Schneebedeckter Kreml mit rotem Turm und goldenen Kuppeln im Hintergrund. Der Himmel ist blau, und Autos sind auf einer Straße vor dem Schloss zu sehen. Winterliche Atmosphäre.
Das muss der Neid dem Kreml lassen: Das globale Community Management sucht weltweit seinesgleichen (Jean Michel Berresse, Unsplash-Lizenz).

Warum lässt Putins Informationskrieg uns alle kalt?

Es ist kein Ge­heim­nis, und trotz­dem tut nie­mand ernst­haft etwas dagegen: Seit mehr als einem Jahr­zehnt greift der Kreml in Wahlen ein, ma­ni­pu­liert die öf­fent­liche Mei­nung und flutet die so­zia­len Medien mit Deep­fakes. Acht Thesen, die diese Gleich­gül­tig­keit (viel­leicht) er­klären.

«Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden.» Bundeskanzler Friedrich Merz äusserte sich im September (gemäss «Stern») zu verdächtigen Drohnenaktivitäten über Deutschland und Dänemark. Bevor er den Urheber nannte, vollführte er einen Schlenker, legte sich hernach dennoch fest: «Wir wissen auch noch nicht genau, wo sie wirklich herkommen. Die Vermutung liegt nahe, dass sie aus Russland kommen.»

Persönlich erhalte ich keine Briefings von Nachrichtendiensten. Dennoch fragte ich mich, ob man diese Feststellung nicht spätestens vor einem Jahrzehnt hätte treffen müssen. Ich habe nachgeschaut: Die Drohnen sind (vielleicht) neu. Doch Angriffe durch die russische Troll-Armee, auch Kreml-Bots genannt, gibt es seit 2003.

Ein wichtiger Teil dieser Operation ist Internet Research Agency. Die englischsprachige Wikipedia gibt ihre Gründung mit dem Jahr 2013 an. Im Juni 2015 erschien ein grosser Bericht in der «New York Times». Im Center for Security Studies der ETH finde ich das «Handbook of russian information warfare» der Nato von 2016 (PDF). Ein Informationskrieg ist zum Glück kein Krieg mit echten Waffen. Aber wie Merz sagt, ist er auch kein Zeichen von Frieden.

Die ganze Klaviatur der Social-Media-Manipulation

2016 diskutierten die USA über die vermutete Einmischung in den Wahlkampf von Präsidentschaftsanwärter Trump. Derweil haben die russischen Informationskrieger ihr Arsenal ausgebaut: Sie operieren mit Fake-Accounts, Influencerinnen wie Alina Lipp, Tarnmedien, geklonten Nachrichtenseiten, koordinierten Reposts, nutzen die Möglichkeiten von Telegram, Twitter, Facebook und Youtube und verwenden selbstverständlich KI-Deepfakes.

Screenshot eines Gesprächs, in dem ein Nutzer über NATO und Russland diskutiert, während ein anderer um ein Rezept für Vanille-Cupcakes bittet. Kommentare verdeutlichen unterschiedliche Themen.
Ein Klassiker der Gegenagitation von Reddit. (Ich habe diesen Trick selbst einmal live in freier Wildbahn gesehen.)

Eine Sache wundert mich seit Jahren: Obwohl diese Dinge allesamt bekannt sind, scheinen sie keinerlei Auswirkungen zu haben. Wir schauen den russischen Bots zu, wie sie in den sozialen Medien Kulturkämpfe anheizen, Wahlen beeinflussen und legitime Anliegen wie die Diskussion um Gleichstellung und LGBTQ-Rechte für ihre Zwecke instrumentalisieren. Alerte Social-Media-User sind sich des Problems bewusst und prangern echte oder vermeintliche russische Propaganda als solche an. Oder sie trollen erfolgreich zurück: Legendär ist die «Ignore all previous instructions»-Guerillataktik, die es selbst zum Meme schaffte und einen KI-Soldaten in Russlands Sold dazu brachte, das Rezept für Vanille-Cupcakes auszuspuken. (Der Trick gelang auch schon mit Bananenbrot.)

Ein winziger Tropfen auf einen riesigen Stein

Aber darüber hinaus? Schaut man genauer hin, passiert nicht nichts. Das Auslandsfernsehen RT Deutschland wurde (und bleibt) verboten. Die EU setzte eine Strategie gegen «Manipulation und Einmischung durch ausländische Kräfte» auf. Der Digital Services Act enthält Massnahmen gegen Fake News. Der Europäische Rat verfügte Ende 2024 Massnahmen gegen 16 Personen und drei Organisationen, «die für Russlands destabilisierende Handlungen im Ausland verantwortlich sind». Und Meta unterband im gleichen Zeitraum zwanzig verdeckte Einflusskampagnen.

Das ist offensichtlich nichts weiter als ein winziger Tropfen auf einen riesigen heissen Stein. Warum passiert nicht mehr? Ich stelle die folgenden acht Thesen auf:

1) Die Politik kommt nicht gegen die Plattformen an

Politisch ist das Problem kaum in den Griff zu bekommen. Selbst die EU tut sich schwer mit der Regulierung der internationalen Konzerne.

