Die Romantik-Story mit dem multimedialen Extra

In der Lese-App Galatea gibt es multi­me­dial an­ge­reicher­te Ge­schich­ten und bei Hooked bekommt man Chat-Fiction serviert: Storys, die nur per SMS und Chat-Nach­rich­ten er­zählt werden. Ist das inno­vativ oder Digital-Schnick­schnack?

Ursprünglich hatte ich die Absicht, an dieser Stelle die Galatea-App zu besprechen. Es gibt die fürs iPhone/iPad und Android, und sie hält zuhanden der Hörerinnenschaft Bücher und Hörbücher vorwiegend gefühlvoller und wohl paranornaler Prägung bereit.

Es wird schnell klar, dass hier Fantasien mit klarer Ausprägung bedient werden. Es geht um Romantik, wobei man sagen darf, dass die Romantik oft Hand in Hand mit dem Vollzug derselben in bildhafter und auf spezifische Bedürfnisse zugeschnittener Form geht.

Falls nicht klar ist, was ich meine, hilft womöglich ein Hinweis auf Genres und Subgenres, die in Galatea zu finden sind. Das sind Krimi, Thriller und Spannung, Romanze, Science Fiction und Fantasy, sowie Jugendroman wobei die weiter nach z.B. Feuerwehrleute, LGBTQ+, Medizinisch, Polyamorie, Sport oder Unschuldig aufgeschlüsselt werden.

Wenn man in Geschlechterklischees würde denken wollen, dann vermutet man, dass hier hauptsächlich ein weibliches Publikum angesprochen werden soll. Wobei: Die aufgeschlossenen Männer unter uns sind sich natürlich nicht zu schade zuzugeben, dass auch sie derlei Dinge mögen. Denn im Vergleich zum klassischen Männerklischee steht man noch immer besser da: Die schauen schnöde Porno im Web, während die Erotikkonsumentin mit Stil das Kopfkino anwirft.

Also, wie gesagt, sind die Grenzen zwischen Romantik und Erotik bei Galatea semipermeabel: Allein die Cover vieler Werke lassen keinen Zweifel, dass man Schilderungen stimulierender Natur erwarten oder aber den Autor wegen irreführender Werbung verklagen darf.

«Spüre den Herzschlag der Protagonisten»

Die Galatea-App hält Bücher in diversen Sprachen und mit recht eindeutigen Covern bereit.

Allein deswegen wollte ich mir die App aber nicht ansehen. Mein Interesse wurde durch den Beschreibungstext geweckt, wo es heisst, es gebe in den Geschichten Bild- und Sound-Effekte, Vibrationen und Chat-Nachrichten. Man könne die Geschichten «lesen, fühlen und hören»: «Spüre den Herzschlag der Protagonisten», heisst es beispielsweise.

Die Idee, Geschichten in einer App mittels der Möglichkeiten des Smartphones immersiver zu machen, ist naheliegend. Das könnte schon lange üblich sein – wenn es nicht zwei Hindernisse gäbe. Das eine besteht darin, dass im Büchermarkt nach wie vor die «Print first»-Regel gilt – die gedruckte Fassung dürfte mit Abstand den grössten Ertrag liefern. Warum sollte ein Verlag sich daher die Mühe machen, einen Extra-Produktionsaufwand in eine digitale Variante zu stecken, die weniger Umsatz bringt? Und die digitalen Bücher werden mit einem E-Book-Reader konsumiert, bei dem nicht gewährleistet ist, dass die interaktiven Elemente wie Bilder, Klangeffekte und Vibrationen überhaupt zur Geltung kommen.

Das zweite Hindernis liegt darin, dass die Idee, Bücher multimedial anzureichern, zwar theoretisch gut klingt, in der Praxis aber entweder einen enormen Aufwand macht oder banal bleibt. Es wundert daher nicht, dass Film, Buch und Videospiel getrennte Medienformen bleiben, bei denen es bislang wenige gelungene Grenzüberschreitungen gibt.

Bloss ein Werbeversprechen?

Dieses Buch in der Galatea-App betreibt nebenbei etwas Chat-Fiction.

Wie gut oder schlecht diese Anreicherungen in der Galatea-App funktionieren, hätte ich gerne ausprobiert. Ich habe bis dato aber keine Geschichte aufgespürt, bei der Zusatzeffekte vorhanden gewesen wären. Vielleicht stehe ich auf dem Schlauch oder es gibt nur einige wenige entsprechende Exemplare – aber falls ich fündig werden sollte, werde ich meine Erfahrungen mit dem Herzschlag des Prtotagonisten gerne nachtragen.

Dank der App bin ich immerhin auf ein Phänomen gestossen, das mir bislang nicht bekannt war, das ich euch aber nicht vorenthalten möchte. Das heisst Chat fiction und ist ein Teil der Internetkultur: Geschichten werden vorwiegend oder ausschliesslich über Chat-Nachrichten oder SMS erzählt. Vorreiter sei die App Hooked, erklärt Wikipedia. Es gibt die fürs iPhone/iPad und für Android.

Literarische Revolution – oder doch nur Geldmacherei?

Das ist alles, was ich mir von der Hooked-App angeschaut habe.

Mit Hooked bin ich leider nicht warm geworden. Das liegt daran, dass einem die App gleich beim Öffnen ein Abo für satte 5.50 Franken pro Woche andrehen will. Es gibt ein Probeabo, doch wenn man bei dem die rechtzeitige Kündigung vergisst, laufen 286 Franken pro Jahr auf (von einem vergünstigten Jahres-Abopreis habe ich nirgends etwas gelesen).

Das riecht für meinen Geschmack etwas zu sehr nach Geldmacherei und Abofalle. Ich würde gerne eine Probegeschichte lesen und die Möglichkeit haben, Titel einzeln zu erwerben, ohne dass ich gleich ein teures Abo abschliessen will – zumal mich Hooked erst davon überzeugen müsste, dass sich das Chat-fiction-Genre nicht nach ein paar Geschichten totgelaufen hat.

Mehr als ein Nischen-Phänomen?

Wenn wir uns an den Deutschunterricht zurückerinnern, fällt auf, dass es nicht von ungefähr kommt, dass klassische Literatur mehr erzählerische Mittel aufweist als bloss Dialoge auf Distanz. Ich jedenfalls schätze einen Erzähler, Beschreibungen und wortlose Action. Selbst Formen, die stark von Dialogen leben, brauchen weitere Stilmittel, um Stimmung und Spannung zu erzeugen. Das hört man beim Hörspiel und man sieht es beim Comic, das kein sonderlich spannendes Medium mehr wäre, wenn man die Zeichnungen weglässt.

Fazit: Ich gebe zu, dass ich dieses Thema nicht völlig durchdrungen habe. Ich lasse mich gern korrigieren, wenn ich falsch liege, aber ich glaube trotzdem, dass man es als Nischenerscheinung betrachten darf – bzw. als einen modischen Hype, der hier mittels App-Abo nach allen Regeln der Kunst bewirtschaftet wird. Es ist kein Wunder, das Experimente in Kino und Fernsehen, beispielsweise der Film «Unfriend» und die «Modern Family»-Folge «Connection Lost» (Skypen kann tödlich enden), die nur mittels Chat-Apps einen Plot entfalten, Ausnahmeerscheinungen sind.

Beitragsbild: Es könnte ja sein, dass man auch bei diesem Buch den Herzschlag des Protagonisten spürt (Siora Photography, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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