Die alte Software-Masche feiert fröhliche Urständ

Braucht es Com­pu­ter­zeit­schrif­ten noch? Haben sich die Down­load­por­tale über­lebt? Diese Fragen drängen sich auf, nachdem ich wieder einmal, schlechte Er­fah­rungen mit Chip.de ge­macht habe.

Vor vier Jahren habe ich einen fetten Daumen nach unten für Chip.de verteilt. Der Anlass für den Tadel war eine unerfreuliche Erfahrung, die ich mit dem Softwarearchiv dieses deutschen Computermagazins gemacht hatte. Ich hatte damals ein Programm heruntergeladen und hinterher in meinem Windows-System einen Hintergrundprozess namens Chip 1 Click Installer vorgefunden.

Das habe ich seinerzeit kritisiert: Es kann nicht angehen, dass «Chip» Software von Drittherstellern mit eigenen Komponenten anreichert – weder der eigene Installer ist akzeptabel, noch die mitinstallierten, gebündelten Programme. Wer wie «Chip» ein Downloadportal betreibt, steht in der Pflicht, die Software von Drittherstellern unverändert weiterzugeben. Alles andere ist verdächtig, weil wir Nutzer aus Gründen der Sicherheit und Zuverlässigkeit nur die Originalsoftware verwenden wollen.

Für uns Nutzer eines solchen Downloadportals gibt es keinen legitimen Grund für solche Zusatzprogramme. Die nützen ausschliesslich dem Betreiber: Wenn wir einmal davon ausgehen, dass «Chip» keine trojanischen Pferde verbreitet, dann bleibt als Vermutung, dass sich «Chip» für die Weitergabe durch die Hersteller bezahlen lässt, vielleicht auch Nutzungsdaten erhebt, also Tracking betreibt.

Der alte Holzmichel (a.k.a. «Chip-Installer») lebt noch

Drei Vorteile, die eigentlich keine sind.

Neulich bin ich wieder im Downloadportal von «Chip» gelandet und habe die Gelegenheit wahrgenommen nachzusehen, wie es um den «Chip»-Installer steht. Und siehe da: Es gibt ihn nach wie vor.

Er biete einen Malware-Schutz, lautet das «Chip-Versprechen». Ausserdem biete er «aus redaktioneller Sicht einwandfreie Testversionen» und beteuert, als Nutzer hätte man die Wahl, weil «standardmässig keine zusätzliche Software» ausgewählt sei.

Das überzeugt aber leider nicht: Erstens sollte es selbstverständlich sein, dass «Chip» alles daran setzt, dass im Downloadportal keine Programme mit Schadsoftware enthalten sind. Dafür braucht es keinen Extra-Installer, sondern nur einen Virenscanner bei dem Redaktor, der eine neue Datei in den Downloadbereich einpflegt.

Avira? Die gibts noch?

Zweitens will ich keine Testversionen, selbst wenn sie «aus redaktioneller Sicht einwandfrei» sein sollten. Wenn ich eine Software ausprobieren will, dann wähle ich sie selbst aus und lade sie gerne auch in Eigenregie herunter.

Wer nicht aufpasst, verklickt sich leicht

Gemäss der Usanz wäre der «Nein»-Knopf eigentlich rechts.

Der dritte Punkt ist technisch zutreffend, aber Haarspalterei: Die gebündelten Programme sind nicht vorausgewählt, aber auch nicht deaktiviert.

Wenn man sie nicht explizit deaktiviert, fragt der Installer noch einmal nach, und zwar mit einer Dialogbox, bei der erstens die Schaltflächen englisch beschriftet sind und zweitens links «No» und rechts «Yes» steht (normalerweise ist es umgekehrt).

Das grenzt für mich an ein Dark Pattern, ist also mutmasslich darauf ausgelegt, dass der Nutzer, wenn er nicht aufpasst, das anklickt, was er eigentlich nicht anklicken wollte (siehe Die fiesen Tricks der Designer).

Adaware Web Companion ist eine Software, vor der «Chip» andernorts warnt.

In meinem Fall will der Installer mir eine Software namens Avira Free Security schmackhaft machen, die ich in tausend Jahren niemals freiwillig installieren würde. Im Angebot ist auch der Adaware Webcompanion.

Zu dem finde ich ironischerweise einen Praxistipp von «Chip», in dem die Software mit folgenden Worten vorgestellt wird:

Der Ad-Aware Web Companion ist auf vielen Computern vorhanden, die wenigsten Nutzer haben das Tool jedoch absichtlich installiert

Die Quintessenz in diesem Tipp lautet wie folgt:

Der Ad-Aware Web Companion ist komplett kostenlos. Das Tool finanziert sich jedoch auf eine Art und Weise, die für seriöse Software in der heutigen Zeit nicht mehr angemessen ist.

