Mitten drin statt nur dabei

Nicht nur Apple startet mit 3D-Audio eine Raumklang-Initiative, auch Sony ist mit 360 Reality Audio beim neuen, immersiven Musikerlebnis mit dabei. Und da auch mein etwas älterer Sony-Kopfhörer dazu kompatibel ist, hatte ich Gelegenheit, das mit eigenen Ohren zu hören.

Mein grosser Kopfhörer, den ich zu Hause vor allem als Arbeitsinstrument bei Audio- und Videoproduktionen verwende, ist nicht mehr brandneu, sondern hat bald vier Jahre auf dem Buckel. Trotzdem erfüllt der Sony WH-1000XM2, den ich im Beitrag Mundtote Arbeitskollegen seinerzeit ausführlich vorgestellt hat, seinen Zweck nach wie vor hervorragend.

Aber gute Kopfhörer sind für die Ewigkeit – die meisten habe ich so lange benutzt, bis die Polster speckig wurden oder weggebröselt sind.

Das könnte auch bei diesem Sony-Modell passieren, zumal das eine Eigenschaft hat, die es für eine langanhaltende Nutzung prädestiniert. Es lässt sich nämlich auch passiv verwenden. Das heisst, dass der Kopfhörer auch funktioniert, wenn er nicht eingeschaltet ist – dann kann man ihn logischerweise nicht drahtlos benutzen und es gibt auch keine Geräuschunterdrückung. Aber am Kabel funktioniert er wie jeder herkömmliche Kopfhörer. Das ist inzwischen eine meiner Lieblingsfunktionen, weil sie den Gebrauch herrlich unkompliziert macht.

Trotzdem habe ich neulich wieder einmal die Begleit-App des Kopfhörers geöffnet und wurde vom Setup fürs 360 Reality Audio-Setup begrüsst. Das ist Sonys Antwort auf Apples 3D-Audio, mit dem ich mich in diesem Blogpost beschäftigt habe.

Stereo war gestern

Die Idee ist, Stereo auch bei den Kopfhörern zu überwinden und ein Raumklang-Erlebnis zu bieten, das einem als Hörer einen Eindruck des Raums vermittelt. Das Schlagwort ist immersiv; weil man als Zuhörer sich der Illusion hingeben kann, dabei zu sein.

Die Idee ist nicht neu; im Gegenteil: Die sogenannten Kunstkopf-Stereo-Aufnahmen gibt es schon lange und sie haben immer mal wieder ein Revival. Eines habe ich im Beitrag Hörspiel 2.0 besprochen.

Aber natürlich – 360 Reality Audio von Sony bzw. 3D-Audio von Apple sollen einen weit höheren Grad an Immersion bieten, weil sie dank ausgeklügelter Algorithmen das Hörerlebnis an den Nutzer anpassen. Sony treibt das so weit, dass man fürs Setup seine Ohren fotografieren muss, damit die Magie ihren Lauf nehmen kann.

Man hat das Vergnügen, Fotos von seinen Ohren zu machen

Mithilfe gesprochener Anweisungen macht man Fotos seiner Ohren.

Das klingt etwas lächerlich und ist auch nicht ganz so einfach zu realisieren – zumindest, wenn man keinen Helfer hat, der dafür sorgen kann, dass das Ohr genau an der richtigen Stelle im Live-Kamerabild landet und von der App als solches erkannt wird.

Aber es klappt und die Analyse der Ohren nimmt ihren Lauf – ohne dass für mich ersichtlich ist, ob das einen echten Einfluss hat oder bloss Voodoo-Zauber ist.

Vier Dienste lassen sich mit dem Sony-Kopfhörer nutzen, nämlich 360 by Deezer, Artist Connection, nugs.net und Tidal. Auf der Website wird auch noch Amazon HD erwähnt, doch der steht in der Sony-App nicht zur Verfügung. Am Ende des Setups muss man sich für einen Dienst entscheiden, woraufhin die App dieses Anbieters optimiert wird. Ich nehme an, das Profil meiner Ohren wird übermittelt.

An dieser Stelle geht es mit dem Raumklang-Musikvergnügen los. Ich habe meinen Test mit einigen von Sonys Demo-Dateien abgehalten, bei denen  man in der Tat die umherwandernden Klangquellen im Raum orten kann – wie man es erwarten würde.

