Deutsche Flagge weht neben dem Reichstagsgebäude in Berlin, mit der Aufschrift «Dem Deutschen Volke», bei blauem Himmel.

Das Land der Dichter und Ränker

«Hateland» ist eine ein­drück­liche Re­cher­che zur Reichs­bür­ger­be­we­gung: vor­der­grün­dig kul­ti­vier­te Leute, die staats­ge­fähr­den­de Ränke schmieden. Wir erfahren vieles über Rüdiger von Pes­ca­tore und sein Um­feld – und über die Tricks eines ge­wief­ten In­ves­ti­ga­tiv­reporters.

Hateland ist ein Podcast des WDR (RSS, iTunes, Spotify) der sich mit der Gruppe Reuss und der Patriotischen Union beschäftigt. Das sind jene Reichsbürger, die viele von uns (ich inklusive) für skurrile Sonderlinge hielten, weil sie gedanklich am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts und im Deutschen Reich stecken geblieben sind – bis im Dezember 2022 in einer Grossrazzia mehr als zwei Dutzend Anhänger dieser These festgenommen wurden. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen eines Staatsstreichs. Denn diese Leute wollten ihrem Unmut nicht bloss in Telegram-Gruppen und in konspirativen Pamphleten Ausdruck verleihen, sondern zur Tat schreiten.

«Deep State Hateland» Cover: Gesicht eines Mannes hinter aufgerissenem Papier, umgeben von Code und Grafiken. Logo von ARD unten.
Der Podcast «Hateland» ist die erste Staffel in der Reihe «Deepstate».

Die siebenteilige Reihe basiert auf einer eindrücklichen investigativen Recherche. Martin Kaul investierte zusammen mit Helene Fröhmke und Antonia Märzhäuser zwei Jahre Arbeit in die Nachforschungen. Wir erfahren eine Menge über die zentrale Figur dieses militanten Astes der Reichsbürgerbewegung. Rüdiger von Pescatore ist eine skurrile Figur: Elitesoldat, der anscheinend Waffen und Munition unterschlägt und dann nach Brasilien abtaucht. Dort sucht er eine neue Lebensaufgabe und beabsichtigt, eine Solarproduktion in Brasilien aufzuziehen. Bei diesem Projekt ist er verblüffend erfolgreich: Er bringt ein Kapital von fast zwanzig Millionen Euro zusammen, tut damit aber erstaunlich wenig. O-Ton aus dem Podcast: «Wenn eine Firma so viel Kapital hätte, aber kaum Firmenaktivitäten, dann würden bei ihm jedenfalls die Warnleuchten angehen, sagt mir der Spion.»

Leute, die Goethe und Schiller lesen

Martin Kaul bringt eine erstaunliche Menge von Leuten vors Mikrofon. Und es gelingt ihm, darzulegen, dass die Aktivitäten rund um den «Tag X», also den Moment der Machtübernahme, ernsthaft betrieben wurden: mit Ausspähungen des Bundestags über die Tiefgarage, mit Schiessübungen und Waffendepots, einem geheimen Gefechtsstand, der auch mal «Führerbunker» genannt wurde, sowie konkreten Plänen für eine Übergangsregierung nach dem Putsch. Es sind keineswegs Wirrköpfe, die am Werk sind, sondern Leute, die «Goethe und Schiller lesen», wie eine Beobachterin an einer Gerichtsverhandlung in Frankfurt anmerkt.

Gelingt es ihm, uns diese bizarre Welt von Esoterik und QAnon-Hirnriss und Geschwurbel über den Deepstate, Adrenochrom, Angela Merkel als Kannibalistin und Ausserirdische vom Planeten Aldebaran näherzubringen? Das liegt im Auge des Betrachters bzw. im Ohr der Zuhörerin. Mir ist es nicht gelungen, mich der wirren Gedankenwelt anzunähern. Aber hätte das überhaupt gelingen können? Martin Kaul fasst das im siebten Teil, einer Bonusfolge mit Fragen und Antworten, nochmals plausibel zusammen:

Ich denke an Maximilian Eder und seine Suche nach den Erdbunkern, den satanischen Ritualen der Eliten, an die Allianz, an die vielen Telegram-Gruppen mit ihren Tausenden von Mitgliedern. Und ich denke an das Zitat von Jürgen Elsässer, das erklärt, worum es geht im Kampf gegen das Establishment: die Vernunft anzugreifen, das Rationale. Was passiert, wenn immer mehr Menschen in immer mehr Telegram-Gruppen immer mehr Irrsinn erzählt bekommen, wenn sie täglich mit Bullshit beballert werden? Leute, die ein Gedanke eint, Teil von etwas Großem zu sein, Teil von etwas Besonderem.

Auch am Ende bleibt einiges im Dunkeln. Hätte dieses Trüppchen den Putsch durchgezogen? Und: Wie unrühmlich ist die Rolle, die die digitalen Medien spielen? Letzteres beschäftigt mich als Tech-Journalist besonders. Telegram ist das Organisationsmittel für von Pescatore, Eder und Heinrich Reuss – und bekanntlich diskutiert die EU derzeit über die Chatkontrolle. Ich teile die Ansicht, dass dieses Überwachungsinstrument nicht mit den Grundrechten vereinbar ist. Aber ich frage mich schon, ob es helfen würde, wenn das Geschäftsmodell dieser Kommunikations-App nicht so wirken würde, als ob die kriminellen und staatsfeindlichen Aktivitäten ein Teil davon wären.

Die vierbeinige Geheimwaffe des Investigativreporters

«Hateland» zeigt, wie gut das bewährte Podcast-Erzählmuster noch immer funktioniert, bei dem uns der Erzähler und Protagonist auf seine Reise mitnimmt. Im Fall von Martin Kaul ist eine Prise Heldenreise und Einzelkämpfer-Romantik mit dabei: Der Rechercheur ist nämlich mit einem VW-Bus, Bulli genannt, auf seiner Recherche-Tour unterwegs. Begleitet wird er von Holly, dem Recherchehund: «Bisschen Dackel, bisschen Terrier, bisschen Butterfly. Braunes Fell, treuer Blick und gutes Näschen.» Das wärmt das Herz von Freunden des narrativen Journalismus, aber wir erfahren auch, dass es mehr ist als eine Pose. Holly kommt in der Regel besser an als ein neugieriger Mann vom Radio. Sie entpuppt sich als Geheimwaffe des Investigativjournalismus; als Türöffnerin. Und das ist nicht der einzige Trick, den man sich als angehender Investigativreporter bei diesem Podcast abschauen bzw. abhören kann.

Beitragsbild: Wenn es nach den Leuten aus diesem Podcast ginge, würde hier eine andere Flagge wehen (Maheshkumar Painam, Unsplash-Lizenz).

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