Wahrscheinlich ist der Zug für Firefox abgefahren

Wenn Mozilla eine Zukunft haben will, braucht es unbedingt eine Mobile-First-Strategie: Der Browser muss auf Android, iPhone und iPad massiv zulegen und zur obersten Priorität der Stiftung werden.

Im Beitrag Gute Vorsätze, die sich Mozilla für Firefox Mobile nehmen sollte habe ich anfangs Jahr vier Verbesserungsvorschläge für die mobile Variante des Browsers gemacht. Firefox muss dringend zulegen, daran besteht für mich nicht der Hauch einer Frage: Mozillas Zukunft liegt beim Smartphone und den Tablets.

Ich gehöre zwar nicht zu den Leuten, die dem PC und den Desktop-Betriebssystemen das Totenglöcklein läuten. Doch wie ich 2020 im Beitrag Das leise Ende des PC-Zeitalters ausgeführt habe, geben die mobilen Betriebssysteme inzwischen den Ton an. Das zeigt sich exemplarisch bei Windows 11, das sich in der Optik und bei der Bedienung an die Gewohnheiten der Smartphone- und Tablet-Nutzer annähert.

Die technische Innovation geht iOS, iPad OS und von Android aus – diese Systeme bestimmen, wohin die Reise geht: An ihnen orientieren sich die Nutzer. Darum muss Mozilla auf diesen Plattformen präsent sein und einen echten Mehrwert bieten. Wie dringend notwendig das ist, zeigen auch die Zahlen: Beim Desktop verliert Firefox laufend an Marktanteil.  Bei den Smartphones und Tablets hatte die Mozilla-Stiftung noch nie einen Fuss in der Tür. In der Rangliste bewegte sie sich immer unter «Ferner liefen». Derzeit dümpelt Firefox bei 0,48 Prozent.

Die Nutzer erreichen, die nur Smartphone und Tablet kennen

Bei dieser Ausgangslage scheint es mir völlig klar, dass Mozilla alles daran setzen muss, die Nutzer zu erreichen, die keinen PC verwenden und Firefox nicht von Windows, dem Mac oder Linux her kennen: Die Strategie, die Nutzer der Desktop-Version auf die mobile Variante aufmerksam zu machen, ist nicht ausreichend, um mobil genügend Momentum zu entwickeln.

Es braucht alle erdenklichen Anstrengungen, damit Firefox beim Tablet und Smartphone zu einer schlagenden Alternative zu den Standardbrowsern wird. Sich auf den Datenschutz zu berufen, ist wichtig, aber nicht ausreichend. Firefox muss der schnellste, beste und vielseitigste Browser sein und sich in allen Belangen von Safari und Google Chrome absetzen.

Wird das gelingen? Ich bin skeptisch, weil Google und Apple die Gelegenheit wahrgenommen haben, bei ihren der mobilen Betriebssystemen die Karten neu zu mischen und die Konkurrenz kleinzuhalten. Apple etwa schreibt den Browser-Herstellern vor, dass sie auf dem iPhone und iPad nur Webkit verwenden dürfen. Das ist die Browser-Engine von Apple. Die ist nicht schlecht, doch wenn die Dritthersteller nicht ihre eigene Engine verwenden dürfen, schränkt das ihre Möglichkeiten massiv ein.

Bald eine Öffnung bei den Browser-Engines?

Immerhin, es besteht Hoffnung, dass sich das ändern könnte. Der Digital Markets Act ist ein kurz vor der Vollendung stehendes EU-Gesetz, das sich gegen Unternehmen richtet, die ihre Schlüsselposition ausnutzen. «The Register» schreibt, er habe eine Kopie der unveröffentlichten Änderungen des vorgeschlagenen Gesetzes erhalten:

Zu den verschiedenen Anpassungen des Vertragsentwurfs gehört die ausdrückliche Anerkennung von «Webbrowser-Engines» als Dienst, der vor wettbewerbswidrigen, von Gatekeepern auferlegten Einschränkungen geschützt werden sollte.

Wenn das Gesetz in Kraft tritt, müsste Apple auch Browser mit eigenen Engines zulassen, was die Position von Mozilla deutlich stärken würde.

Nebenbei bemerkt würde das dem freien Web helfen, weil Apple mit dieser Vorgabe auch den Funktionsumfang der Web-Anwendungen einschränkt, weil Webentwickler nur die Schnittstellen nutzen können, die in Webkit implementiert sind. Zitat aus dem Artikel von «The Register»:

Viele Webentwickler glauben, dass diese Barriere dazu dient, Entwickler in Richtung der nativen iOS-App-Entwicklung zu lenken, die Apple kontrolliert.

