Hey, Twitter! Wie wärs mit sozialer Verantwortung?

Da meldet man einen ekla­tant rassis­tischen Tweet auf Twitter. Und was pas­siert? Nichts. Es stellt sich die Frage, was die Inhalts­richt­li­nien über­haupt wert sind.

Die erbitterten Debatten über die kulturelle Aneignung sind am Abklingen – wie das halt so ist. Denn selbst mit voller Schützenhilfe der sozialen Medien können sich die Emotionen nicht unbegrenzt auf dem Siedepunkt halten. Und schliesslich wartet schon der nächste Aufreger darauf, die öffentliche Empörung zu befeuern.

Eine Sache gibt es nachzutragen. Nämlich die Frage, ob die sozialen Medien endlich bereit sind, ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen.

Konkret geht es mir um eine Wortmeldung von einem Herrn Gregor Keller, der auf Twitter zu begegnen ich das Pech hatte: „Hey, Twitter! Wie wärs mit sozialer Verantwortung?“ weiterlesen

Wie ein Politiker seinen gefeierten Blogging-Bettel hingeworfen hat

Moritz Leuenberger war einmal Blogger, und er eines schönen Tages hat er sich unter seines­glei­chen gemischt. Heute komme ich nicht umhin zu bemerken, dass diese Kar­riere weniger lang gedauerte als seine Amts­zeit im Bundes­rat.

In meiner kleinen Sommerserie habe ich bisher die grossen Themen ausgelotet: Wie sich unsere Wahrnehmung und das Verständnis des Internets gewandelt hat und unsere Wokeness erwachte – solche Dinge.

Heute schlägt die Amplitude der Erkenntnis nicht ganz so weit aus. Ich greife auf ein Fundstück aus meinem Archiv zurück, das Seltenheitswert hat. Es dreht sich nämlich um einen Bundesrat. Nicht nur das: sogar um einen Magistraten, der ein Blog betrieben hat.

Dazu gleich mehr. An dieser Stelle aber erst der Hinweis auf einen Exkurs: „Wie ein Politiker seinen gefeierten Blogging-Bettel hingeworfen hat“ weiterlesen

Wie wir unsere Kinder elegant loswerden könnten

«Unwind» von Neal Shusterman ist das gross­artigste Buch, das ich seit Langem gelesen habe. Fast wäre es nicht dazu gekom­men, weil ich Vorbehalte hatte, mich auf diese Geschichte über­haupt ein­zulas­sen.

Es ist das beste Buch, das ich in diesem Jahr bisher gelesen habe. Und fast hätte ich einen Bogen darum gemacht. Der Klappentext hat zwar Interesse befeuert, aber gleichzeitig Misstrauen geweckt. Wie kommt ein Autor dazu, sich so eine Geschichte auszudenken?

Also, der Klappentext lautet wie folgt:

Nach dem Zweiten Amerikanischen Bürgerkrieg haben sich die Pro-Choice- und die Pro-Life-Armee geeinigt. Nach ihrer «Bill of Life» darf menschliches Leben vom Zeitpunkt der Empfängnis bis zum Alter von dreizehn Jahren nicht beendet werden. Aber zwischen dem dreizehnten und dem achtzehnten Lebensjahr kann das Kind von seinen Eltern durch einen Prozess, der «Unwind» genannt wird, beseitigt werden.

Ja, natürlich: Sciencefiction-Autoren haben die Aufgabe, sich in menschliche Untiefen vorzuwagen und sich vorzustellen, wohin technische oder auch gesellschaftliche Entwicklungen in letzter Konsequenz führen werden. Aber sich auszumalen, dass Abtreibung erst einmal verboten, gleichzeitig aber nachträglich erlaubt wird, ist ein starkes Stück. „Wie wir unsere Kinder elegant loswerden könnten“ weiterlesen

Land of the free, my ass

«The F*ck-it List» von John Niven beschreibt den Zustand des Trump-Amerikas auf tref­fende und nieders­chmet­ternde Weise. Aber noch besteht Hoffnung – noch ist Ivanka nicht die Präsi­dentin der USA.

