Mord in Island, Ärger bei Netflix

Reisen weitet den Horizont: Man lernt neue Orte kennen. Und neue Menschen. Und vor allem erfährt man, dass diese Menschen an diesen neuen Orten manche Dinge anders angehen als man selbst – und dass es trotzdem funktioniert. Man wird dadurch im Idealfall selbst etwas flexibler im Kopf.

Wenn es weniger ideal läuft, dann regt man sich tierisch auf. Kriegt einen roten Kopf und eine pulsierende Vene an der Stirn. Denn man lernt beim Reisen nicht nur neue Länder kennen, sondern auch andere Netflix-Kataloge. Bekanntlich stehen beim Streaming nicht überall die gleichen Inhalte zur Verfügung. Nein, das Angebot variiert je nach Land, in dem man sich gerade aufhält. Und auch bei der Zahl der Filme und Serien gibt es markante Unterschiede (siehe dazu auch Netflix, das ist eine Frechheit!).

Nun waren wir in diesen Sommerferien in Schweden. Das hat uns gezwungen, uns während des Aufenthalts im hohen Norden nach netflixmässigen Alternativen umzusehen. Das ging so: Bei der Abreise steckten wir mitten in der dritten Staffel von Bonusfamiljen. Das ist eine unterhaltsame und kluge Serie über drei eng verflochtene Patchworkfamilien – mit all den Querelen, die sich daraus ergeben.

Das ist eine Serie aus Schweden. Ironischerweise ist sie dort oben in Schweden aber erst in zwei Staffeln bei Netflix zu sehen. Das dürfte daran liegen, dass sie dort im Fernsehen ausgestrahlt wird, per VHS in Videotheken zu haben ist oder sonstwo in der Verwertungskette steckt. Wir haben uns darum neu orientiert und sind bei der Serie Ófærð gelandet.

Die heisst in Englisch «Trapped», in Deutsch «Gefangen in Island» und ist ein spannendes (und sehr isländisches) Drama um einen menschlichennTorso, der unvermittelt in einem Kaff bei Siglufjörður auftaucht. Es gibt dort auch einen garstigen Schneesturm, einen unangenehmen Gemeindepräsidenten, einen geschäftstüchtigen Anwalt, sowie einen traumatisierten und vernarbten jungen Mann, der vor Jahren seine Freundin in einem Feuer verloren hat. Deren Vater ist seelisch genauso vernarbt und gibt dem jungen Mann die Schuld am Tod – denn auch diese Sache ist so dunkel wie die isländischen Wintertage geblieben.

Gefangen fühlt man sich auch, wenn man sich durch die Eiswüste der Streaming-Angebote kämpft.

Und es gibt viele tolle Charaktere – den grossartigen Ólafur Darri Ólafsson als grummeliger und mit seiner Ex im Clinch liegender Polizeichef Andri Ólafsson. Die ebenso grossartige Polizistin Hinrika Kristjánsdóttir, die von Ilmur Kristjánsdóttir einfach grossartig gespielt wird. Und viele andere Figuren, die bei uns eine leidenschaftliche (und nach wie vor anhaltende) Diskussion darüber auslösten, wie ein so kleines Land wie Island es schafft, solche Serien zu produzieren, die um Längen besser als ein Schweizer «Tatort» sind.

Kurze Zwischenbemerkung dazu: Ich war in dieser Diskussion übrigens eher auf seiten des Schweizer «Tatorts». Ich bin überzeugt, dass man bei Produktionen aus seinem eigenen Land viel kritischer ist, weil einem auch kleine Unstimmigkeiten auffallen. Bei einer Englisch untertitelten Serie in Isländisch müssen schauspielerische Misstöne hingegen schon massiv sein, bevor wir sie bemerken.

Mit anderen Worten: Ich halte den Vergleich für ungerecht. Denn auch zu Tode gerittene Klischees und Unstimmigkeiten beim Setting, die einem nachhaltig den Spass verderben, fallen uns bei Serien aus unseren Sehnsuchtsorten kaum auf. Wenn eine Serie dagegen vor der Haustür spielt, dann springen uns solche Schnitzer regelrecht ins Gesicht. Trotzdem ist es wohl tatsächlich so, dass «Ófærð» einfach besser und interessanter ist als eine Folge «Tatort» aus der Schweiz – selbst im Vergleich mit Die Musik stirbt zuletzt, den ich wirklich gut fand.

Also, zurück zum Thema: Wir hatten uns mit «Ófærð» bestens neu ausgerichtet und während unseren Ferien in Schweden die ersten fünf Folgen weggeglotzt. Da war die Enttäuschung dann recht gross, als die Serie zu Hause nicht mehr abrufbar war. Wir hatten es geschafft, die Lücke im schwedischen Katalog mit einer Lücke aus dem Schweizer Katalog zu füllen.

Stellte sich die Frage: Was tun? Diesen Fall unvollendet zu lassen, kam nicht in Frage. Ich bin daher bei der Website werstreamt.es vorstellig geworden. Dort sucht man nach einem Titel und sieht dann, wo man den legal bekommt. Im Fall von «Gefangen in Island» gibt es folgende Quellen – die alle ihren eigenen Pferdefuss haben:

iTunes. Apple bietet die Serie für 14,99 Euro an. Das wäre ideal, um eine Lücke zu stopfen – kein neues Abo, keine zusätzlichen Verpflichtungen. Das Problem: Apples Serien-Angebot hat es nie in der Schweiz geschafft.

