Neulich habe ich hier im Blog zwei Apps vorgestellt, die Final Cut und Premiere Pro den Rang streitig machen – zumindest, wenn es um Kurzvideos und Bewegtbild für die sozialen Medien geht. Es existiert inzwischen eine beträchtliche Auswahl an Web-Apps für den Videoschnitt. Ich habe mir die vielversprechendsten angeschaut und daraus eine Rangliste gebastelt.
Und zugegeben: Meine Bewertung ist nicht streng wissenschaftlich, sondern von meinen persönlichen Vorlieben gefärbt. Ich lasse mich nicht blenden, wenn ein Hersteller verspricht, dank der künstlichen Intelligenz müssten Anwenderinnen und Anwender keinen Finger mehr krummmachen. KI-Funktionen sind als Ergänzung sinnvoll. Doch das Handwerk muss im Zentrum stehen. Das heisst: Wer selbst genau weiss, wie das Endprodukt aussehen soll, muss in der Lage sein, es durch die klassischen Schnittwerkzeuge genauso zu realisieren, wie sie oder er es sich vorstellt.
Das gilt auch für die Möglichkeit, im Editor per KI Video zu generieren: Es handelt sich um keine Funktion, auf die wir gesteigerten Wert legen sollten. Die Omnipräsenz solcher Features ist eine Folge des KI-Hypes, jedoch keine echte Notwendigkeit. Falls es einen triftigen Grund für die Verwendung solchen Materials gibt, dann gibt es genügend spezialisierte Anwendungen, die wir heranziehen können. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass sie bessere Resultate liefern. Denn so altmodisch diese eine Redewendung (Schuster, bleib bei deinem Leisten!) auch sein mag – sie trifft auch im Softwarezeitalter den Nagel auf den Kopf.
Ihr erinnert euch vielleicht noch an Office: Wenn der Hersteller einer Textverarbeitung meint, auch noch ein Bildbearbeitungsmodul integrieren zu müssen, dann taugt das im Vergleich zu einem richtigen Bildbearbeitungsprogramm wenig bis nichts.
Doch jetzt ohne weitere Vorrede zu der Rangliste:
Ausser Konkurrenz: wochit.com
Der Videoeditor von wochit.com weist eine Besonderheit auf: Er zielt auf Newsanbieter ab und stellt in einer integrierten Oberfläche Inhalte mehrerer Agenturen bereit, u.a. AP. Die Videos werden per Prompt erzeugt, d.h. die künstliche Intelligenz erzeugt anhand der Vorgabe einen Rohschnitt, der sich in einem relativ simplen Arbeitsablauf anpassen lässt. Für einfach gestrickte News-Videos, für die ausreichend Rohmaterial greifbar ist, funktioniert das ordentlich. Ansonsten besteht das Risiko einer Text-Bild-Schere, ausserdem neigen die Wochit-Produkte dazu, starr den gleichen Produktionsmustern zu folgen. In der Rangliste läuft dieser Anbieter ausser Konkurrenz, weil der Einstiegspreis bei 999 US-Dollar pro Monat liegt: Dieses Produkt richtet sich an grosse Medienhäuser, nicht an semiprofessionelle Anwenderinnen und private User, an die sich diese Rangliste hier richtet.
15) Videofy
Videofy reitet voll auf der KI-Welle mit, vernachlässigt dabei aber die Grundlagen. Und zwar so sehr, dass ich mich trotz mehrerer Versuche nicht einmal registrieren und einloggen konnte. Daher: Vor dem Rennen disqualifiziert.
14) Omniclip
Omniclip.app wirkt, wie aus der Zeitgefallen: Wer den Look einer Grafikworkstation aus den Anfängen der 1990er-Jahre mag, ist hier gut bedient. Und mir ist der Funktionsumfang zu bescheiden.

13) Fastcut
Das Schnittprogramm unter fastcutai.co wird seinem Namen nicht gerecht: sooo schnell wie erhofft, war mein Videoprojekt nicht bereit für die Öffentlichkeit. Vor allem ist mir der Fokus auf die Gilde der Tiktok-Produzentinnen und -Produzenten zu eingeschränkt. Ich möchte nicht nur für die sozialen Medien produzieren, sondern benötige ein universelles Tool, das den Aufgaben im Bereich der News-Clips und Familienvideos gewachsen ist.

12) Invideo
Wie viele der Online-Editoren zielt invideo.io darauf ab, bestehendes Material für die sozialen Medien aufzubereiten. Für diesen Zweck fällt die App bei einem zentralen Kriterium durch: Sie erzeugt keine automatischen Untertitel. Die sind für Tiktok und Konsorten jedoch unverzichtbar.

11) Heygen
Ihr erinnert euch: heygen.com machte durch die Übersetzung von Videos von sich reden, weil sie die Originalstimme klont und die Lippen mit der neuen Tonspur synchronisiert. Der Hersteller bringt sich auch für die Videobearbeitung in Position. Mein Versuch, einen Clip per KI zu kürzen, führt zu einem unbrauchbaren Resultat.

