Was für ein Höllenritt!
Dabei kam ich zu diesem Buch wie die Jungfrau zum Kind. Da ich bei Audible alle Credits aufgebraucht und ausgeschossen war, startete ich im Hörbuch-Bereich von Spotify¹ das erstbeste Buch, das dort auftauchte. Es war Kälter von Andreas Pflüger. Ohne mich mit dem Klappentext aufzuhalten, begann ich die Lektüre, um mich auf Amrum wiederzufinden, wo die Hauptfigur als Dorfpolizistin ihren Dienst verrichtet: Luzy Morgenroth hat ein gutes Verhältnis zu ihrem Kollegen Jörgen Quedens, feiert ihren 50. Geburtstag mit dem halben Dorf und natürlich mit ihrer Freundin Ali, der Wirtin der Inselkneipe «Seeigel».
Aha, ein Regionalkrimi, denkt man sich. Warum auch nicht? Ich hatte seinerzeit eine Rita-Falk-Phase mit dem knorrigen bayerischen Polizisten Eberhofer, und Petros Markaris mit seinem Athener Ermittler Kostas Charitos dürfen wir grosszügigerweise ebenfalls zu dieser Kategorie zählen. Also, in dieser Tradition ist mir Deutschlands hoher Norden hochwillkommen.
Bald schwante mir, dass ich mich vom Autor hatte einlullen lassen. Er schildert, wie während einer stürmischen Überfahrt der Fährenmatrose Tamme Boisen in der Nordsee verschwindet. Natürlich, alles klar, schlussfolgern wir Leserinnen: ein Unfall, der sich als Verbrechen entpuppt!
Kein Buch für unter die Kuscheldecke
Und bevor ich hier weitererzähle und mehr von der Geschichte verrate, folgt mein Fazit für Leute, die sich für achterbahnhafte Geschichten begeistern können. «Kälter» ist kein Buch für eine gemütliche Lektüre am Sonntagnachmittag unter der Kuscheldecke auf dem Sofa, sondern ein streckenweise brutaler und mehrschichtiger Thriller. Er operiert auf mehreren Ebenen: Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges spannt er den Bogen zur Wiedervereinigung und zum Mauerfall. Das Kleinstadtidyll auf Amrum wird in harten Kontrast zu Berlin und Tel Aviv gesetzt. Luzys Gegenspieler Hagen List stammt aus dem Umfeld der RAF, womit wir unweigerlich in innigen Kontakt mit der deutschen Geschichte geraten.

Also: Weniger Rita Falk, als vielmehr John le Carré – wobei ich mich neulich an Der Spion, der aus der Kälte kam versuchte und nicht warm damit geworden bin. An Pflüger gefällt mir, wie er die Geschichte unerbittlich vorantreibt, über die Stationen von Luzys Leben bis hin zur Begegnung mit der zweiten Hauptfigur, dem hühnenhaften KGB-Logistiker und Speznas-Kämpfer Nika Trigorin.
Die Details und die Sprache machens
Der Detailreichtum der Erzählung ist beeindruckend, und ohne Zweifel dürfen wir Andreas Pflüger zu den grossen Rechercheuren der deutschen Literaturszene zählen – zusammen mit Volker Kutscher und Frank Schätzing. Er lässt keinen Zweifel daran, wie einsam der Beruf des Geheimagenten ist. Am besten finde ich die Sprache – lakonisch, bildhaft, ein bisschen wie Roger Moore als 007, bloss viel zielgenauer. Zum Beispiel:
Der Sonnenball kullerte über Federwolken. Aber Deutschland konnte kein Abendrot.
Oder:
Der Fahrer kurbelt sein Fenster herunter; er hat eine Peter-Maffay-Fanfrisur und Koteletten für die Ewigkeit: «Suchen Sie ein Taxi?»
Das sind Sätze für den Literaturnobelpreis.
Was kann man kritisieren? Einer kommentiert auf Krimi-couch.de:
Gut und Böse sind eindeutig festgelegt in einem schlichten Schwarz-Weiss-Schema, das den Feinden jegliches Lebensrecht abspricht und deren brutale Abschlachtung niemals hinterfragt.
Ja und nein. Diese strikte Trennung der Systeme und der Welten ist ein Merkmal des Kalten Krieges. Die Beziehung zu Nika – die ihre Höhen und (in Wien) auch ihre Tiefen hat – beweist, dass die Trennung nicht unüberwindlich ist. Aber ja, die Nonchalance, mit der in diesem Buch gemordet wird, irritiert. Ob sich diese Art Geschichten ohne sie erzählen liesse, weiss ich allerdings nicht. Meine grösste Kritik: Die Figur des Hagen List bleibt blass.