Amazon Prime. Die erste Folge gibt es für 10 Cent, dann alle weitere für 2,99 Euro. Da wir bis Folge fünf gekommen sind, müssten wir Folgen 6 bis zehn kaufen. Macht 14,95 Euro. Will man bei Amazon gleich viel für eine halbe Serie bezahlen, wie bei Apple eine ganze kostet? Nein, will man nicht.

«Geh doch woanders hin mit deinem Geld!»

Aber ich würde es tun, wenn das die einzige Möglichkeit wäre. Darum versuche ich probehalber, die erste Folge für 10 Cent zu kaufen. Amazon teilt mir mit, meine Zahlung würde abgelehnt: «Ihr Konto verfügt nicht über eine aktuelle Zahlungsart.» Ich überprüfe mein Konto und finde meine Kreditkarte vor, über die die Amazon-Tochter Audible ohne Probleme mein Hörbuch-Abo abwickelt.

Das deutet für mich darauf hin, dass die Begründung Schwachfug ist und die Serie auch via Amazon Prime in der Schweiz nicht zugänglich ist. Ob es sie via Primevideo.com könnte man ausprobieren – aber eigentlich will ich nur die Staffel fertig schauen und kein neues Streaming-Abo abschliessen.

Sky Ticket. Man löst ein Abo für 4,99 Euro, das danach 9,99 Euro kostet. Man könnte so die Serie günstig zu Ende sehen. Aber will man wegen einer Serie ein Abo lösen, das man auch rechtzeitig wieder künden muss? Will man vermutlich nicht.

Ausserdem könnten die sehr schlechten Bewertungen abschreckend wirken. Bei trustpilot.com geben 99 Prozent von 140 Bewertern dem Dienst die Note ungenügend: «Schlechtester Streamingdienst der Welt», «Arglistige Täuschung und Diebstahl», heisst es da. Das ist eventuell übertrieben – oder auch nicht. Jedenfalls keine Empfehlung für Leute wie uns, die nur eine Serie zu Ende sehen wollen.

Sky Go. Das ist wieder Sky und deutlich teurer. 14,99 pro Monat im Zwölf-Monate-Abo, dann 39,99 Euro pro Monat. Der teure Preis liegt wohl am Sport – den ich weder sehen noch bezahlen will.

Magenta TV. Das ist das Streaming-Angebot der deutschen Telekom und für die Schweiz nicht relevant.

Videoload. Ein Streaming-Anbieter, der mir bis dato nicht bekannt war. Er stammt ebenfalls von der deutschen Telekom. In der Schweiz steht er offiziell nicht zur Verfügung und inoffiziell wird man ihn nicht nutzen wollen, da das mit Garantie auf ein VPN-Heckmeck hinausläuft.

Man hätte nun nachsehen können, ob die Serie zum Beispiel bei Swisscom TV, Teleclub on Demand oder UPC Myprime zu sehen ist. Allerdings müsste man für diese Anbieter unter Umständen seinen Fernseh- und Internetanbieter wechseln. Und das wäre selbst für die beste Serie der Welt zu viel Aufwand.

An dieser Stelle stelle ich fest, dass dieses Thema wieder einmal die dicke Vene auf meiner Stirn zum Pulsieren bringt: Man kämpft sich einmal quer durchs Internet, ohne eine legale Bezugsquelle für eine Serie zu finden, die man – auch gegen Bezahlung – konsumieren möchte.

Die Content-Industrie ist nicht in der Lage, zahlungswilligen Kunden ein brauchbares Angebot zu machen. Das ist völlig absurd – und da Netflix ein Teil dieser Content-Industrie ist und die ganze Misere angerichtet hat, bitte ich Reed Hastings (oder meinetwegen einer seiner Angestellten) um die Beantwortung folgender einfacher Frage:

Wieso steht die Serie in Schweiz bei Netflix nicht zur Verfügung, wenn es sie bei keinem anderen der hier verfügbaren (vernünftigen) Streamingdienst abrufbar ist?

(Den Zusatz «vernünftig» habe ich deswegen gesetzt, um Sky Ticket auszuklammern.)

Ich möchte auf diese Frage eine ganz konkrete Antwort haben. Also kein Blabla à la «das Verwertungsrecht ist kompliziert», sondern etwas Handfestes wie: «Es liegt daran, dass SRF die Serie 2018 ausgestrahlt und die Rechte noch bis 2064 blockiert hat.»

Bemerkung dazu: SRF hat die Serie 2018 ausgestrahlt. Ob die Rechte noch blockiert sind, weiss ich nicht. Die Serie ist im SRF-Player aufzufinden, aber mit dem Vermerk «Keine Sendungen vorhanden». Auch dabei kommt man sich leicht veralbert vor.

Fazit: Nebst dem Ärger war das wieder einmal eine massive Verschwendung meiner Lebenszeit. Ich habe es natürlich per VPN probiert, aber leider nicht mit viel Erfolg. Ein anderer Weg, der zufälligerweise eine bekannte schwedische Erfindung beinhaltet, war schliesslich zielführend. Er soll hier aber nicht weiter erläutert werden.

Beitragsbild: Hallo Netflix, jemand zuhause? (Screenshot aus Trapped, der zweiten Staffel, thekillingtimestv.wordpress.com)

Autor: Matthias

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