10) Opus
Opus (opus.pro) hinterlässt den Eindruck, als sei ein Entwicklerteam mit guten Ideen gestartet, und hätte im Verlauf der Entwicklung das – wie man heute so pathetisch sagt – North-Star-Goal aus den Augen verloren. Die Automatik leistet solide Arbeit und selbst schweizerdeutsche Clips werden ordentlich transkribiert.

Doch schwerer wiegen die unverständlichen Einschränkungen. Mir gelang es nicht, mehr als einen Clip in der Zeitleiste zu platzieren. Es kann sein, dass das mein Fehler ist – aber falls nicht, wäre das unverzeihlich: Denn selbst wenn wir nur eine kurze Handyaufnahme für die sozialen Medien aufbereiten wollen, könnten sich Situationen ergeben, in denen wir zwei Takes kombinieren müssen.
Für meinen Geschmack ist diese Anwendung zu träge und die lange Dauer des Exports erschüttert mein Vertrauen. Schliesslich führt das Credit-System dazu, dass ich rechne, statt zu schneiden.
9) Canva
Das Videomodul von canva.com ist nicht per se verkehrt. Nur hat es einen anderen Fokus, als ich hier anpeile: Es ist dazu da, eine Präsentation oder andere Materialien im Geschäfts- oder Marketingbereich mit einigen bewegten Bildern anzureichern – ein Beispiel für diesen Zweck findet sich hier. Als universeller Editor ist es zu eingeschränkt.

8) Google Vids
Zum Google Workspace zählt auch das Videoschnittprogramm Vids. In der bezahlten Version haben wir Zugriff auf Veo 3, und praktischerweise erlaubt uns diese App auch, den via Kamera oder auch unseren Desktop aufzuzeichnen. Für ein Erklärvideo oder ein Tutorial im geschäftlichen Umfeld ist Vids zweckdienlich, und als Teil von Googles Office-Anwendungen ist es sinnvoll positioniert. Doch für Videoproduzentinnen mit einem breiteren Betätigungsfeld ist dieses Produkt zu limitiert.

7) Clideo
Vielleicht liegt es an meinem fragwürdigen Naturell, aber der Name hat in meinen Ohren einen anzüglichen Unterton. Ich würde jedenfalls nicht mit meinen Clideo-Videos prahlen wollen – ausser vielleicht auf einer einschlägigen Plattform für Erwachsenenunterhaltung. Trotzdem: Dieses Programm ist einfach zu benutzen, hält die wesentlichen Funktionen bereit, betreibt keinen KI-Schnickschnack und holt künftig hoffentlich mehr aus dem klar vorhandenen Potenzial heraus.
Eine spezifische Einsatzmöglichkeit entdeckte ich vor fünf Jahren: Bei einem Videoclip schnell mal die Schere ansetzen.

6) Adobe Express
Kann alles – ausser übersichtlich sein. Vor zwei Jahren bezeichnete ich Express als Adobes Allzweckwaffe für alles. Auch bei einer neuerlichen Inspektion bleibt mir dieser Ansatz suspekt. Für Anwenderinnen und Anwender, die sich in der Creative Cloud zu Hause fühlen, ist diese Software keine völlig falsche Wahl. Abgesehen davon empfehle ich ein Programm mit einem klareren Fokus.

5) Microsoft Clipchamp
Microsofts neue Video-App sei noch nicht reif für den grossen Auftritt, fand ich vor drei Jahren. Daran hat sich nichts geändert. Und auch wenn ich in diesem Blogpost eine Überbetonung der künstlichen Intelligenz kritisiert habe, finde ich in diesem Fall die Abwesenheit jeglicher KI seltsam – wo Microsoft Copilot doch sonst in die hinterletzte Popel-App einbaut. Das ist kein gutes Zeichen.

4) Streamlabs (früher: Oslo)
Streamlabs.com hinterlässt den Eindruck: altmodisch und zugleich ehrlich. Wer einen soliden Gratis-Editor für einfache Aufgaben sucht, ist gut bedient. Wer sich die Möglichkeit offenhalten möchte, auch grössere Projekte anzugehen, sollte weiterscrollen.

3) Veed.io
An Funktionen mangelt es bei veed.io nicht – an Fokus leider schon. Diese App will alles, selbst im Bereich der KI-Videogenerierung trumpft sie auf. Das ist okay, wenn wir Social-Media-Schnipsel herstellen wollen. Für einen Redaktor, eine Bloggerin und Videoproduzenten, die bei ihrem Werk über die 45-Sekunden-Grenze hinausgehen wollen, gibt es bessere Alternativen – und zwar genau zwei. Nämlich die Medaillengewinner.

2) Capcut
Capcut erkämpft sich einen verdienten Platz auf dem Podcast. Vor allem die KI-Funktionen – namentlich die automatische Freistellung von Personen – sind ausgezeichnet, ebenso die Textfunktionen. Alles Weitere lest ihr in der ausführlichen Besprechung.

1) Kapwing
Kapwing ist mein Favorit, den ich inzwischen auch produktiv einsetze. Die Stärken und auch ein paar Schwächen gibt es in der ausführlichen Würdigung.

Beitragsbild: Sitzt dieser Schnitt denn auch? (Ron Lach, Pexels-Lizenz).
Danke für die viele Vorschläge. Mein Kollege will nämlich demnächst seine alte Videos schneiden.