Mit anderen Worten: Die «Chip»-Redaktion warnt vor einem Produkt, das der «Chip»-Installer als eine «aus redaktioneller Sicht einwandfreie Testversion» bezeichnet. Das darf man zumindest als widersprüchlich betrachten.

Ja, es stimmt: Im Web Geld zu verdienen, ist hart

Und ja, ich kapiere es ja. Es ist schwierig für ein Medium, Geld zu verdienen. Das gilt für alle. Es gilt auch für mein Blog, in dem ich Werbung von Google schalte und Amazon-Affiliate-Links setze. In einer idealen Welt wäre das anders, da würden die Leserinnen und Leser alles finanzieren.  Trotzdem sollte man sich sehr genau überlegen, wie weit man sich verbiegen will – und wo die Grenze zur Unglaubwürdigkeit überschritten ist.

Denn die Glaubwürdigkeit ist das A und O eines Fachmagazins, das Wert auf Tests legt, die unter Laborbedingungen die Vor- und Nachteile der getesteten Produkte darlegen und in Ranglisten münden, die anscheinend auf objektiven Kriterien beruhen.

Darum wundert es mich, wenn ich bei meinen Recherchen zum «Chip»-Installer auf die Ausführungen zum «Chip-Testsiegel» stosse:

Testen ist unsere DNA. Eigens entwickelte Standards, Mess- und Bewertungsverfahren für jede Produktkategorie liefern vergleichbare und praxisrelevante Ergebnisse. Ergebnisse, die die Grundlage für eine unabhängige, transparente und glaubwürdige Kaufberatung bilden – seit 1978.

Der eigentliche Clou kommt im nächsten Absatz:

Mit dem CHIP Testsiegel bieten wir Ihnen die Möglichkeit, das Vertrauen in unsere Marke zu nutzen und sich wirkungsvoll vom Wettbewerb zu differenzieren. Heben Sie sich in Ihrer Kommunikation ausdrucksstark als Gewinner hervor – ob in Print, TV, am POS oder online.

Dazu kann man das Testsiegel lizenzieren und dann «zwölf Monate ab Lizenzierung» verwenden. Und auch wenn es nicht explizit dasteht, wird man mit der Vermutung nicht falschliegen, dass diese Lizenzierung etwas kostet – vermutlich nicht zu knapp.

Mein Vertrauen stärkt das nicht.

Bleibt die redaktionelle Unabhängigkeit gewahrt?

Und das geht aus meiner Sicht einfach nicht. Natürlich, dass diese Siegel zum Verkauf stehen, bedeutet nicht, dass auch die Testresultate käuflich wären. Aber die Frage, wieweit sich dieses Nebengeschäft verzerrend auf die Umstände der Tests auswirkt, steht im Raum. Wenn ein guter Lizenznehmer ein Produkt getestet haben möchte, das die Redaktion von sich aus niemals testen würde – kann man dann wirklich davon ausgehen, dass die redaktionelle Unabhängigkeit gewahrt bleibt?

Ich kann nicht beurteilen, wie sich das bei «Chip» verhält. Aber aus meinen Erfahrungen mit den Amazon-Affiliate-Links weiss ich, dass die Gefahr, korrumpiert zu werden, nicht von der Hand zu weisen ist: Da ich mit ihnen pro Jahr kaum eine dreistellige Summe verdiene und meinen Lebensunterhalt nicht mit Bloggen bestreiten muss, haben sie keinen Einfluss auf das, was ich hier tue. Aber ich habe keine Zweifel, dass Blogger, die vom Bloggen leben müssen, ihre Arbeit unweigerlich so anpassen, dass sich die Rechnung mit den Affiliate-Links auch wirklich lohnt.

Braucht es Computerzeitschriften noch?

An dieser Stelle kann man sich fragen, ob sich die klassische Computerzeitschrift nicht überlebt hat – genauso, wie das Downloadportal. Braucht es letzteres noch, wo es App Stores gibt und selbst Windows einen Package Manager bekommen hat? Ich kaufe ab und zu noch Computerzeitschriften, halte sie aber je länger je weniger für relevant – Blogs, Podcasts und gelegentlich auch ein Youtube-Video decken mein Informationsbedürfnis einwandfrei.

