigenen Seele besonders hell leuchten lassen. Oder so ähnlich.

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Links: Mein Alter Ego.
Rechts: Von Schmacht über Sperschmacht bis zu Schmachtschmachtschmacht…

Denn zum Ritual am Anfang einer Episode-Episode gehört das Aufdonnern der Spielfigur. Die political correctness ist nicht zu übersehen, indem nicht nur die Hautfarbe der Spielfigur variabel ist, sondern der ganze Genotyp. Das ermöglicht sämtlichen Mädchen von Nord bis Süd und von Asien bis Europa eine maximale Identifikation mit ihrer Figur. Es ist erzählerisch jedoch ein massives Handicap. Die freie Wahlmöglichkeit erlaubt es nicht, Konflikte zu thematisieren, die durch Stigmatisierung aufgrund äusserer Unterschiede entstehen. Aber es ist offensichtlich, dass es darum nicht geht. Es geht bei den Geschichten um die Dramen innerhalb der Peer Group: Schöne und hässliche Gefühle, Liebe und Eifersucht, Streit und Versöhnung.

Davon zeugen schon die Titel der Storys im Katalog, der in der App nach Romance, Drama, Mystery, Comedy und Fantasy sortiert ist: Loving Bad, Campus Crush, Lovestruck, My Brother’s best Friend, Bad Boy Bachelor, Hollywood Days with Hayes, Pretty Little Liars, Mean Girls… Wem da schon die Hormone unter die Haarwurzeln steigen, der gehört definitiv zur Zielgruppe.

Und die Zielgruppe scheint erstaunlich gross: Drei Milliarden Geschichten seien konsumiert worden, schreiben die Macher. Und sie sagen, dass mehr als achtzig Leute aus Fernsehen und Film, Tech, Publishing und der Spielebranche an den Storys beteiligt sind. Und wenn man in sich noch ein paar knackige Adoleszenzdramen mit sich herumträgt, dann sollte man nicht zögern, und zum Episode-Autor werden. Mehr dazu gleich, weiter unten.

Was nun die Geschichten angeht sind die etwas gar stereotyp. Das ist einerseits gewollt. Das Erfolgsrezept des Groschenromans ist, die immergleiche Geschichte mit leichten Variationen zu erzählen. Und das funktioniert auch hier offenbar ganz gut. Andererseits ist es technisch bedingt, weil die Geschichten aus Versatzstücken konstruiert werden.

Das grösste Problem ist auch bei Episode das Monetarisierungsprinzip: Da die App gratis ist, muss der Rubel via In-App-Käufe rollen. Viele Outfits sind nicht kostenlos, sondern über die Diamanten zu berappen. Und auch bei manchen der Entscheidungen hat man nicht die freie Wahl, sondern stellt fest, dass manche Optionen nur gegen Diamanten zu haben sind. Und sind eher kostspielig: 22 Stück gibt es für 2 Franken, 1500 Diamanten kosten einen Hunderter. Ob man die Diamanten auch erspielen kann, habe ich nicht herausgefunden. Es scheint mir aber nicht der Fall zu sein. Daher ist das Spiel in Sachen Free-to-Play auf der unfairen Seite angesiedelt.

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Tja, wer hübsch sein will, muss Diamanten springen lassen…

Wie bereits erwähnt: Episode besteht nicht nur aus den Apps, bei denen man sich seine Geschichten auswählt und sich dem juvenilen Gefühlschaos hingibt. Es gibt auch ein Backend, wo man sich als Master of Drama – das heisst, als Episode-Autor versucht. Womöglich sogar, um reich zu werden.

Im Autoren-FAQ heisst es dazu:

The Episode Writer platform is a free service for you to write your stories and share them with friends. We are exploring a variety of partnership options that may apply to those works published and promoted as featured stories on the platform.

Darf ich das paraphrasieren? Sie versprechen nichts, aber wenn man eine Story zustandebringt, die sowohl bei den Leserinnen als auch im In-App-Purchase-Kontrollzentrum des Publishers den Wunsch nach mehr wecken, darf man mit einem Angebot rechnen. Doch bis es soweit ist, streicht der Hersteller die Einnahmen ein.

