Der Messias ist schon da – aber viele andere fehlen noch

Was taugt diese Twitter-Alternative für Leute, die bei Twitter rausgeflogen sind? Nach einem Augenschein von Gettr glaube ich nicht, dass die Plattform für Deplatformierte eine Zukunft hat.

Neulich ist mir auf Twitter jener Zürcher Kantonsrat begegnet, der zwar vor einiger Zeit von der Plattform verbannt worden ist, nun dort aber mit einem neuen Account ein Comeback hinlegte. Er hat in einem Tweet erwähnt, er sei auch auf Gettr zu finden, würde dort aber seit vier Monaten nichts mehr schreiben, weil «zu Milieu».

Das hat mein Interesse geweckt. Was meint er mit «zu Milieu»? Der nächste Satz, wonach Facebook «das einzige soziale Medium mit Relevanz» sei, macht es klar: Es ist ihm zu wenig los auf Gettr, bzw. er findet, er habe dort zu wenig Reichweite.

Mich hat das daran erinnert, dass ich mir Gettr schon lange einmal ansehen wollte. Zur Erinnerung: „Der Messias ist schon da – aber viele andere fehlen noch“ weiterlesen

Ein Plot wie aus einem ganz schlechten Film

Ein gutes Beispiel, wie die Medien ihre Rolle als vierte Macht wahrnehmen – per Podcast sogar global: Die «New York Times» erinnert mit «Day X» Deutschland daran, die Gefahr der rechtsextremen Netzwerke nicht zu unterschätzen.

Ich mag die Floskel «Wie in einem billigen Film» nicht. Sie besagt, dass in Realität eine ganz unglaubliche Sache passiert ist – eine Angelegenheit, die derartig unwahrscheinlich ist, dass wir keine realen Vergleichsgrössen haben. Darum wäre es uns eigentlich lieber, wenn dieses Vorkommnis nur ausgedacht wäre, weil dann die Grenzen unserer Wirklichkeit nicht verschieben müssten.

Zwei Dinge: Es kann sinnvoll und erhellend sein, wenn wir die Gelegenheit haben, die Grenzen unserer Wirklichkeit zu verschieben; darum sollte man das nicht leichthin abqualifizieren. Und zweitens sind Drehbuchautoren offenbar die Leute, mit der lebhaftesten Fantasie – weswegen sie eigentlich unseren Respekt verdienen und nicht zum Buhmann in einem platten Phraseologismus degradiert werden sollten.

Und was soll das mit dem «schlechten» Film? „Ein Plot wie aus einem ganz schlechten Film“ weiterlesen

Twitter sagt, ich sei eine linke Socke

Was ist eigentlich von The Blindspotter zu halten? Dieser Twitter-Analyst masst sich an, meine – und auch eure – politische Ausrichtung zu erkunden. Erkenntnis: Manchmal passt das, manchmal nicht.

Neulich bin ich dank meines lieben Twitter-Freundes @undifferanziert bei The Blindspotter gelandet. Letzterer verspricht, einem aufzuzeigen, ob man bei seinem Nachrichtenkonsum einen blinden Fleck aufweist. Sprich, ob man sich ausgewogen informiert oder bestimmte Quellen bevorzugt. Und ja, es geht um die politische Ausrichtung.

Wie zu erwarten war.

Bei mir kam der Blindspotter zu einem wenig überraschenden Ergebnis. Er hat einen starken Linksdrall konstatiert und den sogar mit einem Prozentwert ausgewiesen: „Twitter sagt, ich sei eine linke Socke“ weiterlesen

Obamas und Springsteens Mogelpackung

Ist es ein klassischer Laberpodcast oder doch ein politisches Manifest? Ich habe mir «Renegades: Born in the USA» angehört.

Früher waren es ein paar einsame Technikfreaks, die in ihren Männerhöhlen hingehockt sind und angefangen haben, in Mikrofone zu sprechen – mit dem Ziel, nicht unter Leute zu müssen und Konversationen von Angesicht zu Angesicht abzuhalten. Und wenn diese Formulierung abschätzig klingen sollte, so ist sie absolut nicht so gemeint: Als bekennender Nerd habe ich maximales Verständnis für diese sozial distanzierte Form der kommunikativen Interaktion.

Heute komme ich nicht umhin zu bemerken, dass es nicht mehr die Streber, Nerds und Eigenbrödler sind, die Podcasts machen. Spotify hat diese romantische Vorstellung im Februar mit einer Pressemeldung gnadenlos aus dem Weg geräumt. Es gebe nun einen Podcast mit Barack Obama und Bruce Springsteen, schrieb der Streaminganbieter. Ein ehemaliger US-Präsident und einer der kommerziell erfolgreichsten Musiker im Rockgeschäft: Es gibt wenige Kombinationen, die weniger outsidrig wären. „Obamas und Springsteens Mogelpackung“ weiterlesen

Was zum Teufel passiert da in Amerika?

