Die hohe Kunst der Inszenierung

Der Beoplay H95 im Test: Ist dieser Kopfhörer, der mich fast dazu verleitet hätte, ein Unboxing-Video zu fabrizieren, tatsächlich 900 Franken wert?

Eine der dämlichsten Modeerscheinungen, die in letzter Zeit die Tech-Welt heimgesucht hat, sind die sog. Unboxing-Videos: Man sieht jemandem zu, wie er ein Gerät aus der Verpackung nimmt. Das hat keinerlei Nutzwert für den Betrachter. Der einzige Zweck eines solchen Videos ist, die Vorfreude zu steigern und das Produkt zu zelebrieren. Entsprechend ist ein solches Video keine journalistische Leistung, sondern Marketing.

Okay, kleiner Einwand: Einen Nutzen haben Unboxing-Videos. Nämlich für Leute wie mich, die ihre Testgeräte nach dem Test zurückschicken – und dann herausfinden müssen, wie zum Teufel Gadget, die Kabel, Anleitung und das Zubehör jemals in diese winzige Schachtel gepasst haben. Daran scheitere ich regelmässig. Und deswegen habe ich auch schon Hilfe bei Youtube gesucht. Aber klar: Man könnte stattdessen beim Auspacken zu Dokumentationszwecken ein Handyfoto machen.

Neulich habe ich mir aber trotzdem fast eine halbe Sekunde lang überlegt, selbst ein solches Video zu machen. Nämlich, als neulich ein Testexemplar des Beoplay H95 bei mir eingetroffen ist.

Bei diesem Gadget bekommt man als Erstes eine edle Kartonschachtel in die Finger. Auf ihr steht mattglänzend der Produktname. Plus der Hinweis «Since 1925». Als erfahrener Tester fragt man sich unvermittelt: Hatten die vor 95 Jahren schon Bluetooth?

Ein Unboxing-Foto muss genügen.

Öffnet man die Schachtel, kommt eine Metallbox zum Vorschein. Und eine neue Frage steht im Raum: Ist hier der Kopfhörer drin, oder hat man es mit einer weiteren Matroska-Schale zu tun?

Aber man ist am Ziel: Der Kopfhörer ruht in einer Doppel-Ausbuchtung mit einer Vertiefung für jede der Hörmuscheln. Warum nicht noch ein Beutelchen aus Samt, das sich wie ein Negligé anfühlt?

Über dem Kopfhörer findet sich ein Papiertäfelchen, das ein weiteres Mal die Tradition hochhält: «Beoplay H95 are a celebration of our 95 year passion for sound, design and craftsmanship», steht da. Und ich erinnere mich daran, wie ich zum ersten Mal mit Bang & Olufsen zu tun hatte.

Flashback in die 1980er

Das war vermutlich irgendwann Anfang der 1980er-Jahre: Meine Grosseltern väterlicherseits hatten sich eine Stereoanlage des dänischen Herstellers angeschafft. Die stammte, wenn ich mich recht erinnere, aus der Beocenter-Reihe und keine sichtbaren Knöpfe, sodass sie im ausgeschalteten Zustand eigentlich nur eine Blackbox war. Schaltete man sie ein, signalisierten Leuchtdioden, wo man über Touch-Elemente die Anlage steuern konnte. Das empfand ich als sehr futuristisch. Der Klang hat mich seinerzeit jedoch nicht sonderlich überzeugt.

Zurück zum Kopfhörer, bzw. der Inszenierung, die B&O um ihn veranstaltet: Unter dem Täfelchen findet sich eine Lasche, unter der wiederum zwei Kabel und ein Adapter stecken: Ein Kabel mit USB-C-und USB-A-Anschluss zum Aufladen. Ein Klinkenstecker-Kabel, mit dem man den Kopfhörer auch klassisch drahtgebunden benutzen kann. Und eine Doppelklinke fürs Flugzeug.

Also: Das Erlebnis des Auspackens hat mich überzeugt. Aber ich habe auch nichts weniger erwartet – bei dem Preis. Der H95 ist nämlich kein Schnäppchen, sondern kostet um die 900 Franken.

Luxuriöser geht es nicht (behauptet B&O)

Die Verarbeitung passt dazu: Der H95 ist aus Aluminium, Titan, Lamm- und Rindsleder gefertigt – und ja, ein paar Polymere und Textilien sind auch dabei. Die Aussenseiten der Muscheln sind flache Metallscheiben, die Bügel haben einen eleganten Drehmechanismus. Der Bügel fühlt sich in der Hand sehr solide an und wirkt mit dem Textilbezug auch wirklich elegant. Und ja – im Vergleich wirkt mein Sony WH-1000XM2 (Mundtote Arbeitskollegen) gar plastikhaft und fast wie ein Spielzeug – obwohl der auch nicht billig war.

Sieht gut aus – und tönt noch besser.

Meine Erfahrung ist allerdings, dass ein schönes Design oftmals den Tragekomfort schmälert. Allein wegen des Gewichts: Metall und Leder sind schwerer und rauer als Kunststoffe und Plastik. Und auch wenn der H95 vergleichsweise weich auf dem Kopf sitzt, schätze ich im direkten Vergleich den Tragekomfort des WH-1000XM2 höher ein: Er ist mit 275 Gramm leichter als der H95, der wiegt 323 Gramm wiegt. Und das Plastikpolster drückt weniger auf den Kopf als die Textilhülle – aber zugegeben, mein kahler Schädel ist diesbezüglich empfindlicher als ein Haupt mit Haar.