Vorausgesetzt, dass einem das nicht allzusehr stört, geht der Einstieg ruckzuck: Man meldet sich mit seinem Google- oder Facebook-Konto beim Online-Editor an und kann dann auch schon loslegen.

Eine Geschichte zusammenzustiefeln, entpuppt sich als erstaunlich einfach: Man definiert Figuren, Outfits und Schauplätze, plus die Fähigkeiten für jede Figur. Daniel im Tutorial kann jemanden bewundern, blinzeln, erröten, jubeln, Müdigkeit zeigen und kotzen – plus noch zwei Dutzend andere mimische Äuserungen. Es gibt so genannte Overlays, die man in seine Szene einbinden kann: Zum Beispiel ein Mikrofon, das in die Szene hängt, eine Bahre, die herumsteht, ein Tisch im Vordergrund und vieles mehr. Bei Effects lässt man es regnen oder schneien. Und via Sounds baut man Gitarrenklänge, Flugzeuglärm, Weckergeläute oder Babygeschrei in seine Story ein.

Der Editor orientiert sich an der Darstellung eines Drehbuchs. Man definiert Schauplatz und Figuren und gibt in Klammern an, was eine Figur tut. Von Computersyntax sieht man erst dann etwas, wenn man eine Entscheidung in sein Script einbaut. Dann gibt es zwischen geschwungenen Klammern – fast wie bei einem If-Else Statement in JavaScript – die Auswahlmöglichkeiten für die Figur.

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Master of puppets.

Die Elemente könnte man selbst gestalten und hochladen. Man kann aber auch aus einem grossen Fundus auswählen. Da gibt es, bei den Hintergründen, Restaurants, Apartmenthäuser, Badezimmer, Hangar, die verlassene Vila, um nur einige von sehr vielen Möglichkeiten zu nennen. Oft gibt es die Szenen bei Tag und Nacht und im letzten Fall hell beleuchtet oder stockdunkel. Bei den Figuren verwendet man natürlich die «pre-loaded characters» – schliesslich sollen die von der Spielerin konfektionierbar sein.

Sechs Tipps gibt es von den Episode-Machern für eine gute Stroy:

  • Man soll mit einem Entwurf beginnen.
  • Es braucht Romantik und Drama.
  • Die Story soll zügig vorangetrieben werden.
  • Die Entscheidung der Figuren müssen einen Unterschied machen.
  • Anstelle von Expositionen (verbalen Ausführungen) sollen die Figuren wichtige Grundlagen für ihr Verhalten durch Taten verständlich machen.
  • Und: Die Story soll überraschend sein.

Das ist nun nicht spektakulär, aber auch nicht verkehrt. Welche Dinge in seiner Geschichte nicht thematisieren darf, steht übrigens im FAQ – und die Liste ist durchaus aufschlussreich: Keine überzogene Gewalt, kein Hass, kein Bullying. Selbstverletzung und Selbstmord sind tabu, ebenfalls Drogen-, Alkohol- und Spielexzesse. Man darf keine Schleichwerbung machen und nicht zu intensiv über Waffen, Munition und Bomben sprechen und keine politischen Standpunkte breittreten. Und natürlich darf in der App auch nicht gevögelt werden. Auch das eine Erklärung, warum die Geschichten etwas gar brav sind.

Fazit: Episode ist eine relativ simple Engine, mit der man eine interaktive, animierte Bildergeschichte zum Laufen bekommt, selbst wenn man kein Programmierer oder Zeichner ist. Wenn ich genügend Zeit hätte – und die App nebst der Girlie-Wunderwelt auch ein Sciencefiction- oder Westeros-artiges Senzario bieten würde und nicht ganz so prüde daherkäme –, wer weiss, vielleicht gäbe es dann ein grosses, von mir erdachtes Drama…

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Und am Mittwoch kommt die Müllabfuhr und holt den ganzen Plunder.

Autor: Matthias

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