Die fiesen Tricks der Designer

Wir werden auf Schritt und Tritt verarscht: Im Web und in ihren Apps versuchen uns die Entwickler zu Dingen zu verleiten, die wir gar nicht tun wollen. Drei solcher «Dark Pattern», die mir in letzter Zeit begegnet sind.

Ein wahres Meme!

Neulich bin ich einem Meme begegnet, das ich nicht nur lustig, sondern auch sehr bezeichnend fand. Es ist nebenstehende Grafik, die die «kleinsten Dinge im Universum» aufzählt.

Links das Elektron, daneben das Quark. Und rechts, noch viel kleiner, der Knopf mit dem x, mit dem man eine mobile Werbung wieder schliesst.

Dieses Meme hat mir in Erinnerung gerufen, dass ich mich schon seit längerem mit den «Dark Pattern» beschäftigen wollte: Das sind Gestaltungstricks bei Benutzeroberflächen und in interaktiven Umgebungen, die den Anwender dazu bringen wollen, etwas zu tun, was er eigentlich gar nicht tun wollte: Zum Beispiel einen Newsletter abonnieren, eine unerwünschte Option aktivieren, persönliche Daten angeben oder  Geld ausgeben.

Die Unterbrecherwerbung in Apps ist ein gutes Beispiel für derlei Finten. Es ist nämlich nicht nur so, dass das x zum Schliessen der Werbung unglaublich winzig ist. Der Knopf ist auch bei jeder Werbung in einer anderen Ecke platziert. Und oft sieht man ihn nicht gleich beim Start der Werbung, sondern erst nach einer gewissen Zeit – dann, wenn man bereits durch ein Werbevideo oder eine Animation abgelenkt ist.

Es kommt nicht von ungefähr, dass man diese unfaire Form der Werbung oft in Apps findet, die zwar behaupten, kostenlos zu sein, dann aber doch alles daran setzen, via In-App-Käufe Geld einzuspielen – und zwar meist ein Vielfaches mehr, als ein Nutzer jemals als Kaufpreis für eine App bezahlt hätte.

Die «Dark Pattern» gehen Hand in Hand mit anderen Free-to-Play-Mechanismen, die ich seinerzeit im Beitrag Gamern das Geld aus der Tasche ziehen beschrieben habe. Es gibt auch Leute, die die beiden Begriffe mehr oder weniger synonym verwenden. Zum Beispiel auf darkpattern.games: Hier sind auch die klassischen Free-to-Play-Maschen aufgeführt: Das Grinding, die täglichen Belohnungen, die Pay-to-win-Methode, etc.

Für mich bezieht sich die Bezeichnung «Dark Pattern» allerdings vor allem auf die Gestaltung einer Benutzeroberfläche, also die Anordnung und das Aussehen der Bedienelemente, den Ablauf der Interaktion mit dem Benutzer und die Klarheit der Beschriftung und Erklärung.

Beispiel 1: Das Cookie consent tricking

Von «Free to Play» würde ich sprechen, wenn man den Nutzer durch psychologische Tricks zu gewissen Aktionen nötigt. Beispielsweise: «Wenn du die App mit Facebook verbindest, bekommst du 15 Extra-Leben und ein tolles Power-Up.» Die Beispiele bei Wikipedia gehen in die gleiche Richtung, und sie nennen mit dem Cookie consent tricking ein Beispiel, dem ich in letzter Zeit sehr oft begegnet bin.

«Cookie consent tricking» wie aus dem Lehrbuch – hier präsentiert vom «Stern».

Das bringt Leute dazu, anstelle der benutzerdefinierten Cookie-Einstellungen, für die sie sich eigentlich entschieden haben, trotzdem alle Cookies zu akzeptieren.

Das Beispiel vom «Stern» zeigt, wie das geht: Man passt die Einstellungen an und will diese Auswahl abspeichern. Wenn man nicht genau hinschaut, dann denkt man, die rote Schaltfläche wäre fürs Speichern und die daneben fürs Abbrechen. Aber gefehlt: Die grosse Schaltfläche speichert alle Cookies, egal, was man oben ausgewählt hat. Um die individuellen Vorgaben zu aktivieren, muss man auf den viel schlechter sichtbaren Knopf «Auswahl speichern» klicken.

