Es ist ironisch genug, dass Alanis Morissette ein Lied darüber singen könnte: Da gibt es diese neue, unglaublich komplexe Technologie. Und wie wird sie eingesetzt? Man baut sie so in ein digitales Medium ein, damit es wieder fast so einfach funktioniert wie sein analoger Vorgänger vor hundert Jahren.
Ich spreche vom Spotify DJ: eine Funktion, die es in manchen Ländern seit 2023 gibt und die es vor ein paar Tagen in die Schweiz schaffte – und ebenso nach Brasilien, Deutschland, Frankreich, Israel, Italien, Österreich, Portugal und Südkorea.
Mit diesem DJ funktioniert der Streamingdienst maximal einfach: Wir tippen den grünen Kreis mit der Delle an und starten das Programm – fast so, wie früher, als wir das Radio einschalteten und uns überraschen liessen, was das laufende Programm so zu bieten hatte.

Wobei, ganz so un-interaktiv ist dieses neue Feature nicht. Wir können, falls wir wollen, via Mikrofon Einfluss auf die Darbietung nehmen: Wir wählen einen Ausgangssong oder -künstler bzw. ‑künstlerin oder geben die Stimmung vor, an der sich die Musikauswahl orientieren soll.
Der Hauptzweck besteht darin, dass wir uns nicht die Mühe machen müssen, uns selbst durch das Angebot klicken zu müssen oder gar selbst eine Playlist zusammenzustellen. Es würde mich nicht wundern, wenn die Marktforschung von Spotify ergeben hätte, dass ein Teil der Nutzerinnen und Nutzer sich zumindest gelegentlich gern einfach berieseln lässt. Schliesslich macht Netflix genauso vermehrt Live-Übertragungen und in Frankreich sogar lineares Fernsehen.
Ist das als ein Fortschritt getarnter Rückschritt?
Ist das ein seltsamer Rückschritt oder sinnvoll? Ich kann dem DJ etwas abgewinnen. Ich will nicht immer mit voller Aufmerksamkeit Musik hören. Es gibt häufige Momente im Alltag, wo Hintergrundberieselung gefragt ist – und dann reicht es, wenn die Musikauswahl halbwegs passt. Der einfachere Ansatz ergibt Sinn, selbst wenn das analoge Radio in Sachen Benutzerfreundlichkeit ungeschlagen bleibt. Denn bei Spotify braucht es mehr als einen Einschaltknopf zu drücken. Wir müssen uns zur App durchhangeln und dort in der (zunehmend unübersichtlichen) Oberfläche den besagten DJ-Knopf finden.
Spotify kopiert das Radio in einem weiteren Aspekt. Der DJ moderiert sein Programm nämlich auch. Wie beim Dudelfunk, wo die Moderation keine tiefgründigen Informationen vermitteln soll, sondern eher das Gefühl gibt, dass jemand anwesend ist und Gesellschaft leistet.
Wie man das findet, hängt wiederum von der Erwartung ab: Ich bin so alt, dass ich Radio noch als Medium mit Ambitionen erlebte. Ich kannte viele der Moderatorinnen und Moderatoren mit Namen, hatte eine parasoziale Beziehung zu ihnen, wie man sie heute mit Podcaster-Hosts pflegt. Ich wollte nicht bloss berieselt, sondern unterhalten und gefordert werden. Es versteht sich von selbst, dass ein KI-DJ diese Aufgabe nicht übernehmen kann und nicht übernehmen sollte.
Ein ehemaliger Traumjob wurde an eine seelenlose KI delegiert
Mit dieser Perspektive erlebe ich das oberflächliche Gequatsche als Rückschritt: Radiomoderator war früher ein Traumjob. Heute wird er von einer seelenlosen KI verrichtet, die nicht einmal Bandnamen wie Züri West richtig ausspricht. Ich mache mir indes keine Illusionen, dass viele Leute das Radio immer nur als Begleitmedium erlebt haben, das möglichst keine Abschaltimpulse liefern soll. Vielen von ihnen dürfte es reichen, wenn der DJ Songs an- und abmoderiert und ein paar Plattitüden und Trivia zum Besten gibt – vielleicht mit der Klammerbemerkung, dass Spotify sich überlegen sollte, ob er wahlweise die Wetteraussichten und ein paar Schlagzeilen parat haben sollte.
Fazit: Der DJ ist nicht verkehrt, aber nicht der Weisheit letzter Schluss. Ich erinnere an eine Idee von 2018, bei der ich darlegte, wie Spotify zum Radio der Zukunft wird. Sie liesse sich perfekt mit dieser Neuerung kombinieren. Nebst dem KI-generierten und moderierten Programm gibt es die moderierten Playlists als User Generated Content: Echte Menschen sind für die Auswahl verantwortlich und geben mit ihren Worten und Stimmen Informationen dazu, erzählen Anekdoten und liefern das, was früher die ikonischen Radiomoderatoren auszeichnete. Das wäre das Beste aus beiden Welten: maximal angepasste Berieselung auf der einen Seite und ein Nerdfest für Musikfans jeglicher Couleur auf der anderen.