Ein Buch mit eingebautem Soundtrack
Trotzdem ein prägnantes – ich würde sogar sagen: herausragendes – Buch, das uns mit seiner Handlung und uns mit einem guten Dutzend wichtiger Figuren fordert. Die Hörbuchfassung wird von Britta Steffenhagen vielseitig und stimmig gelesen. Schliesslich kommen Leute, die auf popkulturelle Referenzen stehen, voll auf ihre Rechnung:
Run For Your Life. Die Beatles taugen für jede Lebenssituation.
Und eben: Die Metaphern, die Sprache, der Witz und die Coolness sind ein Erlebnis:
Hello Again, über sieben Brücken musst du geh’n, und irgendwie, irgendwo, irgendwann schlaf ich heut Nacht nicht ein, dann ist ein bisschen Frieden jenseits von Eden.
Zurück zu Luzy auf Amrum und zur Geschichte – ab hier mit Spoilern:
Nach dem Verschwinden des Fährenmatrosen Boisen ergibt sich keine Gelegenheit für Luzy, gemächliche Aufklärungsarbeit zu leisten und herauszufinden, dass (beispielsweise) ein korrupter Hamburger Geschäftsmann den Bruder ihrer Freundin Ali auf dem Gewissen hatte. Denn Tamme war nur ein Kollateralschaden. Luzy stellt fest, dass auch ihr Freund Jörgen tot ist. Sie bringt die Mörder, ein fünfköpfiges russisches Killerkommando, eigenhändig zur Strecke; und aus dem «Cosy-Krimi» ist unversehens ein internationaler Spionagethriller geworden.
Der Widersacher muss weichen
Luzy ist kein Landei. In einem früheren Leben arbeitete sie für das BKA als verdeckte Ermittlerin und Personenschützerin (Sherpa). Anfang der 1980er Jahre war sie mit dem Personenschutz des Wirtschaftsministers Marian Kleinröder betraut. Bei einem Einsatz in Israel inklusive Training beim israelischen Geheimdienst Shin Bet gerät sie dem KGB in die Quere. Im King Solomon Hotel begegnet sie ihrem künftigen Widersacher, dem Top-Terroristen «Babel» (Hagen List alias «Weissclown»). Doch vorerst steigt sie aus, denn sie ist traumatisiert von den Ereignissen. Sie zieht sich zurück auf die Nordseeinsel, wo sie sich aus dem Weltgeschehen heraushalten möchte.

Doch nach dem Mord an ihrem Kollegen bleibt ihr keine andere Wahl: Sie muss zurück in ihr altes Leben. Sie trainiert hart, um ihre ehemalige Fitness und Figur zurückzuerlangen. Sie begegnet dem KGB-Mann Nika Trigorin, mit dem sie sich verbündet. Sie machen sich auf die Jagd nach Karlheinz Urban. Dieser Stasi-Generalmajor betreute den Mann als Führungsoffizier, an den sie letztendlich herankommen wollen: Hagen List. Beim Zugriff riskiert Luzy ihr Leben, um Nika zu retten. Zurück auf Amrum kommt es zum Showdown und zum Happy End.
Fussnoten
1) Hörbücher auf Spotify sind nach wie vor eine durchwachsene Angelegenheit. Einerseits ist positiv zu bemerken, dass sich die App nun endlich die letzte Wiedergabeposition merkt und wir bei der Lesung dort fortfahren, wo wir aufgehört haben, selbst wenn wir zwischendurch andere Inhalte konsumierten. Andererseits hat sich meine Kritik an Spotifys Bezahlmodell voll bestätigt: Ein hartes Limit von zehn Stunden ist eine kundenfeindliche Regelung. Das Buch ist 16 Stunden und 14 Minuten lang. Das hatte zur Folge, dass die Wiedergabe mitten im Satz durch eine Frauenstimme beendet wurde, die mir mitteilte, ich müsse nun Geld einwerfen. Da ich mich auf derlei Erpressung nicht einlasse, geduldete ich mich für zehn Tage bis zum nächsten Monat und zum Reset des Zählers. ↩
Danke, hab jetzt 3 seiner Bücher mir in den Warenkorb gelegt. Mal gucken wie die sich lesen. Thriller, Belletristik, ist nicht so meins eher so Sach und Fachbücher, aber ich lass mich mal überraschen. Danke.