Netflix, das ist eine Frechheit!

Wir haben seit Ende des letzten Jahres einen smarten, etwas blöden Fernseher, der auch 4k kann. Darum hatten wir für ein paar Monate auch die entsprechende Netflix-Ausbaustufe abonniert. Das heisst Premium und unterstützt auch das Streaming auf vier Geräte. Das brauchen wir allerdings nicht. Wir schauen normalerweise zusammen Netflix, sodass an sich sogar die Nutzung von zwei Streams parallel beim Standard-Abo nett, aber nicht zwingend ist.

Nun haben wir wieder auf das Standard-Abo zurückgewechselt. Erstens gibt es zu wenige Inhalte in 4k bzw. UHD, dass sich der Aufpreis wirklich lohnen würde.

Zweitens langt Netflix beim Premium-Abo ziemlich hin – und demnächst wird es noch teurer. Die 19.90 Franken, die man bis anhin zahlen musste, waren gerade noch verkraftbar. Aber am dem 22. Mai schlägt das Abo um zwei Franken auf 21.90 Franken auf. Zur Erinnerung: Netflix hat schon vor zwei Jahren die Preise erhöht. Zuvor hatte das Premium-Abo noch 17.90 Franken gekostet. Die Begründung:

We’re hard at work improving Netflix so that you can have even more great TV shows and movies to enjoy.

Etwas muss man Netflix lassen: Man kann sein Abo sofort und ohne Kündigungsfrist ändern oder beenden.

Die Begründung ist nicht nachvollziehbar. Erstens aus persönlicher Sicht: Als Nutzer kann man seinen Netflix-Konsum nicht beliebig steigern, weil man sich gelegentlich auch um Job und Familie kümmern muss. Wenn die Auswahl grösser wird, ist das theoretisch schön – praktisch ist es aber nur dann relevant, wenn man vorher Mühe gehabt hätte, überhaupt interessante Inhalte zu finden. Das ist aber nicht der Fall: Unsere Liste mit den abzuarbeitenden Titeln ist schon jetzt ziemlich lang.

Zweitens stimmt es nur bedingt: Gemäss «Business Insider» ging die Zahl der Titel zwischen 2010 und 2018 deutlich zurück: In den USA von 7285 auf 5579 Titel. Besonders ist der Rückgang bei den Kinofilmen. Stattdessen setzt Netflix offensichtlich auf TV-Serien. Was die Schweiz angeht, beziehe ich mich auf den Beitrag Im dünnen Netflix-Angebot die dicken Dinger finden: Dort habe ich im November 2016 via Unogs.com ein Total von 2604 Titeln eruiert. Heute sind es 4466 (3058 Filme und 1408 Serien).

Für die Schweiz ist das tatsächlich ein grosser Ausbau des Katalogs – allerdings ausgehend von einem sehr tiefen Niveau. Und in der Summe sind es nach wie vor deutlich weniger als die USA (5991 Titel) oder UK (5754 Titel). In diesen Ländern ist Netflix trotzdem deutlich günstiger: Premium kostet in den USA nun 15.99 US-Dollar (16.25 Franken; nach einem Aufschlag von 2 US-Dollar), in UK seit dem 20. März £12.99 (17.30 Franken).

Natürlich ist Netflix nicht das einzige Unternehmen, das die Preise entsprechend der Kaufkraft festsetzt. Das Stichwort dazu ist Big-Mac-Index: Da führt die Schweiz mit 6.62 US-Dollar gegenüber 5.58 US-Dollar in den USA.

Der Big-Mac ist in der Schweiz gegenüber den USA 18,6 Prozent teurer. Der Aufschlag ist aber marginal gegenüber den 34,8 Prozent, die Netflix beim Premium-Abo obenaufsattelt. Denn während McDonald’s in der Schweiz tatsächlich höhere Preise für Mieten, Löhne und einheimische Rohstoffe bezahlt, hat Netflix null höhere Kosten hierzulande. (Fredy Künzler mag mich gerne korrigieren, aber ich glaube nicht, dass die Auslieferung eines Videostreams hierzulande teurer ist als z.B. in den USA, UK oder Deutschland.)

Netflix ist ein teurer Spass, hat vor Kurzem die «Handelszeitung» festgestellt: Nur die Dänen würden noch mehr bezahlen. Die «Handelszeitung» hat sich auch den Spass erlaubt, den Preis auf die Anzahl Titel umzurechnen: Demnach zahlen wir 0,211 Cent pro Titel im Katalog. In Den USA sind es 0,137 Cent, in UK 0,141 Cent und in Kandada sogar nur 0,124 Cent.

Allerdings findet die Rechnung nit dem günstigsten Basic-Abo statt, das man eh nicht nutzen will – denn wer will sich heute noch SD-Inhalte antun? Ausserdem findet die Kalkulation mit anderen Zahlen zur Grösse des Katalogs statt. Wenn man das Premium-Abo und die tiefere Zahl von Unogs.com berücksichtigt, zahlen Schweizer 0,49 Rappen pro Titel, die Amerikaner 0,27 Rappen. Das wären dann 81 Prozent mehr. Das erreicht schon das Aufreger-Niveau der Medikamentenpreise.

Das trübt meine Freude über Netflix – ein Unternehmen, das ich ansonsten als sympathisch und innovativ erlebe. Hier habe ich den Eindruck, dass es nur darum geht, den letzten Saft aus der Zitrone zu pressen. Natürlich ist es okay, dass Brasilianer Netflix viel günstiger bekommen. Da bin ich auch bereit, eine Quersubvention zu leisten. Aber dieser Aufschlag aus heiterem Himmel – den würde ich nur goutieren, wenn Netflix gleichzeitig eine tolle Schweizer Serie angekündigt hätte, die hierzulande und zu einheimischen Marktpreisen produziert würde.

Verdächtig ist natürlich auch der Zeitpunkt: Netflix schlägt just auf, bevor im Herbst Apple TV+ und Disney+ an den Start gehen werden. Und auch wenn ich es bedauere, dass diese Streamingdienste dazu führen werden, dass sich das Angebot noch mehr fragmentiert und man mit Netflix allein wahrscheinlich nicht mehr über die Runden kommen wird, so wird es doch so sein, dass Netflix unter Preisdruck kommt – etwas, das die hiesigen Konkurrenten bislang nicht geschafft haben.

Noch eine Randbemerkung: Heise.de hat vor Kurzem beschrieben, was man tun muss, wenn man Netflix in UHD an seinem Computer konsumieren möchte. Es ist ziemlich absurd.

Wer einen älteren PC zum Media-Center inklusive UHD-Streaming von Netflix umfunktionieren will, muss so einiges beachten. An den aktuellen Windows-DRM-Versionen Playready 3.0 SL3000 und HDCP führt bei Netflix kein Weg vorbei und auch die Software muss mitspielen.

Arg verwundert haben uns die Einschränkungen, die es sowohl bei Nvidia als auch AMD seitens der Treiber gibt: Hüben will man mindestens 3 GByte Grafikspeicher und GeForce-Karten ab der 1000er-Reihe haben und drüben bekommt die aktuelle Vega-GPU-Architektur auch nach knapp zwei Jahren noch keinen funktionierenden Treibersupport.

Das ist natürlich nicht Neflix’ schuld, sondern hat mit der Angst der Filmindustrie vor Piraterie zu tun. Aber trotzdem absurd – aber eine logische Fortsetzung davon, dass Windows auch mit Film-Blurays von Haus aus nichts anfangen kann.

Beitragsbild: Hoffentlich schlägt wenigstens das Popcorn nicht auf (Jeshoots.com/Unsplash, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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