Die Webentwickler haben sich zur Open Web Advocacy-Organisation zusammengeschlossen und verlangen, dass Apple den Bann der Browser-Engines von Drittherstellern aufgibt, dass sich Webanwendungen tiefer ins System integrieren und wie normale Apps verhalten können und dass solche «Gatekeeper-Barrieren» gänzlich fallen müssten.

Allerdings wichtig zu erwähnen, dass es der Open Web Advocacy-Gruppe wichtig ist, sich nicht nur von Google und Microsoft, sondern auch von Mozilla zu distanzieren; selbst wenn deren Anliegen auch im Sinn von Firefox sein dürften.

Aber nach diesem Exkurs zurück zum Thema: Insider mögen mich korrigieren, aber ich sehe nicht, dass Firefox für Android und fürs iPhone und iPad die Priorität geniessen würde, die es bräuchte. Stattdessen habe ich den Eindruck, dass sich Mozilla mit Nebenprojekten wie Firefox Klar (One trick fox) und die Lockwise-App (Firefox ist jetzt auch ein Passwort-Manager; seit Dezember 2021 in Firefox integriert) verzettelt.

Schnell und wuchtig

Also, wenn Firefox dereinst noch eine Rolle spielen sollte, muss jetzt etwas passieren – und zwar schnell und wuchtig. Und damit dieser Beitrag hier nicht so pessimistisch endet, kann ich immerhin mitteilen, dass von den vier Forderungen, die im Beitrag Gute Vorsätze, die sich Mozilla für Firefox Mobile nehmen sollte erhoben habe, inzwischen eine halbe erfüllt worden ist: Bei Punkt drei habe ich gefordert, Firefox müsse mobil die Schlüsselwörter unterstützen.

Das tut der Browser jetzt für Such-Schlüsselwörter, wie ich sie im Beitrag Fünf grossartige Tricks für Firefox im Abschnitt «Die unglaublich nützliche, schnelle Suche» beschreibe. Hier die Zusammenfassung – mit dem Hinweis, dass man die Suchkürzel leider auf dem Desktop erstellen muss und nicht am iPhone oder Android-Telefon anlegen kann, was den Nutzen natürlich schmälert und nochmals aufzeigt, wie dringend eine «Mobile First»-Strategie wäre.

Mit einem Schlüsselwort lässt sich jederzeit eine entsprechende Suche starten.

Wenn man auf einer Website, zum Beispiel hier im Blog, ein Suchfeld vorfindet, dann lässt sich das mit der rechten Maustaste anklicken. Im Kontextmenü betätigt man den Befehl Ein Schlüsselwort für diese Suche hinzufügen.

Es erscheint der Dialog Neues Lesezeichen hinzufügen. Jetzt erfasst man wie gewohnt ein Lesezeichen mit Beschreibung und Schlüsselwort. Das Schlüsselwort ist wiederum der Code, mit dem man die Suche verwenden möchte. Mit dem Schlüsselwort mcs führe ich auf meinem Zeit-Blog Mrclicko.de eine Suche durch, indem ich Folgendes eingebe:

mcs firefox

Beitragsbild: Da geht er hin (Pixabay, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Wahrscheinlich ist der Zug für Firefox abgefahren“

  1. Es wird Drittherstellern von Browsern kaum mehr möglich sein, nennenswerte Marktanteile auf Smartphones zu gewinnen.

    Den durchschnittlichen Verbrauchern ist es egal, ob Browser xy minim schneller ist oder mehr Schutz bietet. Sie nutzen, was auf dem Smartphone vorinstalliert ist – und das war in den letzten Jahren bei Android nun mal Chrome. Da könnte Firefox den besten Browser aller Zeiten abliefern, wechseln würden wohl nur die Leute, die sich mit der Thematik auskennen.

    Aus dem gleichen Grund haben noch immer mehr Leute als gut war Microsofts Internet Explorer auf dem Desktop genutzt. Der Mensch ist und bleibt ein Gewohnheitstier.

    1. @Gewohnheitstier: dem ist leider leider so. Ich selber bin ein Exot mit e/OS/ auf dem FP4, und mein Hauptbrowser ist Fennec von Firefox, und zusätzlich Lightning, auch ein Exot (via F-Droid). Nach dem Motto: Alles, nur nicht Guugel! Aber eben, wir sind eine ganz kleine Minderheit.

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