Die Artist Connection-App führt einige Raumklang-Müsterchen vor

Ich habe im Anschluss die Artist Connection-App (iPhone/iPad und Android) verbunden. Das ist eine Wiedergabe-App für HD-Musik, in der es bislang nicht viel mehr gibt als einige Aufnahmen in360 Reality Audio. Aber man kann sich ohne Abo einige Songs anhören, zum Beispiel von Your Grandparents. Das gibt es auch auf Youtube:

Diese sanften Chorgesänge, die nicht nur von rechts und links kommen, sondern von rundherum, sind eindrücklich. Der Raumklang-Mix ist subtil – anders als bei den ersten Stereomixes, bei denen manche Instrumente oder Stimmen brutal auf einen Kanal verbannt wurden, damit auch der letzte Neandertaler den Unterschied zu Mono kapiert.

Oder hier auch ein kurzes Set von Neriah, das es ebenfalls bei Youtube gibt:

Bei dem ist der Eindruck etwas weniger deutlich – man muss schon genau hinhören, um einen Unterschied zu Stereo festzustellen. Trotzdem bleibt das ein spannendes Hörerlebnis, das den Gewohnheiten zuwiderläuft und Spass macht. Und natürlich bekommt man Lust, seine Lieblingsmusiker und speziell geeignete Aufnahmen anzuhören – Pink Floyd, Yello, Brian Eno und Kraftwerk sind die Ersten aus meiner Plattensammlung, die mir einfallen.

Die Musikauswahl ist noch überschaubar

Leider scheint das Angebot noch überschaubar zu sein, was vor allem für die Musiker, die ich als in der Zeit stehen gebliebener Hörer schätze, gilt. Trotzdem könnte es sein, dass mich in den Ferien die Lust packt, sodass ich mir vielleicht einen Monat mit Tidal gönnen, mich durch ein paar Raumklang-Songs durchhören und hier Bericht erstatten werde.

Als Fazit bleiben drei Dinge:

Musik ist gut, aber…

Natürlich ist Raumklang bei der Musik spannend, besonders für Konzertaufnahmen und für experimentierfreudige Musiker.

Aber ich orte das noch grössere Potenzial beim Heimkino. Leute wie ich, die keinen Bock haben, ein 5.1-System aufzubauen, würden sich jedoch den Kopfhörer überstülpen, um ins Geschehen abzutauchen.

Gerade, wenn man einen kleinen Bildschirm nutzt und sich einen Streifen am iPad oder Handy anschaut, könnte der Raumklang eine Extra-Dimension beisteuern, die das Erlebnis beträchtlich aufwertet. Darum sollten unbedingt Netflix, VLC, Infuse 5 (Am Apple TV ist VLC nicht die beste Wahl), und die anderen einschlägigen Medienplayer nachrüsten.

Kudos, Sony!

Danach findet die Analyse der Hörmuscheln statt.

Erstens halte ich es Sony zugute, dass sie meinen bereits vierjährigen Kopfhörer mit dieser Funktion nachrüsten. Damit hätte ich nicht gerechnet und andere Hersteller hätten schulterzuckend die Gelegenheit wahrgenommen, ein neues Produkt zu verkaufen. Das hätte zwar nicht zu einem High-End-Modell gepasst, aber bekanntlich setzen sich solchen Fällen bei vielen Unternehmen die Stimmen durch, die lieber die zusätzlichen Einnahmen mitnehmen, statt auf den Ruf zu achten.

Darum toll, dass Sony das Feature nachrüstet.

Es braucht einen Standard

Zweitens ist es schade, dass Apple und Sony unterschiedliche Süppchen kochen und es keinen offenen Standard für die 3D-Musik gibt. Das wird dem Erfolg im Weg stehen. Ich wette, dass sich Raumklang beim Musikstreaming nur durchsetzt, wenn man es niederschwellig mit einer breiten Palette an Hardware nutzen kann, ohne darauf achten zu müssen, dass Hersteller und Streamingdienst auch zusammenpassen.

Beitragsbild: Musik, die klingt, als wäre man live dabei (ActionVance, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Mitten drin statt nur dabei“

  1. 3-D Raumklang gab es schon vor 50 Jahren – „Kunstkopf“ hiess es, tönt nicht so sexy wie 3-D. Aber nur mit Kopfhörer und diese galten damals als altbacken, unchic. Und jetzt, wo Kopfhörer Alltagsgut sind, findet die Raumklang-Technologie wieder Anklang …

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