Eine schematische Darstellung von Europa und dem Mittelmeerraum aus der Weltraumperspektive, die geographische Merkmale wie Landmasse und Wasserflächen zeigt.
Tritt Europa sozialmedial aus dem Schatten der USA? Das ist das erklärte Ziel von W Social, aber die Erfolgschancen sind nach dem jetztigen Stand der Dinge gering (PicElysium, Pixabay-Lizenz).

Ein erster Eindruck von W Social: So wird das nichts

W Social will als Gegen­ent­wurf zu Twit­ter Europa eine starke Stimme in der Sphäre der so­zia­len Medien ver­leihen. Der erste Test fällt er­nüch­ternd aus: Mit der Au­then­ti­fiz­ie­rung per Pass­kopie liegen die Ein­tritts­hürden hoch und wegen der starken An­lehnung an Bluesky geht jede Ei­gen­stän­dig­keit flöten.

Ein neues soziales Netzwerk geht an den Start. W Social (wsocial.eu) kommt aus Schweden und hat mit der Gründerin, Anna Zeiter, direkte Bezüge zur Schweiz. Die deutsche Juristin wohnt in Zürich und sie stellte die Plattform im Januar am WEF in Davos vor.

Am letzten Dienstag bekam ich eine Einladung für die Testphase, die in zwei Phasen startete: am 9. Mai 2026 für ausgewählte User und seit dem 17. Juni 2026 für Leute, die sich auf die Warteliste eingetragen hatten. Natürlich habe ich mir sogleich ein Bild verschafft – und auch wenn der Eindruck nach zwei Tagen noch sehr oberflächlich ist, versuche ich mich an einer Einschätzung: Wird W Social die Social-Media-Landschaft aufmischen – oder doch eher nicht?

Das Bild zeigt einen Beitrag auf einer sozialen Medienplattform über Elektromobilität. Ein Elektroauto wird an einer Ladestation aufgeladen, während eine Person daneben steht.
Die neue Plattform W Social sieht Twitter und Bluesky zum Verwechseln ähnlich.
Hand hält einen kleinen, rechteckigen Reise-Router mit einem blauen Bildschirm, der den Namen «Dream Machine» zeigt. Der Hintergrund ist unscharf, möglicherweise ein dekoriertes Tuch.
Zum Vergleich: Twitter (X) …
Bildschirmfoto eines sozialen Netzwerks mit verschiedenen Tweets und Kommentaren. Links sind Tweets zu aktuellen Themen, rechts ein Menü mit Nutzeroptionen und Empfehlungen.
… und Bluesky

Der erste Kontakt mit dem Anmeldeprozedere ist umständlich. Ich lege meinen Account am Windows-PC an, muss jedoch mein Smartphone zücken und die App W Identity (iPhone/Android) laden. Sie dient der Authentifizierung. Ich werde angehalten, meinen Pass mitsamt den biometrischen Informationen zu fotografieren und ein Selfie zu erstellen. Da ich keinen Pass besitze, weil für meine Reisen die Schweizer Identitätskarte völlig ausreicht, probiere ich es mit der. Ob sie ausreicht, ist derzeit ungewiss: In der App erscheint derzeit der Hinweis, die Identifizierung sei noch im Gang.

Der Account wird dennoch erstellt und auch ein Log-in ist möglich; allerdings mit starken Einschränkungen: Ich kann bislang nur lesen und keine eigenen Posts erstellen.

Gestalterische Anleihen von Twitter und Bluesky

Der erste Eindruck ist ein Déjà-vu: Die Plattform ist optisch eine exakte Kopie von Bluesky. Dabei erinnert diese 2021 gestartete Plattform wiederum frappant an Twitter (heute X): Überall gibt es das vertikale Menü links mit runden Knöpfen und Befehlen mit Icons, den Feed in der Mitte und Suche sowie Trends bzw. Feeds rechts.

Die Verwandtschaft zwischen W Social und Bluesky rührt daher, dass beide Plattformen das gleiche AT Protocol verwenden. Es ist offen und für die Föderation ausgelegt. Die Daten werden nicht zentral auf den Servern der Betreiber verwaltet, sondern lagern verteilt im Netz. Das Fediversum kennt dieses Prinzip ebenfalls. Dort kann man, wenn man mag, seinen eigenen Mastodon-Server betreiben.

