Garmins unaufdringlicher Lauftrainer

Sport mit dem Garmin Coach: Wie man einen Trainingsplan auswählt, verfolgt und was man als Hobby-Läufer oder -Velofahrer daraus lernen kann.

Bei meiner Besprechung der Fēnix 7-Serie habe ich diesen Beitrag in Aussicht gestellt, in dem es ausführlich um den Garmin Coach gehen soll. Das ist eine Funktion, mit der sich die Rolle der smarten Uhr während des Sports deutlich verändert. Statt bloss passives Tracking-Gerät zu sein, gibt sie Anweisungen und Unterstützung.

Das ist einerseits eine naheliegende Idee – andererseits hat sie ihre Tücken. Denn auch wenn digitale Technik in unserem Leben eine immer wichtigere Rolle spielt, so haben es die meisten von uns noch nicht verinnerlicht, dass wir uns der auch unterordnen sollen. Zumindest nicht in einer expliziten Form: In der tritt die Uhr als Ratgeber auf und erteilt uns Instruktionen. Implizit sagen uns die Geräte natürlich schon lange, was wir tun sollen, wenn wir Kalender, Alarmfunktionen und ähnliche Dinge nutzen. Aber hier sind wir selbst oder andere Leute dafür verantwortlich, was wir wann tun müssen – und keine Software und auch keine künstliche Intelligenz.

Die Apple Watch lässt keine Ruhe

Ich nehme mir derzeit eine Auszeit von der Apple Watch, weil die mir deren Betreuung über den Kopf gewachsen ist: Die Hinweise auf mein Stehziel und meine Ringe, die Aufforderungen zum rechtzeitigen Schlafengehen und die Benachrichtigungen am Handgelenk habe ich über die Zeit nicht mehr als nützlich, sondern als bedrängend empfunden und die Uhr darum weggelegt. Die Trainingsfunktionen fürs Laufen werde ich mir demnächst aber trotzdem ansehen.

Garmin ist diesbezüglich dezenter: Die Uhr macht von Haus aus keinerlei Hinweise, selbst wenn es so aussieht, als ob man das Tagesziel für die Schritte nicht erreichen würde. Auch die Coach-Funktion ist dezent: Sie ist während eines Laufs aktiv und lässt einen darüber hinaus in Ruhe – abgesehen vielleicht von einem unauffälligen Hinweis in der App, wenn nach dem Trainingsplan ein Lauf fällig wäre. Aber das ist im Vergleich zur Apple Watch harmlos.

Der Garmin Coach wird über die Connect App über den Menüpunkt Mehr aktiviert. In der Kategorie Training tippt man auf Trainingspläne und wählt via Plan suchen den passenden aus. Es gibt Pläne fürs Laufen und Velofahren. Beim Laufen hat man drei Optionen zur Auswahl und kann für fünf Kilometer, zehn Kilometer und für einen Halbmarathon trainieren. Beim Radfahren gibt es sechs Optionen: 100-Meilen-Rennen, Gran Fondo (75 Meilen), 100 Kilometer-Rennen, Wettkampf, Zeitfahren und Mountainbike.

Zu wenig Auswahl bei den Trainingsplänen

Da zeigt sich schon das erste Problem: Die Auswahl an Trainingsplänen ist zu klein. Da ich gewohnheitsmässig um die elf bis zwölf Kilometer rennen gehe und ich keine Zeit und keine Lust für einen Halbmarathon habe, ist für meine Jogging-Bedürfnisse nichts Passendes dabei.

Was ich gern hätte, wäre ein Plan, der meine Ausdauer kontinuierlich steigert, aber ohne eine konkrete Vorgabe für die Länge. Ich habe es mit dem Trainingsplan für den Zehn-Kilometer-Lauf probiert, aber bei dem hätte ich häufiger rennen müssen, als es meine Freizeit hergibt. Darum verfolge ich zu Testzwecken den Plan für den «5k», also für einen Fünf-Kilometer-Lauf, obwohl der mich unterfordert. Aber ich gehe davon aus, dass sich dieses Problem über die Zeit entschärfen wird, weil Garmin die Zahl der Pläne ausbauen wird. Irgendwann wird auch für meine speziellen Vorlieben das passende dabei sein.

Hat man sich für einen Plan entschieden und angegeben, gibt man an, wie viele Kilometer man pro Woche absolvieren möchte und welchen Pace man anpeilt. Es ist möglich, einen Richtwert für den Pace anzugeben, den man erreichen will. Das ist zum Glück nicht nötig, man kann sich auch mit dem Pace zufriedengeben, der sich ergibt – und sich, wie ich, auf den Standpunkt stellen, dass die Hauptsache darin besteht, über die Runden zu kommen.

Jeff, Amy oder Greg?

Fürs Training darf man sich einen Coach aussuchen.