Unverständnis und Konsterniertheit: Das sind die Gefühle, die in mir wachsen, wenn ich die Geschehnisse in den USA verfolge. Land of the free, my ass! Was dort passiert, ist zwar global gesehen nicht einzigartig, aber es trifft Leute wie mich besonders, weil die Vereinigten Staaten in vielem ein Vorbild und Vorreiter sind. Das lässt einen befürchten, dass viele der politischen Auswüchse auch zu uns herüberwuchern werden. Die reaktionäre Gegenbewegung wird hierzulande viele der gesellschaftlichen Errungenschaften zunichtemachen; Anzeichen dafür sehen wir bereits.

Das Buch, das dieses Gefühl exakt auf den Punkt bringt, stammt nicht von einem Amerikaner, sondern von einem Schotten: „Land of the free, my ass“ weiterlesen

Warum lassen wir Nerds das mit uns machen?

Die EU will Whatsap, iMessage und Facebook Mes­senger zur Öffnung zwingen. Man würde meinen, die meisten Nutzer fänden das gut. Ein Irrtum: Viele sind über­zeugt, die Tech-Kon­zerne sollten weiter­wurs­teln wie bisher.

Auf Twitter hatte ich das Vergnügen, an einer Debatte über das Gesetz über digitale Märkte (Digital Markets Act; DMA) zu führen. Das wurde diese Woche verabschiedet. Es handelt sich um einen regulatorischen Rundumschlag, der die dominanten Tech-Unternehmen zurückbinden und für mehr Fairness sorgen soll.

Bei den Browsern würde es Apple dazu zwingen, das iPhone und iPad für Engines von Drittherstellern zu öffnen. Das könnte die Überlebenschancen von Firefox erhöhen, auch wenn ich befürchte, dass der Zug schon abgefahren ist.

Ein weiteres Feld sind die Messenger-Dienste. Die grossen Apps – namentlich Whatsapp, iMessage und Facebook Messenger – müssten sich der Konkurrenz öffnen und es ermöglichen, die Nutzer unterschiedlicher Apps miteinander kommunizieren können.

Aus Nutzersicht ist die Sache völlig klar: „Warum lassen wir Nerds das mit uns machen?“ weiterlesen

Damit Trump nicht so leicht davonkommt

Der Podcast «Will be wild» hat den Anspruch, den Sturm aufs Kapitol in Washing­ton aufzuar­beiten und die Hinter­gründe zu klären. Ich bin nicht überzeugt, ob er ihm gewach­sen ist. Aber hörens­wert ist er alle­mal.

Beitragsbild: Sie sind überall (Overall von Tyler Merbler/Flickr, CC BY 2.0).

Will be wild ist ein Podcast, der genauso unvermeidlich wie unverzichtbar ist. Er beschäftigt sich mit dem Sturm auf das Kapitol in Washington vom 6. Januar 2021 beschäftigt.

Dieses Ereignis hat damals viele erschreckt und erschüttert. Aber der Schock ist erstaunlich schnell verpufft. Vielleicht täusche ich mich, aber in meiner Wahrnehmung hat die Welt diesen Angriff achselzuckend ad-acta gelegt, nachdem Trumps zweites Amtsenthebungsverfahren ohne Amtsenthebung geendet war. Ob die Pandemie schuld war oder der Eindruck, dass letztlich «nichts Schlimmes» passiert ist, weiss ich nicht. Vielleicht hat auch die Abwahl Trumps dazu geführt, dass das Ereignis im kollektiven Bewusstsein nach hinten gerückt ist.

Aber auch wenn eine weitere politische Aufarbeitung an der Weigerung der Republikaner zu jeglicher Einsicht scheitert und die juristische Aufarbeitung und Verurteilung der Randalierer und Möchtegern-Putschisten weitergeht, so ist es wichtig, dass die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Ereignis weitergeht: „Damit Trump nicht so leicht davonkommt“ weiterlesen

Der Messias ist schon da – aber viele andere fehlen noch

Was taugt diese Twitter-Alternative für Leute, die bei Twitter rausgeflogen sind? Nach einem Augenschein von Gettr glaube ich nicht, dass die Plattform für Deplatformierte eine Zukunft hat.

Neulich ist mir auf Twitter jener Zürcher Kantonsrat begegnet, der zwar vor einiger Zeit von der Plattform verbannt worden ist, nun dort aber mit einem neuen Account ein Comeback hinlegte. Er hat in einem Tweet erwähnt, er sei auch auf Gettr zu finden, würde dort aber seit vier Monaten nichts mehr schreiben, weil «zu Milieu».