Mein Eindruck ist, dass die Verwandtschaft zu Bluesky noch weitreichender ist. Dessen Client ist seit 2023 Open Source und die Ähnlichkeit bei der Benutzerschnittstelle legt nahe, dass bei W Social ein beträchtlicher Teil dieses Codes eingeflossen ist.

Wie immer bei einem neuen sozialen Medium stellt sich die Frage: Wie findet man Inhalte und Leute, denen man folgen könnte? Die aus Bluesky bekannten Feeds gibt es auch bei W Social. Sie heissen W Users, W Media, W Organisations, sowie What’s hot und Discover. Ein Blick in den W Users-Feed zeigt, dass die Aktivitäten bislang sehr überschaubar sind: Die Posts liegen teils mehrere Minuten auseinander, und auf Anhieb sehe ich keine vertrauten Namen.

In den anderen Feeds herrscht teils rege Aktivität: Unter W Media finde ich Cash.ch, Heise online, Blick, Bilanz, Beobachter und einige weitere Plattformen. Sind die alle schon bei W Social?

Ich kann mir selbst folgen

Nein: Es zeigt sich, dass das Inhalte aus Bluesky sind: Offensichtlich föderiert das neue Netzwerk bei diesen Feeds fleissig mit Bluesky. Auch mein Bluesky-Account @matthiasschuessler.ch ist zugänglich und ich kann mir selbst folgen. Und es fällt auf: Ein W-Social-Handle verwendet die Syntax von Bluesky mit der Serveradresse wsocial.eu anstelle von bsky.social. (In meinem Fall: @mrclicko.wsocial.eu.)

An dieser Stelle kann ich eine gewisse Ernüchterung nicht verhehlen: Kann man bei W Social wirklich von einem neuen sozialen Netzwerk sprechen? Auf mich wirkt es wie eine Bluesky-Instanz. Das relativiert auch den Anspruch, ein europäisches Produkt zu sein. Natürlich macht es einen Unterschied, dass die Daten hierzulande gespeichert sind und nicht in den USA. Aber die Entwicklung dieses Produkts fand bislang schwerpunktmässig in Seattle statt, wo die Bluesky-Entwicklermannschaft beheimatet ist.

Bei meiner ersten Vorstellung im Januar war ich skeptisch: Es gibt eher zu viele als zu wenige solcher Plattformen. Viele neue Kandidaten wollen und wollten Twitter seit Musks Übernahme beerben, und seit drei Jahren herrscht Social-Media-Müdigkeit. W Soical ist nicht so neu und anders, dass sich nur im Ansatz eine Aufbruchstimmung breitmachen würde.

Im Gegenteil: Der Anmeldeprozess ist abschreckend. Ich versende nur äusserst ungern Fotos meiner Ausweispapiere irgendwohin ins Internet. Obendrein scheint mir der Nutzen dieser rigiden Identitätskontrolle fraglich. W Social verspricht sich eine authentische Diskussion von Menschen; Schlagwort: «Trust your feed». Angesichts des Informationskriegs, über den ich Anfang der Woche schrieb, hat dieser Ansatz etwas für sich.

Authentifizierung per Passkopie

Bildschirmansicht einer App mit einer Benachrichtigung über die Überprüfung einer Anwendung. Optionen zum Abbrechen und zur Unterstützung sind vorhanden. Hinweise zu wiederkehrender Überprüfung.
Man muss sich mit einem Selfie und einem Foto seines biometrischen Passes ausweisen. Meine Verifizierung ist noch im Gang.

Kritiker wenden natürlich sogleich ein, dass er zehn bis 15 Jahre zu spät kommt und eine einzelne Insel der Glückseligen inmitten eines Meers an Fake News und Desinformation keinen grossen Unterschied macht. Abgesehen davon hat Bluesky eine simple Identifizierungsmethode, die ohne Fotografieren der Ausweispapiere auskommt. Sie verknüpft den Account mit einer Website, die über einen DNS-Eintrag oder eine Datei auf dem Server verifiziert wird. Das stellt zwar keine Direktverbindung zu einem menschlichen Gegenüber her, aber immerhin zu einer Präsenz im Internet.

Und leider ist es nicht so, dass Klarnamen (und authentifizierte Identitäten) Hassrede verhindern. Der Tagesspiegel brachte die Erkenntnisse schon 2016 auf die pointierte Formel, dass der Klarname für den Hasskommentator Vorteile bringe. Solche und ähnliche Kritik liest man auch anderswo: Netzpolitik.org findet, W Social sei mehr kalter Kaffee als heisser Scheiss, und 1e9 hält die Verflechtung mit den europäischen Institutionen für problematisch.

