Tief Luftholen oder durch die zugekniffene Nase atmen?

Die Breezometer-App behauptet von sich, die Luftqualität auf fünf Meter genau ausweisen und mit verlässlichen Prognosen für die nächsten Stunden aufwarten zu können. Das klingt eindrücklich – aber kann die App dieses Versprechen auch halten?

Neulich ist mir aufgefallen, dass die Wetter-App des iPhones für Sylt eine Angabe macht, die für alle anderen Ortschaften, die ich ausgewählt habe, nicht ersichtlich ist. Bei der nordfriesischen Insel erfährt man Näheres zur Luftqualität. Es gibt eine Farbskala, die von Blau bis tiefrot reicht, wobei die Sylter sich glücklich wähnen können, da der Wert an der Grenze zwischen Grün und Blau noch im niedrigen Bereich angesiedelt ist – wie man es sich für eine Ferieninsel auch erhofft.

Gute Luft, aber das Emoticon schaut trotzdem traurig.

Da ich das für eine sinnvolle Information halte, aber ich mich näher damit beschäftigt und entdeckt, dass die Angabe von breezometer.com stammt.

Das ist eine private Organisation, deren Gründer Ran Korber wissen wollte, welches die israelische Stadt mit der geringsten Luftbelastung ist und herausgefunden hat, dass es diese Information nicht gibt. Daraufhin hat er das Unternehmen gegründet – und stellt die Information einerseits über die Air Quality Map, andererseits über eine App (iPhone/iPad und Android) zur Verfügung.

Die App macht einen aufgeräumten und durchdachten Eindruck: Man sieht auf der Startseite auf den ersten Blick den Grad der Luftverschmutzung. Bei mir zu Hause ist sie mässig, wobei ein trauriges Emoticon mitteilt, normalerweise sei sie besser.

Detaillierte Gesundheitsempfehlungen

Hier erfahren Leute mit Heuschnupfen, welche Pollen unterwegs sind.

Ein Feld zeigt die Luftqualität zur aktuellen Zeit und für die nächsten Stunden. Tippt man auf das Feld, gibt es Gesundheitsempfehlungen und Hinweise, ob man nach draussen gehen soll, ob man mit Kindern im Freien tollen kann oder zumindest Feuerstellen, Strassen und Baustellen meiden soll.

Schliesslich gibt es spezielle Empfehlungen für Schwangere, Asthmatikerinnen, Sportler, Herzkranke und ältere Menschen.

Zu guter Letzt erfährt man etwas über die Pollenbelastung, aufgeteilt nach Bäumen, Kräutern und Gräser.

Das aufschlussreich für mich, auch wenn ich keine gesundheitlichen Gründe habe, mich für diese Daten zu interessieren. Ich habe keine Krankheit oder Allergie, deretwegen ich auf die Luftqualität achten müsste. Aber ich habe ein Interesse an meiner Umwelt und ich finde es toll im Informationszeitalter zu leben, in dem solche Daten jedermann und jederfrau zur Verfügung stehen, und zwar rund um die Uhr und in Echtzeit.

Woher sind die Daten? Und wie akkurat sind sie?

Eine Frage bleibt natürlich: Nämlich, wie genau Ran Korber und sein Unternehmen die Luftqualität im globalen Massstab eruieren – und wie akkurat die Daten sind. Hängen überall Sensoren, von denen ich noch nichts gesehen habe?

Die Karte zur Luftqualität.

Hier gibt es eine Beschreibung des Verfahrens: Demnach verwendet Breezometer Sensoren an, die ungefähr auf 15 Meter genau sind und in Echtzeit funktionieren, erklärt besagter Ran Korber. Und es ist maschinelles Lernens mit im Spiel, mit dessen Hilfe die Dutzende von Schadstoffen mit einer Zuverlässigkeit von 90 Prozent mit abnehmender Genauigkeit bis sechs Stunden in die Zukunft vorhergesagt werden können.

Das wirft allerdings mehr Fragen auf, als es beantwortet, weil nichts zu den Sensoren gesagt wird. Im Beitrag How Did BreezoMeter Achieve 5 Meter Air Quality Data Resolution? gibt es einige weitere Hinweise:

BreezoMeter berücksichtigt zusätzlich zu Werten von Messstationen Verkehrsmuster, Informationen von Millionen von vernetzten Autos, Satellitendaten, Wetter, Rauchmodelle aktiver Feuer, meteorologische Daten, Modelle und Landbedeckung. Darüber hinaus setzen wir hochentwickelte Algorithmen und Machine-Learning-Techniken ein.

Auch das würde ich so deuten, dass Breezometer eben nicht so viele Sensordaten hat, dass diese ein flächendeckendes Bild ergeben und die Lücken durch kreative Algorithmen gefüllt werden.

Besser als physische Sensoren?

Das wird im gleichen Artikel bestätigt, wo es heisst, physische Sensoren würden kein vollständiges Bild vermitteln:

Die meisten Anbieter von Luftqualitätsdaten verlassen sich auf physische Messstationen, was bedeutet, dass die von ihnen bereitgestellten Daten vollständig von der Anzahl und dem Standort der physischen Stationen abhängig sind.

In den meisten Fällen ist in jeder Station nur eine Teilmenge von Sensoren verfügbar – diese überwachen nicht unbedingt alle Schadstoffe und melden mit einer durchschnittlichen Verzögerung von vielen Stunden.

Nun, für mich klingt das trotzdem nach der verlässlicheren Methode. Aber ich bin kein Experte und ich masse mir darum kein Urteil an, wie weit Breezometer das Versprechen der hyperlokalen Echtzeitdaten erfüllen kann.

Der App besser nicht blind vertrauen

Ich finde die Citizen Science- und Hackerprojekte in diesem Bereich vertrauenswürdiger, etwa die Plattform hackAIR, über die Heise vor drei Jahren berichtete. Auf der Karte sieht man, wo welche Sensoren was gemessen haben – und das gibt automatisch einen Eindruck davon, wie eng- oder weitmaschig gemessen wird. Und die Informationen widersprechen der Breezometer-App nicht diametral.

Die HackAIR-Karte zeigt, wo welche Daten gemessen wurden und lässt einen auf jeden einzelnen Sensor zugreifen.

Fazit: Breezometer ist eine interessante Sache, vor allem, wenn man sie mit einem gesunden Misstrauen nutzt und ab und zu Quervergleiche zu anderen Mess-Netzwerken macht.

Beitragsbild: Hier riecht es offensichtlich nicht nach Landwirtschaft (Ingrid Santana, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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