Trotzdem fühle ich mich den Zeitschriften verbunden – natürlich auch deswegen, weil ich mehr als zwanzig Jahre für eine gearbeitet habe. Ich würde sie daher nicht abschreiben. Aber nicht nur aus nostalgischen Gründen: Ich glaube an Medien, die nach journalistischen Kriterien gemacht werden, das Handwerk hochhalten und über Jahre für Verlässlichkeit stehen.

Das könnten Zeitschriften und altgediente Medien wie «Chip». Doch um für die Zukunft gerüstet zu sein, müssten sie einige der alten Zöpfe abschneiden. Die hier dargelegte Geldmacherei mit intransparenten Nebengeschäften gehört für mich dazu – denn nur so kann sich ein Medium von einem Youtuber absetzen, bei dem man nicht weiss, wo das Sendungsbewusstsein aufhört und das bezahlte Influencertum anfängt.

Beitragsbild: Wer bei der Softwareinstallation nicht aufpasst, handelt sich leicht unerwünschte Dinge ein (Fernando Arcos, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

4 Gedanken zu „Die alte Software-Masche feiert fröhliche Urständ“

  1. Es kommt, wie bei allen Medien, auf die Qualität an. Chip war diesbezüglich wohl noch nie die NZZ der Computermedien. Früher gab es die „PC Professionell“, die ich als seriös empfunden habe. Zudem vielleicht noch die „PC Praxis“ von Data Becker. Dort war der Verkauf der Software aus dem eigenen Verlag aber auch im Fokus. Wer erinnert sich nicht an die „Goldene Serie“ mit den 1000 Schriftarten oder 20’000 Cliparts? 😀

    Mein Vertrauen geniessen die c’t, die iX und weitere Erzeugnisse vom Heise-Verlag. Heise leistet sich ein eigenes Testlabor. Das können sich aber wohl nur noch wenige Verlage leisten, der Markt ist einfach nicht mehr da.

    Ich brauche keine Computerzeitschrift, aber ich gönne mir heise+ und kann so die für mich interessanten Artikel online lesen.

    Man muss übrigens auch Zeitschriften aus der Schweiz mit einem gewissen Misstrauen betrachten. Was als „Vergleichstest“ angekündigt wird, ist oft nur „von diversen Anbietern Informationen einholen und in einer Tabelle zusammenstellen“. Misstrauisch werde ich, wenn mir als Anbieter von der gleichen Person, die um Informationen bittet, gleich Inserate verkauft werden wollen.

    1. Ich habe «Chip» früher als seriös empfunden und sehe eine eklatante Kluft zwischen der gedruckten Zeitschrift und dem Online-Auftritt. Im Print erkenne ich nach wie vor Seriosität und Ernsthaftigkeit. Die Website war, seit ich mich erinnern kann, eine krawallige Veranstaltung mit viel zu viel Werbung, Clickbaiting und komischen Content-Deals, der irgendwelchen Schrott auf die Seite gespült hat. (Der Fairness halber sei gesagt, dass vieles von dem auch viele andere eigentlich seriöse Medien betrieben haben.) «PC Professionell» und «PC-Praxis» habe ich auch beide gelegentlich gekauft und gelesen, aber ich habe immer zuerst bei «Chip» geschaut.

      Die Einschätzung zur «c’t» teile ich. Die habe ich mir am Kiosk selten angeschaut, weil wir für die Redaktion ein Abo hatten. Ich muss mal meinen Chef darauf ansetzen, dass wir das erneuern. 😉

  2. Hallo Matthias,
    bei der c’t erinnere ich mich gerne an die Telefonbücher der Mittneunziger zu CeBit-Zeiten.
    Mein Abo hab‘ ich dann vor einigen Jahren gekündigt; die Druckausgaben immer dünner und teurer. Davor im Rahmen einer „Blattreform“ weniger redaktionelle Artikel in identischer Seitenzahl. Wurde als Layoutauffrischung verkauft.
    Die Qualität ist immer noch extrem hoch, die Kritik ist logischerweise nur meine persönliche Meinung.

  3. Auch mein Virenscanner mag den Chip-Installer nicht 😉 Und früher musste man sogar den Ad-Blocker abschalten, und es ging trotzdem nicht. -> Wieder einen Kunden verloren.
    Was mich aber am meisten frustriert, sind die vielen „Tipps“ für Freeware oder die sog. „kostenlosen Vollversionen“. Meist sind es eher mittelmässige Programme, in deren Kategorie es viel bessere gibt. Diese suche ich mittlerweile selber, via Google, und v.a. in den Foren.
    Ct ist ok, weil sehr fundiert, und (Schleich-) Werbung bleibt bei den Inseraten.

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