Das zeigt sich daran, wie es der EU nicht gelingt, Apple zur Öffnung zu zwingen. Wir sehen das beim Streit um die App-Stores oder um Siri AI. Es ist in diesem womöglich weitreichenderen Feld genauso.

2) Das Dilemma der Meinungsäusserungsfreiheit

Symbolbild eines Twitter-Profils mit dem Namen «The MAGA Beacon» und einem Profilbild, das eine amerikanische Flagge zeigt. Unter Informationen steht das Beitrittsdatum im Oktober 2025 und der Standort in Südasien.
Ein Beweis ist es nicht – aber wenn ein Maga-Befürworter in Südafrika sitzt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, es mit einem Informationskrieger in Putins Diensten zu tun zu haben.

Jegliche Massnahmen zur Eindämmung dieser Propaganda würden augenblicklich die Zensurvorwürfe und Diskussionen zur Meinungsäusserungsfreiheit nach sich ziehen.

Nicht zu Unrecht. Denn wenn man Fake News als Meinung zulässt, dann kann man nicht anders, als sie auch aus dem Ausland zuzulassen – auch mit kriegerischer Absicht.

Die naheliegende Idee, digitale Sanktionen gegen Russland auszusprechen, würde zu nichts führen. Prorussische Netzwerke existieren längst ausserhalb Russlands.

Die «Deutsche Welle» berichtete 2025 über ein «Netz der Desinformation in Aufrika»: Die Desinformation richtet sich gegen afrikanische Öffentlichkeiten, doch die afrikanischen Netzwerke sind auch Teil eines globalen Propaganda-Ökosystems und operieren weltweit.

3) «Laissez-faire» bei den Plattformen

Allein wegen der unvermeidlichen Zensurvorwürfe haben die Plattformen – Meta, X, Tiktok, Telegram, Youtube und Co. – kein Interesse, sich an dem Thema die Finger zu verbrennen.

Das ist nur der Anfang: Es ist nicht einmal zynisch festzustellen, dass die russischen Staatstrolle die Geschäftsinteressen der Konzerne bedienen: Sie sorgen für ständige Unruhe, erhöhen die Verweildauer und somit die Werbeumsätze.

Die «Washington Post» zeigte das 2024 exemplarisch auf: Wut und moralische Empörung seien die Haupttreiber für das Teilen von Fake News, weswegen die Nutzerinnen und Nutzer oft auf gezielte Desinformation hereinfallen. Faktenchecks – die Mark Zuckerberg in den USA abschaffte – kommen dagegen kaum an. Das mache das Publikum anfällig für ausländische Einflussnahme.

4) Das politische Klima in den USA

Wir erinnern uns, wie Trump auf die Sonderermittlung des Justizministeriums wegen der «collusion» reagierte: Er beleidigte den ehemaligen FBI-Direktor Robert Mueller, der den Vorwürfen nachgegangen war, posthum. Musk will Twitter ohnehin nicht regulieren lassen und Mark Zuckerberg stellt seit jeher Geschäftsinteressen über die gesellschaftliche Verantwortung.

2025 warnte JD Vance die Europäer explizit davor, die Tech-Konzerne allzu sehr regulieren zu wollen.

Ein Mann in Anzug hält ein Mikrofon und lächelt auf einer Bühne. Im Hintergrund sind bunte Lichter und eine unscharfe Kulisse zu erkennen.
J.D. Vance, als er noch Senator war, im Gespräch mit Teilnehmern der People’s Convention im Huntington Place in Detroit (Gage Skidmore/Wikimedia, CC BY-SA 2.0).

5) Das Problem wird unterschätzt

Erstens schaffte es Putin, den Westen über seine Absichten zu täuschen. Zweitens wurde und wird die Desinformation bis heute nicht als echte Gefahr erkannt.

Es handelt sich um ein Wahrnehmungsproblem, nicht nur, vermutlich jedoch hauptsächlich bei den «Digital Immigrants»: Die digitale Welt wird als abstrakte Ebene ausserhalb der Realität betrachtet, die keinen ernstzunehmenden Einfluss aufs echte Leben hat. Ich beobachte das bei Computerspielen und generell bei der Digitalisierung. Und der Unterschied zwischen Drohnenangriffen, einer Panzerschlacht und einer verdeckten Cyberoperation ist offensichtlich. Der Schluss, die digitale Kriegsführung zu vernachlässigen, ist zwar falsch, aber in gewisser Weise verständlich.

6) Die «Social Media Fatigue» kommt den Agitateuren entgegen

Die sozialen Medien haben uns erschöpft. Doch trotz «Feed Fatigue» scrollen wir weiter, konstatierte «Esquire» vor einem Monat. Das deutet auf einen Zustand der Kapitulation hin: Wir können uns selbst nicht befreien und sind nicht in der Lage, den einzigen Hebel anzuwenden, der tatsächlich etwas bewirken würde: nämlich den massenhaften Exodus.

