Ein Kopfhörer nur zum Musikhören

Die neuen, ans audio­phile Publikum gerich­teten Ohr­stöp­sel von Senn­heiser: Die IE 600 klingen toll, sind aus einem Mate­rial, das der Nasa nicht zu schade für den Mars ist und sind em­pfeh­lens­wert – so sie ana­to­misch passen.

Von Sennheiser habe ich die IE 600 als Testgerät bekommen. Das sind Kopfhörer, die sich gemäss Pressemeldung durch Robustheit und einen herausragenden Klang auszeichnen. Ausserdem ist die Produktionsweise bemerkenswert:

Durch ein patentiertes 3D-Druckverfahren wurden die Gehäuse des IE 600 aus amorphem Zirkonium ZR01 hergestellt, einem Metall mit einer glasartigen Atomstruktur, die ihm die dreifache Härte und Biegefestigkeit von Hochleistungsstahl verleiht.

Das klingt eindrücklich, zumal die Pressemeldung einen auch wissen lässt, dass das ZR01 auch in der Raumfahrt eingesetzt werde und die Bohrköpfe des Nasa Mars Rover daraus gemacht seien. Bekanntlich steht die audiophile Nutzerschaft auf derlei exquisite Materialien, während ich – im Vergleich dazu eher ein Vertreter der Pragmatiker-Fraktion – bislang nicht das Problem hatte, dass die Kapseln meiner Ohrstöpsel den Alltagsanforderungen nicht gewachsen gewesen wären.

Jedenfalls ist der Unterschied zu normalen Kopfhörern mit den Fingerkuppen zu ertasten: Die Oberfläche fühlt sich ganz anders an als die normalerweise plastikglatte Oberfläche. Sie ist etwas rau, tastet sich fast wie einen Kieselstein und ist trotzdem leicht.

Die Kapseln sind aus einem leichten, robusten Material und fühlen sich gut an.

Ein Kopfhörer mit (im übertragenen Sinn) Ecken und Kanten

Ein Kopfhörer nicht wie jeder andere – dieser Eindruck vermittelt der IE 600, sobald man ihn aus der Schachtel nimmt. Es ist das erste Modell seit Jahren, das ich teste, und das kein Bluetooth hat. Es wird wie anno domini per Kabel angeschlossen. Auch den sonst üblichen Schnickschnack sucht man vergeblich: Es gibt keine Geräuschunterdrückung, keinen Transparenzmodus und nicht einmal ein Mikrofon. Diese Kopfhörer sind zum Musikhören – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wenn man das nicht als Einschränkung, sondern als Versprechen versteht, ist man auch nicht enttäuscht, dass man diesen Kopfhörer erst zusammenbauen muss.

Nein, man muss nicht die Membrane mit der Pinzette ins Gehäuse verfrachten, so weit geht die Liebe nicht. Aber Kapseln und Kabel liegen getrennt in der Box, sodass man die erst zusammenstecken muss – womit einem Sennheiser auch gleich zu verstehen gibt, dass das Kabel ersetzbar ist, wenn es kaputtgehen sollte. Wie des Öfteren beklagt, ist mir das früher ständig passiert – und es wäre für mich definitiv ein Grund, keine mobilen High-End-Kopfhörer mit Kabel zu kaufen – zumindest dann nicht, wenn man sie nicht ersetzen kann.

Man muss sie richtig montieren

Um Kabel und Kapseln zu verbinden, reicht es, ersteres in letztere zu stecken. Aber natürlich muss man darauf achten, dass das linke Kabelende in die linke Kapsel führt, und rechts genauso. Damit ich das richtig mache, komme ich um einen Blick ins Handbuch nicht herum: Dort heisst es, dass der Hörer mit dem roten Ring rechts hingehört und der mit dem schwarzen Ring links – die Kabelenden ihrerseits sind mit L und R markiert. Ich hätte es genau verkehrt gemacht, weil mir anfänglich überhaupt nicht klar ist, wie diese Kopfhörer ins Ohr gehören. Aber dazu gleich mehr.

Zur Endmontage gehört auch das Aufsetzen der richtigen Pfropfen. Es gibt sie in drei Grössen (S, M, L) und in zwei Ausführungen, nämlich in Silikon und in Visco-Memoryschaum. Letzterer soll sich besser dem Ohrkanal anpassen, sodass ich die wähle – auch wenn ich das leichte Panikgefühl nicht abschütteln kann, die würden dort steckenbleiben.

Wie gehören die Dinger richtig ins Ohr?

Nachdem die Kopfhörer einsatzbereit sind, stellen sich zwei weitere Fragen: Erstens natürlich die nach der Verfügbarkeit eines Geräts, das noch einen Kopfhörerausgang aufweist. Zweitens ist mir, wie oben angedeutet, nicht klar, wie die eigentlich ins Ohr gehören: Wenn man sie einfach ins Ohr stecken würde, dann ginge das nur einigermassen vernünftig, wenn man den linken Stöpsel ins rechte Ohr stecken würde und umgekehrt.

So werden sie richtig eingesetzt – mit einem gewissen Konfliktpotenzial bei Brillenträgern.

Dass es so nicht gemeint ist, zeigt auch der Bügel: Er beschreibt direkt von der Kapsel weg einen Bogen nach hinten und ist gemäss der Anleitung zur Zugentlastung gedacht. Damit das Sinn ergibt, wird die L-förmige Kapsel so eingesetzt, dass ihr dickes unteres Teil waagrecht in der Ohrmuschel sitzt, bzw. genauer im Gehörgangseingangstrichter (Cavum conchae). Da wäre eine kleine schematische Zeichnung in der Anleitung hilfreich.

