Eine Ära geht zu Ende

Für mich geht eine Ära zu Ende. Seit 1996 habe ich, mal in grösserem, mal in kleinerem Umfang, für Digipress gearbeitet. Das ist das KMU, das hinter der Zeitschrift «Publisher» und Publisher.ch steht. Die Zeitschrift behandelte ursprünglich Themen aus dem klassischen Desktop Publishing, später allerlei Formen des elektronischen Publizierens, also auch im Web, als App und mobil.

Ich habe für den Publisher Artikel geschrieben, die Videoserie Publisher Insiders gemacht, die Tipps-und-Tricks-Rubriken betreut und den Download-Bereich mit hübscher, nützlicher Software bestückt. Das war aber längst nicht alles: Digipress hat bis zur Einstellung 1999 auch die Zeitschrift «M&K Computermarkt» redaktionell bespielt, sodass ich damals wie die Jungfrau zum Kind zu einem Co-Chefredaktor-Job gekommen bin.

Digipress war immer eine Art Hansdampf in allen manchen Gassen, sodass ich auch Software entwickelt und Kundenprojekte betreut habe – zum Beispiel für einen Schweizer Industriebetrieb eine Software zur Verwaltung digitaler Konstruktionspläne, die auf PDF basierte. Ich war auch bei der Lancierung der Swiss Publisher CD mit dabei: Das ist eine Clipart-Sammlung auf CD und später auf DVD, die sich hierzulande grosser Beliebtheit erfreut hat und die mit meiner in Delphi programmierten Kataloganwendung lief – bis sie 2010 oder so als Online-Angebot neu an den Start ging.

Nun kommt dieses Unternehmen in neue Hände. Martin Spaar, der Inhaber von Digipress, übergibt den Publisher an David Maissen und Laurent Gachnang, zwei «erprobte Vollblut-Publisher», wie er in der Pressemeldung schreibt:

Die beiden sind als Digital Natives prädestiniert, die Weichen in Richtung digitale Transformation richtig zu stellen und den Publisher als führende Fachzeitschrift für Publishing und Digitaldruck erfolgreich weiter zu entwickeln.

Ich freue mich, dass Martin eine gute Lösung gefunden hat, die ein Fortbestehen in Würde ermöglicht. Es wäre sehr bedauerlich gewesen, wenn der Titel in irgend einem grossen Verlag und in einer anderen Zeitschrift aufgegangen wäre.

Und ich bin gespannt, wie es weitergeht und wie sich die Zeitschrift und die kleine Community weiterentwickeln wird. Ich glaube, ich verrate keine allzu geheimen Interna, wenn ich hier ausplaudere, dass wir an Sitzungen oft über die Zukunft disktiert haben und ich jeweils vehement die Position vertreten habe, dass es Leute braucht, die den Medienwandel nicht nur beschreiben, sondern mit Leib und Seele leben.

Was mich angeht, gehöre ich nicht zum Digipress-Inventar, weswegen ich nicht in das neue Unternehmen überführt werde. Ich habe somit Gelegenheit, einen Teil meines Arbeitsalltags (zwanzig Prozent, um genau zu sein), neu auszurichten. Falls mich die beiden neuen Inhaber anfragen, ob ich weiterhin Beiträge liefern will, werde ich mir das gewissenhaft überlegen. Aber ich rechne damit, dass per Ende Februar auch für mich ein Neuanfang ansteht.

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Einer der ersten Artikel, die ich vor bald 23 Jahren für «Publisher» geschrieben habe.

Es stellt sich die spannende Frage: Was anstellen mit zwanzig Prozent Arbeitszeit pro Woche? Das ist zu wenig, um gleich das ganze Berufsleben umzukrempeln. Aber es ist ein recht gutes Pensum für Experimente und neue Projekte wie regelmässige Videoreihen, Artikelserien, Kolumnen, Blogs oder Dinge in der Art. Ich möchte mir überlegen, ob sich aus diesem Blog hier vielleicht doch noch ein ernsthaftes Medium machen lässt – vielleicht eines, das auch zwanzig Prozent meines Einkommens abwirft.

Ich hätte auch Lust, einen neuen (und natürlich völlig neuartigen) Podcast zu starten. Vielleicht bleibe ich auch, etwas unoriginell, bei meinem alten Leisten. Und treibe die Sache mit den Publishing-Tipps (zu Photoshop, InDesign, Bildbearbeitung, Webpublishing) weiter. Denn ohne diese Themen würde mir etwas fehlen.

Aber als erstes will ich ein paar liegen gebliebene Dinge erledigen. Und mir Zeit nehmen, um tief durchzuatmen. Das ist in letzter Zeit zu kurz gekommen. Eine innere Stimme sagt mir, dass es nicht verkehrt wäre, diese neu entstehende Lücke nicht gleich stopfen zu wollen, sondern die Gelegenheit wahrzunehmen, ein bisschen zurückzuschalten. Und wieso auch nicht? Es kann sein, dass mir dann ein paar Ideen kommen, für die im normalen Alltagstrubel einfach zu wenig Platz war…

Beitragsbild: Die Lücke nicht gleich wieder stopfen (aitoff/Pixabay, CC0)

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

2 Gedanken zu „Eine Ära geht zu Ende“

  1. Hey, Matthias, nimm Dir wirklich etwas Zeit, um die Lücke zu stopfen. Musst ja nicht gleich wieder auf 100 Prozent aufstocken – was ja dann effektiv doch meist eher 120 Prozent sein dürften, so wie ich die Branche kenne … Es gibt so viele schöne Dinge im Leben, für die man keinen Lohn bekommt.

    Aber auf die Zukunft des Publishers bin ich auch gespannt. Martin hat das sehr gut gemacht und war auch immer ein sehr angenehmer Zeitgenosse.

    Lieber Gruss (Ex-Netzwoche, falls Du Dich noch erinnerst)!

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