Warum ich mit dem Amazon-Partnerprogramm experimentiere

Ich habe ein überaus zwiespältiges Verhältnis zu Amazon. Einerseits bin ich Kunde dort, indem ich einen (inzwischen wenig gebrauchten) Kindle und ein Abo bei Audible.com besitze. Immer noch in der «Einerseits»-Kategorie ist zu vermelden, dass ich via Kindle Direct Publishing mein Kummerbox-Kompakt-E-Book veröffentlicht habe, das nun nicht gerade der ultimative Bestseller war, aber meine Umsatzerwartungen gut erfüllt hat.

Jeff Bezos hat ich persönlich bekniet… oder so ähnlich.

Andererseits stört mich an Amazon den offensichtlichen Weltmachtsanspruch, die mangelnde Interoperabilität der digitalen Produkte, die schlechten Arbeitsbedingungen in den Verteilzentren, die Steuerpolitik. Amazon hat vorgeführt, wie Online-Shopping geht und dem E-Commerce den Weg geebnet. Oder biblisch gesprochen: Wer Amazon säht, wird Zalando ernten. Auch nicht gerade ein Sympathieträger (bei dem ich immerhin noch nie etwas bestellt habe).

Deals vermitteln
Und nun das: Ich habe mich letzte Woche beim Affiliate-Programm von Amazon, dem Partnernet angemeldet. Das funktioniert so, dass ich bin Besprechungen von Produkten (Gadgets oder Hörbücher) auf Amazon verlinke. Die URL enthält einen individuellen Code. Über den kriegt es Amazon mit, wenn einer meiner Leser auf den Link klickt. Wenn er im Nachgang das Produkt kauft, bekomme ich dafür eine Provision. Wie das halt so ist, wenn man einen Deal vermittelt.

Affiliate-Programme sind IMHO hochproblematisch: Sie sind mit redaktioneller Unabhängigkeit nicht vereinbar. Als Rezensent wird man am Erfolg der besprochenen Produkte beteiligt und hat somit ein Interesse an diesem Erfolg. Selbst wenn man sich für unabhängig hält – dass man auf die Dauer schleichend korrumpiert wird, ist unvermeidlich. Das muss nicht dazu führen, dass man von einem kritischen Rezensenten zum Marktschreier mutiert. Es kann aber durchaus sein, dass man Kritikpunkte abtemperiert oder anfängt, Produkte nach ihren Erfolgschancen im Affiliate-Programm auszuwählen.

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Über den Site Stripe kann man via Twitter oder Facebook an den Käufen seiner Follower und Freunde mitverdienen.

Nicht nur das: Affiliate-Programme führen dazu, dass Links bei Buchbesprechungen nur noch zu Amazon und nicht mehr zu books.ch, buch.ch, thalia.ch, buchhaus.ch oder zu exlibris.ch führen. Bei denen gibt es die besprochenen Bücher zwar auch, aber sie bieten eben keine Provision. Das heisst: Amazon gewinnt auf jeden Fall. Selbst wenn kein einziger meiner Leser ein Produkt über den Affiliate-Link kauft und ich entsprechend gar nichts verdiene, hat Amazon Links auf die Angebote der Konkurrenz verhindert und auf den eigenen Shop gezogen.

Amazon gewinnt immer
Ich mache unterschwellig eine Empfehlung, wo meine Leser ihre Produkte einkaufen sollen. Das ist im Rahmen einer Besprechung jedoch nicht meine Aufgabe und allein deswegen ein Unsinn, weil meine Leserinnen und Leser ihre Lieblingsbuchhandlung haben (ob nun digital oder analog). Ich meinerseits bin in der Linksetzung nicht mehr frei. Statt diese nach redaktionellen Überlegungen zu treffen – ich verwende normalerweise den Anbieter, bei dem ich das Produkt selbst erworben habe –, gebe ich meinen Partnern den Vorzug. Das widerspricht meiner Überzeugung, dass man sich als Blogger und Journalist in den Dienst seiner Leser stellen sollte.

Nun stellt sich eine interessante Frage: So viele gute Einwände – warum starte ich dann trotzdem diesen Partnernet-Versuch? Naheliegende Antwort: Wegen des Geldes. Ich investiere eigentlich zu viel Zeit in dieses Blog hier. Ich könnte in der Zeit Dinge tun, die mir finanziell mehr einbringen würden – nur haben diese Dinge oft den Nachteil, dass ich sie als weniger relevant erachte. Ich habe in letzter Zeit mit Leuten gesprochen, denen ich vertraue, und die mir sagen, das sei kein Problem – man verkaufe mit einem Amazon-Link seine Seele nicht. Schliesslich ist es für mich spannend und aufschlussreich auszuprobieren, mit welchen Mitteln man seine eigene Schreibe monetarisieren könnte. Es tut mir als Journi gut zu sehen, wie hart im Internet via Flattr, Adsense, Affiliate-Programme das Geldverdienen ist. Das erstickt allzu verführerische Illusionen im Keim…

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Bis jetzt ist der Reichtum ausgeblieben…

Entsprechend habe ich das Amazon-Partnernet nur vor mir rechtfertigen können, indem ich es als Versuchsballon deklariere, im Blog Transparenz schaffe und mir verspreche, dass ich es bleiben lasse, wenn es mich zu sehr korrumpiert. Und hier ist auch das Versprechen, sofort aufzuhören, wenn meine Leserinnen und Leser sich daran stören. Die Kommentare sind offen!

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

4 Gedanken zu „Warum ich mit dem Amazon-Partnerprogramm experimentiere“

  1. Ich nutze gerne und wenn möglich affiliate links bei Gadgets/bücher/filmen die ich gut finde genauso aber auch bei solchen die mir nicht gefallen und ich das auf kommuniziere. muss ja nicht heissen das das bei anderen auch so ist.
    dazu biete ich dem Leser gleich eine Möglichkeit das vorgestellte Produkt zu kaufen – für meinen aufwand bleibt dan etwas bei mir hängen was den Käufer aber nicht schmerzt.

  2. Der Punkt zu Exlibris, buch.ch etc stimmt übrigens nicht. ich biete bei den Gadgets z.B. immer links zu Amazon und brack an (für die schweizer Leser) bei Büchern und filmen ist es meist ein link zu buch.ch oder ähnlichem bei denen es auch affiliate Programme gibt. Solltest das evtl. noch im Text anpassen.

    Exlibris verlinke ich nicht da die mich nicht angenommen haben beim Programm und ich seit vielen jahren selber auch da nicht mehr einkaufe (schon lange vor dem umstand g)

  3. Ich habe auch schon bei Amazon eingekauft. Aber oft habe ich, auch wenn es mit Aufwand verbunden war und obschon ich bei Amazon nur noch den einen Klick hätte machen müssen, mir die Mühe genommen, ein anderer Anbieter, vornehmlich aus der Schweiz, zu suchen, um nicht bei Amazon bestellen zu müssen. . ..

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