Skypen kann tödlich enden

Letztes Wochenende haben wir uns den Film Unfriended zu Gemüte geführt. Es handelt sich um einen Horrorstreifen, der zwei formale Besonderheiten aufweist: Erstens erzählt er die Geschichte in Echtzeit. Zweitens ist es eine Art Kammerspiel, bei der die Kammer keine Kammer ist, sondern ein Mac-Desktop. Dort spielt sich (bis auf die letzten zwei Sekunden des Films) die ganze Handlung ab – in Skype-Fenstern, iMessage, in Youtube. Und sogar die halbseidene Exhibitionismus-Plattform Chatroulette hat einen Auftritt.

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Nun kommt es (via Skype) ans Licht…

Der Desktop gehört der Schülerin Blaire Lily. Sie setzt am Anfang des Films zu einer Runde Skypecybersex mit Freund Mitch an, als einige weitere Freunde zum Skype-Gruppenchat dazustossen. Es ist, so will es der Zufall, der Todestag von Laura Barns. Sie hat sich vor genau einem Jahr in aller Öffentlichkeit erschossen. Die Gründe werden nach und nach klar. Nach einem Saufgelage sind sehr unvorteilhafte Videoaufnahmen von Laura in Umlauf geraten. Wer genau wie an der Verbreitung beteiligt war, erschliesst sich dem Zuschauer erst nach und nach… denn beim Gruppenchat in Skype ist auch der «unknown user» aus dem deutschen Titelenglischen Titel des deutschen Verleihers mit dabei. Er lässt sich nicht rauswerfen und hat auch sonst ein paar unerfreuliche Überraschungen parat. Denn er macht das, was der Unbekannte im Bund im typischen Horrorfilm so tut – er meuchelt die anderen ab.

Guter Horror lebt von Doppelbödigkeit
Ich bin nun nicht der ultimative Horrorfan – wobei mir The Woman in Black mit Daniel Radcliffe neulich sehr gut gefallen hat und ich noch immer darauf warte, dass M. Night Shyamalan wieder einmal so etwas Tolles macht wie The sixth sense. Aber da ich seit kurzem aus Gründen viel mit Screencasts zu tun hatte, fand ich es spannend zu sehen, wie Storytelling via Screencast aussehen könnte. Ungewöhnliche Erzählweisen können auch abgedroschenen Story-Ideen neues Leben einhauchen. Und generell mag ich es, wenn Filme oder auch Videoserien versuchen, narrativ aus dem 0815-Schema auszubrechen. Ich erinnere mich, dass mich damals die Folge Rashomon, die Fortsetzung (Alternativtitel «Augenzeugen», englisch I witness) von Magnum P.I. beeindruckt hatte. Die gleiche Geschichte eines Raubüberfalls wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Und bekommt vor Augen geführt, wie verzerrt ein subjektiver Erlebnisbericht doch sein kann.


Magnum P.I. – S 4 E 21 – I Witness von must-atav2017
Spannende Erzähltechniken – das ist ein leicht 80-er-Jahre-mässig angehauchtes Beispiel aus der dunklen Fernsehserien-Vergangenheit.

«How I met your mother» hat erzählerisch ebenfalls häufig Neuland beschritten: Da wurde ein Joint augenzwinkernd zensurierend zu einem Riesen-Sandwich. Da wurde in How Your Mother Met Me plötzlich die Perspektive umgedreht. Und generell gefällt mir die Idee, eine Geschichte, die man auch in zwei Sätzen hätte erzählen können, auf neun Staffeln und 208 Folgen auszuwalzen. Das ist so anmassend, dass es schon wieder charmant ist. Ausserdem hat Stephen King in der Einleitung zu der verlängerten Fassung von «The Stand» (siehe hier und hier) ja gesagt, dass die Nebenhandlungen und Seitenstränge, der Detailreichtum und Schmuckelemente einer Geschichte erst die Würze verleihen…

Willkommen auf dem Nebengleis
Apropos Seitenstrang: Da bin ich auch etwas vom geraden Weg abgekommen. Ich wollte nur begründen, weswegen mir Geschichte mit einer ungewöhnlichen Perspektive und einer ausgefallenen Erzählweise so gut gefallen. Und wenn ich dazu noch eine Ergänzung machen darf: Seit längerem stehen schon The Regulators (Regulator) und Desperation auf meiner Wunschluste. Die erste Geschichte wird von Stephen King unter seinem Pseudonym Richard Bachman erzählt. Die zweite Geschichte erzählt Stephen King als Stephen King. Jede Geschichte ist zu der anderen eine Art Paralleluniversum, wo sich Ereignisse und Charaktere spiegeln. Eine grossartige Idee!

Der unbekannte Skype-Benutzer in «Unfriended» schafft es jedenfalls, in knapp 90 Minuten die ganze Wahrheit ans Licht – und die untreuen Exfreunde unter den Boden zu bringen. Natürlich kann man einwenden, die Jugendlichen hätten halt einfach das Stromkabel ziehen müssen. Trotzdem fand ich den Film unterhaltsam und stilistisch gut gemacht. Der Film arbeitet mit (vermeintlichen) Video- und Audio-Artefakten, wie sie bei der Internettelefonie durchaus auftreten können. Hier führen sie oft zu kurzfristigen Verunstaltungen der Protagonisten in ihren Videofensterchen – wie digitale Horrormasken. Und beachtlich ist auch, dass in der deutschen Fassung nicht nur die Tonspur übersetzt wurde, sondern auch die Interfaces von Skype, Facebook, Youtube und OS X. (Den intensiven Nutzern fällt natürlich auch auf, dass sich die Benutzeroberflächen und Screendesigns inzwischen bereits gewandelt haben.)

Modern Family schiesst den Vogel via Facetime ab
Natürlich: Ein Film, bei dem alle Protagonisten nur an ihren Schreibtischen sitzen, ist in seiner Dynamik eingeschränkt. Das hat die Folge Connection Lost (S06E16) der Sitcom Modern Family besser gelöst: Sie spielt ganz auf Claire Mac-Desktop. Sie ist am Flughafen blockiert und versucht, dem Geheimnis der vermeintlichen Spontan-Hochzeit ihrer Tochter Haley mittels Facetime, iMessage, Mail und Google Maps auf die Spur zu kommen. Doch hier sind die Familienmitgliedern anders als in «Unfriended» auch auf ihren Mobilgeräten und in Alltagssituationen erreichbar, was der Sache trotz der technisch vermittelten Kommunikation eine quicklebendige Anmutung gibt.

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Die Wir-erzählen-mit-Kommunikationstechnik-eine-Geschichte-Masche funktioniert nicht nur in gruselig, sondern auch in lustig.

Kritisieren kann man die Apple-Lastigkeit dieser Episoden: Aber abgesehen davon geben sowohl «Connection Lost» als auch «Unfriended» schöne Reflexionen auf den Stellenwert der Kommunikationstechnologie in unseren Leben ab.

Autor: Matthias

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