Von wegen «It can’t happen here»: Die republikanische Partei liebäugelt mit dem Totalitarismus – und ich erkläre hier, wie ich versucht habe, das zu verstehen.

Wie den meisten von uns steckt mir die US-Wahl noch in den Knochen: Die Zitterpartie. Die Erleichterung. Und dann das Erstaunen über das demokratiefeindliche Verhalten der Wahlverlierer.

Nun, dass Donald Trump seine Niederlage nicht eingesteht, war nicht überraschend. Er hat uns schon 2016 zu verstehen gegeben, dass er nur einen Sieg akzeptieren werde. Doch was ich nicht erwartet habe, ist die Gefolgschaft seiner Partei. Was ist aus der guten alten Tradition geworden, einen Verlierer fallen zu lassen wie eine heisse Kartoffel?

Die Erkenntnis, wie stark die Methode Trump Fuss fassen konnte, hat mich erschüttert. Auch hier in der Schweiz: Wie eine kleine, aber lautstarke Minderheit ihn auf Twitter verteidigt und die Legende vom gestohlenen Sieg kolportiert, ist faszinierend. Zum Beispiel Roger Köppel: „Was zum Teufel passiert da in Amerika?“ weiterlesen

Denkanstösse von der BBC

Der Podcast «The Inquiry» von BBC World Service hat sich zum Ziel gesetzt, auf die ganz grossen Fragen eine Antwort zu liefern.

Die BBC macht hörenswerte Podcasts. Im Beitrag Der Adler ist in der Podcast-App gelandet habe ich «13 Minutes to the Moon» vorgestellt – noch immer ein heisser Tipp, der auch recht gut zu For All Mankind passt. Da sieht man nämlich, dass eine Dokumentation in Sachen Spannung nicht hinter der Fiktion zu verstecken braucht. Nebenbei bemerkt: Die zehnte Folge des Podcasts trägt genau den Titel «For all mankind».

Die grossen Fragen sind offensichtlich nur von einem dünnen Papierchen bedeckt.

Aus der gleichen Ecke, nämlich von BBC World Service kommt der Podcast The Inquiry. Vier Experten geben Antwort auf eine Frage. Und der Anspruch ist, dass diese Antworten tiefer blicken lassen, als es der typische News-Artikel und die klassische Schlagzeile tut. Es soll um, Zitat, «die Trends, Kräfte und Ideen gehen, die die Welt gestalten».

Ein hehres Ziel

Das ist ein hoher Anspruch: Ein Podcast zu den wesentlichen Fragen – nicht zu den Nebensächlichkeiten, die in den Medien sonst so breitgetreten werden. Das ist auch ein bisschen arrogant. Aber wer, wenn nicht die BBC, darf sich einen gewissen Dünkel erlauben? „Denkanstösse von der BBC“ weiterlesen

Parteien sind im digitalen Zeitalter überflüssig

Braucht es im Internet-Zeitalter die Parteien noch – oder wäre es nicht viel klüger, wenn wir uns als digitale Landsgemeinde organisieren würden?

Also, es kann nun sein, dass gleich alle auf mich einprügeln und mir abgrundtiefe Ignoranz vorwerfen werden. Abgesehen davon, dass mein Ego das verkraften müsste, wäre das gar nicht so schlimm: Dann hätten nämlich ein paar Leute über meine Idee nachgedacht und wahrscheinlich hätte dabei sogar ein Erkenntisgewinn herausgeschaut.

Also, es geht um Parteien. Und die Frage, ob es die in der digitalen Zeit überhaupt noch braucht. Die Digitalisierung bringt bekanntlich eine Disintermediation mit sich. Wikipedia erklärt dieses sperrige Wort mit der Wertschöpfungskette, bei der Stufen überflüssig werden. Ein Beispiel ist der Kleiderladen in der Stadt, den es nicht mehr braucht, wenn man via Internet direkt beim Hersteller bestellt.

Es gibt noch viele andere Beispiele: Es braucht den Verlag nicht mehr, wenn ich als Autor mein Buch in elektronischer Form selbst bei Amazon veröffentliche. Disintermediation findet auch statt, wenn ein Musiker seine Songs direkt bei Spotify reinstellt. Oder wenn ich auf die Dienste des Bankenwesens verzichte und all meinen Kram nur noch via Bitcoin kaufe. Und auch ein Podcast oder ein Blog ist (meistens) Disintermediation: Der Autor richtet sich direkt an sein  Publikum, ohne dass ein Medienhaus die Finger dazwischenhält.

Die Politik disintermediieren

Also, warum keine Disintermediation in der Politik? „Parteien sind im digitalen Zeitalter überflüssig“ weiterlesen

Geht zum Wählen!

Apps, mit einem dabei helfen, seine demokratischen Rechte auszuüben: smartvote.ch, Votenow, Voteinfo, Swissvote und Swiss.vote.