Das hat mein Interesse geweckt. Was meint er mit «zu Milieu»? Der nächste Satz, wonach Facebook «das einzige soziale Medium mit Relevanz» sei, macht es klar: Es ist ihm zu wenig los auf Gettr, bzw. er findet, er habe dort zu wenig Reichweite.

Mich hat das daran erinnert, dass ich mir Gettr schon lange einmal ansehen wollte. Zur Erinnerung: „Der Messias ist schon da – aber viele andere fehlen noch“ weiterlesen

Ein Plot wie aus einem ganz schlechten Film

Ein gutes Beispiel, wie die Medien ihre Rolle als vierte Macht wahrnehmen – per Podcast sogar global: Die «New York Times» erinnert mit «Day X» Deutschland daran, die Gefahr der rechtsextremen Netzwerke nicht zu unterschätzen.

Ich mag die Floskel «Wie in einem billigen Film» nicht. Sie besagt, dass in Realität eine ganz unglaubliche Sache passiert ist – eine Angelegenheit, die derartig unwahrscheinlich ist, dass wir keine realen Vergleichsgrössen haben. Darum wäre es uns eigentlich lieber, wenn dieses Vorkommnis nur ausgedacht wäre, weil dann die Grenzen unserer Wirklichkeit nicht verschieben müssten.

Zwei Dinge: Es kann sinnvoll und erhellend sein, wenn wir die Gelegenheit haben, die Grenzen unserer Wirklichkeit zu verschieben; darum sollte man das nicht leichthin abqualifizieren. Und zweitens sind Drehbuchautoren offenbar die Leute, mit der lebhaftesten Fantasie – weswegen sie eigentlich unseren Respekt verdienen und nicht zum Buhmann in einem platten Phraseologismus degradiert werden sollten.

Und was soll das mit dem «schlechten» Film? „Ein Plot wie aus einem ganz schlechten Film“ weiterlesen

Twitter sagt, ich sei eine linke Socke

Was ist eigentlich von The Blindspotter zu halten? Dieser Twitter-Analyst masst sich an, meine – und auch eure – politische Ausrichtung zu erkunden. Erkenntnis: Manchmal passt das, manchmal nicht.

Neulich bin ich dank meines lieben Twitter-Freundes @undifferanziert bei The Blindspotter gelandet. Letzterer verspricht, einem aufzuzeigen, ob man bei seinem Nachrichtenkonsum einen blinden Fleck aufweist. Sprich, ob man sich ausgewogen informiert oder bestimmte Quellen bevorzugt. Und ja, es geht um die politische Ausrichtung.

Wie zu erwarten war.

Bei mir kam der Blindspotter zu einem wenig überraschenden Ergebnis. Er hat einen starken Linksdrall konstatiert und den sogar mit einem Prozentwert ausgewiesen: „Twitter sagt, ich sei eine linke Socke“ weiterlesen

Obamas und Springsteens Mogelpackung

Ist es ein klassischer Laberpodcast oder doch ein politisches Manifest? Ich habe mir «Renegades: Born in the USA» angehört.

Früher waren es ein paar einsame Technikfreaks, die in ihren Männerhöhlen hingehockt sind und angefangen haben, in Mikrofone zu sprechen – mit dem Ziel, nicht unter Leute zu müssen und Konversationen von Angesicht zu Angesicht abzuhalten. Und wenn diese Formulierung abschätzig klingen sollte, so ist sie absolut nicht so gemeint: Als bekennender Nerd habe ich maximales Verständnis für diese sozial distanzierte Form der kommunikativen Interaktion.

Heute komme ich nicht umhin zu bemerken, dass es nicht mehr die Streber, Nerds und Eigenbrödler sind, die Podcasts machen. Spotify hat diese romantische Vorstellung im Februar mit einer Pressemeldung gnadenlos aus dem Weg geräumt. Es gebe nun einen Podcast mit Barack Obama und Bruce Springsteen, schrieb der Streaminganbieter. Ein ehemaliger US-Präsident und einer der kommerziell erfolgreichsten Musiker im Rockgeschäft: Es gibt wenige Kombinationen, die weniger outsidrig wären. „Obamas und Springsteens Mogelpackung“ weiterlesen