Ein Rohrkrepierer? Ich gehe nach meinem ersten Eindruck nicht so weit, W Social abzuschreiben. Aber damit aus diesem europäischen Netzwerk etwas wird, braucht es noch viel, viel mehr. Das fängt bei der Optik an: Es kann nicht angehen, dass man nach dem Logo suchen muss, um zu merken, ob man Twitter, Bluesky oder W Social vor der Nase hat. Es bräuchte ein eigenes, individuelles Konzept, ein Alleinstellungsmerkmal, das idealerweise bei den grössten Kritikpunkten der Konkurrenz ansetzt.

Das wären meine Vorschläge:

1) Die Communitys ins Zentrum stellen

Die Feeds von Bluesky, die es auch in W Social gibt, sind nicht der Weisheit letzter Schluss. Sie sind zu technisch gedacht, indem sie einfach Posts von bestimmten Personen kanalisieren. Stattdessen sollte der Anspruch sein, Communitys aufzubauen, in denen Dinge auf massgebliche Weise verhandelt werden. Dazu müssen die prominenten Stimmen und Koryphäen ihres Fachs aktiv angeworben werden. Denkbar wäre, ihnen Befugnisse als Moderator oder «Showmaster» zu geben – da gäbe es die Chance, echtes Social-Media-Neuland zu beschreiten.

2) Neue Wege in der Moderation beschreiten

Etwas noch nie Dagewesenes wäre auch ein Mechanismus, der konsequent auf konstruktiven Dialog ausgelegt ist. Dank KI sehe ich hier eine echte Chance. Wie wäre es, die Moderation vor dem Veröffentlichen eines Beitrags durchzuführen? Das heisst, bevor ein Posting überhaupt abgesetzt wird, schaut eine KI drüber und gibt ein Feedback. Sie könnte auf Ragebaiting-Muster hinweisen, sich bei persönlichen Angriffen und Beleidigungen verweigern und bei Eskalationsspiralen Alarm schlagen.

Zugegeben, das hat einen nannyhaften Charakter und birgt ein Bevormundungs- und Manipulationspotenzial. Trotzdem fände ich es spannend, die Möglichkeiten der KI bei der Echtzeit-Moderation auszuloten. Warum nicht mit Gamification-Anreizen, die die Musterschüler belohnen und Leuten, die gern Tiefschläge verteilen, ein entsprechendes Warnlabel verpassen?

3) Die Offenheit auf die Spitze treiben

Das heisst: interoperabel auch mit dem Fediversum. Auch eine Vernetzung mit freien Inhalten im Web gehört dazu, wie das mit dem Activitypub-Protokoll und Mastodon möglich ist.

Es versteht sich von selbst, dass sämtliche Algorithmen offen, transparent und abschaltbar sein müssen. Wenn jemand eine rein chronologische Zeitleiste will, soll er sie auch bekommen.

4) Und einfach mehr Gemütlichkeit

Bei der Recherche zu diesem Blogpost bin ich der hübschen Bezeichnung Cosy spaces und der Behauptung begegnet, die Leute würden den globalen Marktplatz für die gemütliche Nische verlassen wollen. Ob das stimmt, weiss ich nicht, aber gegenüber dem toxischen Twitter, dem nerdigen und oft besserwisserischen Mastodon und dem technisch-kalten Bluesky wäre ein gemütlicher Rückzugsort für «Mikro-Communitys» und Social Media in einem intimeren Rahmen womöglich etwas, das vielen Leuten gefallen würde.

Mir ist klar, dass das nicht der Vision von W Social entspricht: Diese Plattform will eine politisch relevante europäische Stimme werden, die sich in aller Welt Gehör verschafft. Aber vielleicht muss das Engagement erst einmal im Kleinen wachsen, bevor es sich global entfaltet.

Ein Kommentar zu «Ein erster Eindruck von W Social: So wird das nichts»:

  1. > Warum nicht mit Gamification-Anreizen, die die Musterschüler belohnen und Leuten, die gern Tiefschläge verteilen, ein entsprechendes Warnlabel verpassen?

    Das Social-Credit-System sollte lieber in China bleiben.

Kommentar verfassen