Die Wahlen sind fast da – noch zehn Tage dauert es, bis wir (vielleicht) einen grünen Linksrutsch durchs Parlament senden. Ich nehme an, dass die allermeisten Leserinnen die Wahlzettel längst ausgefüllt haben. Denn wer informationell so selbstbestimmt ist, dass er sogar Blogs liest (!), der wird sich auch bei der politischen Mitbestimmung nicht den Anken (🇩🇪🇦🇹: Butter) vom Brot nehmen lassen.

Wer es aber noch nicht getan hat, obwohl er wahlberechtigt ist: Siehe Titel!

Wie üblich vor den Wahlen habe ich mir meinen smarten Spider ausrechnen lassen. Das ist eine Visualisierung der politischen Ansichten, die nicht bloss zwischen den zwei Polen links-rechts, sondern auf acht vier Achsen (offene Aussenpolitik – restriktive Migrationspolitik, liberale Gesellschaft – Law & Order, ausgebauter Sozialstaat – restriktive Finanzpolitik, ausgebauter Umweltschutz – liberale Wirtschaftspolitik) abgebildet wird.

Die vier Begriffspärchen sind konträr aufgestellt, aber nicht unvereinbar. „Geht zum Wählen!“ weiterlesen

Neue Ideen für Europa

Ulrike Guérot erklärt im Gespräch mit Holger Klein, wie die europäische Idee mit positiven Erzählungen angereichert werden könnte, und warum das Ziel die europäische Republik sein muss.

Ich bin ein überzeugter Europäer und würde mich jederzeit für den Beitritt dieses Landes zur EU aussprechen – auch, weil ich eine Abneigung gegen Nationalstaaten und all die Dinge habe, die diese «Nationen» so mit sich bringen. Aber es ist unbestritten, dass es im Moment schwierig ist, Leidenschaft für die europäische Idee aufzubringen. Es gibt einfach zu viele, die sie schlechtreden. Natürlich die Nationalisten und die Isolationisten. Die Fremdenfeinde und Verkäufer einfacher Lösungen.

Einsamer Rufer. (Bild: slon_dot_pics/pexels.com, CC0)

Aber es ist eben so, dass auch diejenigen, die sich zur europäischen Union bekennen, das im Moment enorm lustlos tun. Es gibt schwer, gegen Schlagworte wie Bürokratie, Regulierungswahn und (vor allem) Demokratiedefizit anzukommen. Das Demokratiedefizit sehe ich auch. Wie Europa mit Griechenland umgesprungen ist, hat mich zutiefst irritiert. Dass im Moment das Kapital, die Banken und die Interessen der Wirtschaft Vorrang vor den Interessen der Bürger haben, ist stossend. Und … naja, es braucht an dieser Stelle nicht mehr Beispiele. Dass jeder genügend davon kennt, ist genau das Problem.

Eine EU mit Defiziten ist besser als keine EU

Ich glaube nun aber daran, dass die EU trotz all ihrer Defizite besser ist als keine EU, und dass man sie deswegen leidenschaftlich verteidigen müsste. Dafür bräuchte es ein positives Narrativ – das hat der Historiker Matthias von Hellfeld in Holger Kleins Podcast Geschichtsunterricht immer mal wieder ausgeführt. „Neue Ideen für Europa“ weiterlesen

Was soll der Quatsch?

Donald Trump ist gewählt, sodass wir uns nun not­ge­drungen vier Jahre mit ihm abfinden müssen, falls nicht ein Amt­sent­he­bungs­verfahren dem Lauf der Dinge zuvor­kommt. Das heisst aber nicht, dass wir diesen Mann gutheissen sollten.

Bild: Donald Trump – The Don, DonkeyHotey/Flickr.com, CC BY-SA 2.0

Wir haben vorgestern im Nerdfunk über Lord Voldemort gesprochen, der neulich zum 45. Präsidenten seines Landes gewählt wurde und selbiges nun great again machen muss. Einen Punkt habe ich in der Sendung kurz angedeutet, aber, weil nicht wirklich technisch, nicht im Detail ausgeführt.

Es geht nun um all die relativierenden Aussagen rund um Fuckface von Clownstick. Sein Wahlsieg, so hat man den Eindruck, scheint so eine Art Verbot zu bewirken, dass man ihn nun nicht mehr blöd finden darf. Das ist beispielsweise die Argumentation von Leuten wie Markus Somm bei Schawinski (MP3 der Sendung vom 14.11.), die, falls ich es richtig begriffen habe, ungefähr so funktioniert: Medien und «Linke» haben ihn kritisiert. Er wurde trotzdem entgegen allen Erwartungen gewählt. Also ist die ursprüngliche Kritik widerlegt und haltlos.

Was natürlich ein Non sequitur ist. „Was soll der Quatsch?“ weiterlesen