Beispiel 2: Das Privacy Zuckering

Das Beispiel vom «Stern» führt auch vor Augen, wie weit verbreitet diese «Dark Pattern» zumindest in harmloseren Ausprägungen sind. Mit dem Privacy Zuckering hat jeder Facebook-Nutzer zu tun: Die Einstellungen zur Privatsphäre waren anfänglich so gestaltet, dass viele Nutzer ihre Beiträge für mehr Leute freigegeben haben als beabsichtigt.

Heute scheint mir das kein Problem mehr. Aber ich finde die Zahl der Einstellungen, die es bei Facebook gibt, erschlagend: Es gibt so viele Optionen, dass ich mir selbst nach einer intensiven Prüfung nicht sicher bin, ob ich alles richtig eingestellt habe. Und die Optionen verändern sich auch immer mal wieder, sodass es schwierig bis unmöglich ist, eine verbindliche Wegleitung zur richtigen Konfiguration zu veröffentlichen: Kaum hat man die geschrieben und in einem Blog oder bei einer grossen Tageszeitung veröffentlicht, ist alles schon wieder anders.

Beispiel 3: Der Google-Standortverlauf

Eine gute Anlaufstelle, um sich über die «Dark pattern» zu informieren, ist darkpatterns.org. In der Hall of Shame, findet sich, wen wundert es, auch Google. Der Eintrag verweist auf den Beitrag Unsealed Google lawsuit docs show its own engineers were confused by privacy settings. Es geht um einen Gerichtsfall, der durch die Meldung Google tracks your movements, like it or not von AP ausgelöst wurde, die sich um die Probleme dreht, die viele Leute beim Konfigurieren der ortsbezogenen Einstellungen in den Google-Produkten haben.

Das hat mich verwirrt, wie ich im Beitrag Googles Arroganz dargelegt habe. Aber gemäss den Akten, die beim Verfahren öffentlich wurden, ging es auch den Google-Mitarbeitern nicht besser:

«Ich stimme dem Artikel zu», schrieb ein unbenannter Google-Mitarbeiter in einem internen E-Mail, das zusammen mit anderen Beweisstücken veröffentlicht wurde. «Location off sollte Location off bedeuten; nicht mit Ausnahme dieses oder jenes Falles».

 

Ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, sich für die «Dark Pattern» zu sensibilisieren: Dann wird man unweigerlich tagtäglich entsprechende Beispiele finden – ganz egal, ob die nun mit voller Absicht, unbewusst oder aus Nachlässigkeit entstanden sind. Ich bin jedenfalls gespannt, ob es sich ergeben wird, dass ich an dieser Stelle bald einige weitere Beispiele präsentieren kann…

Beitragsbild: Dark Pattern sind definitiv der falsche Weg (Free To Use Sounds, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Die fiesen Tricks der Designer“

  1. Es gibt noch das Ultra-Dark Pattern: wenn einem keine Wahl mehr gelassen wird.

    Beispiel: bei der Installation von Windows 10 Home konnte man bis vor etwa einem halben Jahr einen kleinen Button „ich will kein Microsoft-Konto, sondern einen lokalen Account“ anklicken. Ein klassisches Dark Pattern also. Anscheinend haben zu viele Anwender davon Gebrauch gemacht, so dass der Link jetzt gar nicht mehr vorhanden ist. Ohne Microsoft-Konto kommt man nicht weiter. Es gibt natürlich einen „Trick“: die Installation ohne Internetzugang durchführen. Dann geht es ohne Microsoft-Konto.

    Es kommt dann aber ein paar Tage später bei der Anmeldung erneut eine freundliche Aufforderung, doch ein Konto zu erstellen. Der Schliessen-Button ist wieder kaum sichtbar.

    Benutzerfreundliche Software sollte man eigentlich ohne „Tricks“ installieren können.

    1. Das ist ein sehr gutes Beispiel, das ich vor Kurzem auch in einem Patentrezeptvideo angesprochen habe, das demnächst auch hier im Blog auftaucht. Man kann auch ein Online-Account einrichten und hinterher auf lokal umschalten – und es scheint mir legitim, dafür einen Dummy-Account anzulegen, den man für gar nichts anderes benutzt.

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