Das bringt es mit sich, dass wir uns auch bezüglich der Missstände machtlos fühlen. Und nicht zu Unrecht. Denn ob Datenschutz, AI Slop, Ragebaiting, Deepfakes im unpolitischen Bereich, fehlender Jugendschutz, und so weiter: Die Erfahrung war in jedem einzelnen Fall, dass sich bei begründeten Anliegen nie etwas zum Besseren wandte. Es wundert nicht, wenn sich bei diesem abstrakten, schwer fassbaren Thema keine Gegenwehr formiert.

Zwei cartoonartige Figuren stehen einander gegenüber und scheinen fröhlich zu kommunizieren. Der Hintergrund ist hellblau und die Figuren haben jeweils auffällige Haare und Gesichtszüge.
«Ragebaiting your Rival» – Symbolbild für Social-Media-Mechanismen (SonicThePonyHog/Deviantart, CC BY 3.0).

7) Russland macht das wirklich geschickt

Die Russen beschränken sich längst nicht mehr auf ihre Trollfarmen und ein paar KI-Bots. 2024 berichtete Reuters, Russland werbe für seine Beeinflussungskampagnen einheimische Social-Media-Stars an. Sie greifen auf bewährte Methoden zurück:

«Die Bezahlung von Journalisten oder führenden Medien war während des Kalten Krieges ein etabliertes Verfahren zur Verschleierung von Propaganda; dies ist die digitale Weiterentwicklung dieser Methode», sagte Renee DiResta, Analystin für digitale Desinformation. «Dass sie Influencer anstelle von Journalisten einsetzen, ist interessant – ein Zeichen dafür, dass sie erkannt haben, wo die einflussreichen Stimmen in der Community zu finden sind.»

8) Es fehlt an Ideen für Gegenmassnahmen

Last but not least scheint Ratlosigkeit zu herrschen, wie sinnvolle Gegenmassnahmen aussehen könnten. Wie bei Punkt 2) würde es nichts bringen, ganz Russland aus den sozialen Netzen fernzuhalten – abgesehen davon, dass das natürlich die Oppositionen dort schwächen würde.

Es bräuchte den digitalen Strassenkampf, wenn mir die schiefe Metapher gestattet ist. Gefragt ist ein System, das einzelne Kampagnen und Akteure identifiziert, wie das vor zwei Jahren «Baerbocks Digitaldetektiven» gelang (beim «Guardian» gibt es eine Zusammenfassung ohne Paywall).

Es braucht dafür das ganze Arsenal der digitalen Aufklärung: also Monitoring von Erstellungswellen solcher Postings, Veröffentlichungsfrequenzen, Textbausteinen und Themenblöcken, Linkmustern, Follow-back-Farmen, Tracking von IP-Adressen, Geräte-IDs, Zahlungsverbindungen, Repost-Kaskaden, Links auf Tarnmedien und Mustern bei den Profilbildern und so weiter. Danach wären Methoden notwendig, solche Wellen frühzeitig zu stoppen und die Urheber nachhaltig zu blockieren. Das läuft auf ein ermüdendes Katz-und-Maus-Spiel hinaus.

Fazit: Es ist kompliziert

Auch wenn diese acht Punkte desillusionierend wirken, bin ich überzeugt, dass ein echtes Bewusstsein für diesen Informationskrieg der erste wichtige Schritt zu wirksamen Gegenmassnahmen wäre.

Ich denke an die nützlichen Idioten, die zum Verstärker für die Kreml-Botschaften werden, indem sie bereitwillig alles aufsaugen und weiterleiten, was ihnen geeignet scheint, ihre nonkonformistische Grundhaltung zu belegen. Die meisten von ihnen gehen implizit davon aus, dass eine waghalsige Theorie, über die die «Mainstream-Medien» nicht berichten, zwingend eine Wahrheit sein muss, die jemand bewusst verschweigen möchte – dieses verschwörungserzählerische Denkmuster konnten sie schliesslich in den 63 Jahren seit JFKs Ermordung intensiv eintrainieren.

Die Ermordung von John F. Kennedy ebnete dem modernen verschwörungstheoretischen Denken den Weg: Der Warren-Report von 1964 überzeugte die Öffentlichkeit nicht und ebnete der Vertuschungs-Erzählung den Weg – mit Unterstützung der Massenmedien wie Oliver Stones Film von 1991 (Picture of the JFK’s limousine in Dallas, TX., Walter Sisco/Wikimedia, CC0).

Ein Teil dieser Leute hat sich so weit radikalisiert, dass er offen für Putin Partei ergreift oder ergreifen würde. Der andere allerdings würde zurückhaltender agieren, wenn er sich bewusst machen würde, dass die Möglichkeit besteht, ein unbezahlter Helfer in diesem Informationskrieg zu sein. Der Clou ist, diesem Teil gesichtswahrend die Möglichkeit zur Desertation zu geben.

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