Nun müsste man sich für einen persönlichen Coach entscheiden. Beim Rennen hat man Jeff Galloway, Amy Parkerson-Mitchell und Greg McMillan zur Auswahl. Da vermutlich niemand von uns diese drei Menschen persönlich kennt, kann man sich bei Garmin informieren, welche Akzente die drei setzen. Kurz zusammengefasst ist Jeff der Mann für die Anfänger, Amy die Gesundheitsbewusste, die darauf achtet, Verletzungen zu vermeiden, und Greg der Drill-Sergeant. Man kann auch einfach die Person wählen, die einem auf den ersten Blick am sympathischsten ist.

Nun ist der Einfluss des Coachs nicht so gross, wie man vielleicht erwartet. Ich hatte halb damit gerechnet, dass Jeff – dem ich den Zuschlag gegeben habe – als Peitschen-schwingendes Hologramm neben mir herrennt.

So startet das Training: Mit einer Aufwärmphase von fünf Minuten.

Das tut er nicht. Die Instruktionen während des Trainings sind dezent: Der Lauf wird in mehrere Phasen eingeteilt. Diese Segmente und ihre Anforderungen sind (glaube ich) je nach Trainer verschieden. Bei Jeff erhält man eine bestimmte Vorgabe zum Pace und hat erstmals die Aufgabe, sich aufzuwärmen. Dann geht es darum, sich zu steigern und sich (mehr oder weniger) zu verausgaben, bis man am Schluss den Lauf locker rennend oder sogar gehend beendet. Die Uhr zeigt einem an, wie lange das Segment noch dauert und ob man sich im vorgesehenen Bereich bewegt.

Während des Rennens: Die Uhr zeigt an, ob man sich im empfohlenen Pace-Bereich befindet.

Am Ende des Trainings schaltet die Uhr automatisch auf Stopp. Das ist tückisch: Wenn man dann noch weiterrennen möchte, muss man wieder auf Start drücken, weil sonst der Rest nicht getrackt wird. Tut man das, wird das Tracking auf herkömmliche Weise, d.h. ohne Vorgaben fortgesetzt.

Der Trainingsverlauf in der Übersicht

Die Fortschritte beim Training sind in der Connect-App ersichtlich.

In der App in unter Trainingspläne sieht man die während des Plans absolvierten Läufe mit einer Bewertung. Dazwischen finden sich kurze Texte und Videos, die einem Dinge zum Training erklären und allgemeine Tipps und Tricks, zum Beispiel zum Aufwärmen und Auslaufen, zum Abnehmen und zur medizinischen Dingen wie Muskelkater und Verletzungen liefern. Es gibt auch Informationen zum Essen und Trinken.

Im Verlauf des Trainingsplans steigen die Anforderungen, wobei die App gemäss der Beschreibung die individuelle Leistung berücksichtigt: Wer locker durchkommt, der muss sich schneller steigern und wer am Anschlag läuft, wird nicht zusätzlich geplagt. Wie sich das konkret auswirkt, konnte ich in meinem Einzeltest nicht feststellen; dafür müssten zwei unterschiedlich fitte Läufer den Plan parallel absolvieren.

Audio oder kein Audio?

Fazit: Bei Apple ist das alles multimedialer und aufwändiger aufbereitet – bei Garmin zurückhaltend und auf die selbständige Umsetzung zielend. Bei Apple kann man sich via Kopfhörer betreuen lassen, bei Garmin hat man nur die Anzeige am Display. Mir reicht das – trotzdem wären optionale Audio-Instruktionen hilfreich, die darauf hinweisen könnten, worauf man während eines Trainingslaufs oder eines Segments achten sollte. Vielleicht auch nicht – weil sich das für meinen Geschmack zu sehr nach Sportunterricht und Jugendriege anfühlen würde…

Bei mir hat der Coach bislang keine Leistungssteigerung bewirkt. Aber das hängt damit zusammen, dass ich das Rennen aus Gründen der Fitness und zum Stressabbau betreibe und nicht auf eine Leistungssteigerung hinarbeite. Wenn man dieses Ziel verfolgt, dann kann der Coach sicherlich einen kleinen Teil beitragen – wenngleich ein echter Trainer oder auch schon nur eine Laufgemeinschaft mit Gleichgesinnten mutmasslich effektiver wäre. Umso mehr, wenn diese Mitläufer Inputs aufgrund eines realen Augenscheins und nicht bloss von Messdaten geben können.

Ich bin mir aber sicher, dass diese virtuellen Coaches erst am Anfang stehen und in der nächsten Zeit noch gewaltig zulegen werden. Ich würde jede Wette eingehen, dass sie in fünf Jahren zum Standard-Repertoire des ehrgeizigen Freizeitsportlers gehören.

Beitragsbild: Zum Glück läuft der Trainer nicht neben einem her, sondern ist nur in den Kopfhörern mit dabei (Gary Butterfield, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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