Um den H95 in Betrieb zu nehmen, betätigt man einen Schalter an der rechten Hörmuschel. Das Einschalten ist nicht mühsam, aber ich habe inzwischen Kopfhörer schätzen gelernt, die sich automatisch aktivieren und verbinden. Das ist bei den Airpods von Apple praktisch, ebenso beim Momentum 3 von Sennheiser, den ich ebenfalls getestet habe (Wieso können das nicht alle Kopfhörer?).

Der Knopf zum Einschalten und fürs Pairing. Und der Ring für die Lautstärkeregelung.

Das Pairing mit Bluetooth funktioniert absolut problemlos und ohne, dass man die Anleitung bemühen müsste: Der Schalter zum Einschalten hat nebst Ein und Aus eine dritte, mit dem Bluetooth-Symbol bezeichnete Postion.

Schiebt man ihn dorthin, springt er wieder zurück, beginnt aber sogleich mit dem Pairing. Beim Auswählen am iPhone wird einem auch gleich noch die passende App (iPhone/Android) empfohlen: Einfacher geht es nicht. (Es sei denn, man ist Apple, und gibt seinen eigenen Produkten eine Vorzugsbehandlung.)

Die Gretchenfrage ist und bleibt der Klang

Aber gut, das entscheidende Kriterium beim Kauf eines Kopfhörers – und einer Investition von 900 Franken – ist natürlich die Frage nach dem Klang. Und, da Noise Cancelling inzwischen ein zwingendes Feature ist, nach der Qualität der Dämpfung des Umgebungslärms. Was die angeht, mache ich inzwischen bei meinen Tests einen Disclaimer: Ich höre für mein Alter zwar noch ausgezeichnet. Trotzdem sind meine Ohren fast fünfzig Jahre alt. Das bedeutet, dass ein dreissig Jahre jüngerer Tester sicher mehr Nuancen heraushört – gerade auch im High-End-Lager, wo die Unterschiede gering sind.

Für beides – Noise Cancelling und Sound – gebe ich B&O hervorragende Noten.

Erstens die Geräuschunterdrückung: Wegen Homeoffice hatte ich zwar nicht die Gelegenheit, den Kopfhörer im Newsroom zu testen. Doch hier zu Hause eliminiert er mir die Bürogeräusche perfekt: Das Brummen des PCs ist verschwunden und das Klappern der Tastatur kaum mehr zu hören. Selbst Stimmen in unmittelbarer Nähe werden nicht komplett getilgt, aber massiv reduziert. Das ist State of the Art.

Zweitens der Klang: Der H95 bietet übers ganze Klangspektrum einen ausgewogenen Sound. Bass-Fetischisten werden sich womöglich noch fettere Tiefen wünschen, aber natürlich kann man die auch via App aufdrehen.

Links der Beoplay H95, rechts der Sony WH-1000XM2.

Sehr gerne hätte ich den B&O-Kopfhörer mit dem Sennheiser Momentum 3 verglichen – da war meine Begeisterung noch ein Quäntchen grösser. Ob meine Erinnerung richtig ist und er noch einige Nuancen mehr abbildet, liesse sich aber nur mit abwechselndem Probehören beurteilen. Der Vergleich zum WH-1000XM2 ist aber eindeutig: Der Kopfhörer von B&O klingt ein µ luftiger und differenzierter – und derjenige von Sony ein µ dumpfer.

Fazit: Es bleibt eine persönliche Entscheidung und eine Frage des Portemonnaies, ob man für ein µ besseren Klang fast doppelt so viel Geld ausgeben will. Zusammen mit dem Momentum 3 von Sennheiser gehört er sicher zum Besten, was man derzeit in Sachen Kopfhörer für eine noch vertretbare Geldausgabe erhält.

App Flop, Bedienung top

Die B&O-App wollte nichts mit dem H95 zu tun haben…

Noch ein kurzes Wort zur Bedienung: Die bereits erwähnte App hat mich etwas weniger überzeugt. Sie würde zwar viele Einstellungsmöglichkeiten für Sound, Noise Cancelling etc. bieten. Doch sie hat sich am iPhone standhaft geweigert, den Kopfhörer zu erkennen. Und das, während er verbunden und in Betrieb war. Darum kann ich zu der hier leider keine Worte verlieren.

Was die Steuerung am Kopfhörer selbst angeht: Tippen auf der Metallscheibe rechts stoppt und startet. Wischen rechts springt vor oder zurück. Tippen links steuert den Anruf, falls man den Kopfhörer zum Telefonieren verwendet.

Es gibt ausserdem links und rechts je einen Ring an der Muschel. Wenn man ihn rechts dreht, verändert man die Lautstärke – was viel besser funktioniert als die Klopf- oder Wischgesten, mit denen man es bei vielen anderen Kopfhörern zu tun bekommt. Der Ring an der linken Muschel steuert Noise-Cancelling und Transparenz: Man dreht die Intensität der Geräuschunterdrückung auf- und zurück – was nicht nur die Wirksamkeit demonstriert, sondern auch die Auswirkungen auf die Musik aufzeigt.

An der linken Muschel gibt es unten auch einen Knopf für den Voice Assistant, der am iPhone Siri auf den Plan ruft. Diese Hardware-Bedienelemente verdienen die Bestnote – und machen sogar vergessen, dass sich der Kopfhörer nicht selbst ein- und ausschaltet.

Beitragsbild: Die Aussenfläche der Muschel reagiert auf Touch-Befehle. (Und ja, das Logo könnte etwas dezenter sein.)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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