Jedenfalls sitzen die Ohrstöpsel auf diese Weise ordentlich, den Memoryschaum empfinde ich als angenehm – Sennheiser weist darauf hin, dass die nur eine kurze Haltbarkeit haben und nach einigen Monaten ausgetauscht werden sollten. Mit dem Bügel über dem Ohr werde ich als Brillenträger aber nicht glücklich. Das Plastikstück am Ende des Ohrbügels schrummelt unangenehm am runden Teil des Brillenbügels, was störende Nebengeräusche verursacht. Das liesse sich vermeiden, wenn der Bügel der Kopfhörer so lang wäre, dass er über den Bügel der Brille herausragen würde.

An dieser Stelle drängt sich eine Frage auf: Lohnt der Klang das Heckmeck?

Fazit: Eine gute Wahl – wenn sie zur Ohrform passen

Die kurze Antwort: Ja. Die IE 600 sind die beste Alternative zu einem hochwertigen geschlossenen Kopfhörer, die ich bislang getestet habe. Sie klingen luftig, detailreich und angenehm. Sie haben einen ausgewogenen Klang von den Höhen über die Mitteltöne; da scherbelt und rumpelt nichts, auch wenn man laut aufdreht: Ich verwende für solche Tests gerne «Dialectical Kid» von Yello: Wenn sich Boris Blanks elektronische Wunderkerze anfühlt wie der Bohrer beim Zahnarzt, dann taugt der Kopfhörer etwas.

Bei den Bässen muss man gewisse Abstriche machen, was bei den Ohrstöpseln konstruktionsbedingt ist. Ein so kleiner Klangtreiber, wie in diesen Kapseln steckt, kann nicht so viel Luft bewegen, wie es für ordentliche Bässe nötig ist. Aber das weiss jeder Audiofreak natürlich.

Dieses Kabel liegt ebenfalls bei: ein fünfpoliger Klinkenstecker mit 4,4 Millimeter Länge. Er nennt sich auch Pentaconn und verbindet die Kopfhörer mit hochwertigen DACs.

Deswegen bleibt für mich absolut gesehen ein grosses, ohrumschliessendes Modell die ungeschlagene Referenz. Das ist nach wie vor der Beoplay H95, den ich im Beitrag Die hohe Kunst der Inszenierung) besprochen habe.

Wie wärs mit einem 3D-gedruckten, anatomisch perfekt angepassten Modell?

Also: Eine Empfehlung für meine audiophilen Freunde, die keine Vorbehalte einem Kabel gegenüber haben, aber nicht gewillt sind, mit einem grossen Bügelkopfhörer durch die Strassen zu flanieren.

Eine Fussnote ist angebracht: Der gute Klang ist bei diesem Kopfhörer massgeblich vom Sitz der Stöpsel abhängig – und hier spielt wiederum die Anatomie des Ohrs eine entscheidende Rolle. Meine Erfahrung ist, dass meine Ohren nur bedingt kompatibel zu Sennheiser sind.

Oder, um genau zu sein: Mein linkes Ohr ist perfekt kompatibel, doch im rechten Ohr sitzen die Kapseln einfach nicht richtig. Ich nehme an, dass ich dort einen Knick im Gehörgang habe. Das ist mir schon früher aufgefallen, auch bei den hier getesteten CX True Wireless. Was das angeht, bin ich ein Bose-Kind.

Darum wäre es sinnvoll, wenn die Kopfhörer an die Anatomie angepasst würde – und weil es in der Pressemeldung heisst, die IE 600 würden aus dem 3D-Drucker stammen, liegt die Vermutung nahe, dass Sennheiser diese Möglichkeit zumindest im Hinterkopf hat. Ich habe nachgefragt und von Produktmanager Jermo Köhnke folgende Antwort bekommen:

Bei Sennheiser Consumer setzen wir uns intensiv mit dem Thema der ergonomischen Personalisierung auseinander. Wir können keine Aussage zu zukünftigen Entwicklungsplänen machen, aber zu diesem Zeitpunkt bieten wir keine Otoplastik-Ohrhörer an. Das hat folgende Gründe:

  1. Eine professionelle Ohrmessung, ein auf Einzelanfertigungen spezialisierter Produktionsprozess sowie eventuelle Korrekturschleifen würden ein solches Produkt um ein Vielfaches verteuern.
  2. Die Akustik unseres Systems ist exakt abgestimmt. Eine Otoplastik ist ein fundamental anderes akustisches System, sodass der exakt gleiche Klang gar nicht erreicht werden kann. Da jede Otoplastik mehr Freiheitsgrade in der Fertigung hat, müsste auch die Akustik entweder individuell abgestimmt oder ein entsprechender Fertigungsprozess aufgesetzt werden.
  3. Das Design unserer Ohrhörer haben wir über viele Jahre hinweg stetig optimiert. Durch unser extrem kompaktes Schallwandlermodul konnten wir eine minimalistische Form realisieren, die bei praktisch jedem Menschen bequem sitzt. Als letzte Variable können geneigte Kund*innen noch zwischen verschiedenen Ohrpolstern wählen, um den für sie optimalen Sitz zu erreichen.

Vor diesem Hintergrund ist der Mehrwert einer Individualanfertigung im Vergleich zum Aufwand für uns relativ gering, weshalb wir uns auch beim IE 600 bewusst dagegen entschieden haben. Denn auch ohne Individualfertigung ist der IE 600 ausserordentlich bequem, besticht mit aufwendiger Fertigungstechnik und hat einen technisch herausragenden und tonal ausgewogenen Klang.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Kommentar verfassen