Das grosse Twitterer-Assessment, Folge 2: @PrettyDamnSwiss

Ich bewerte ungefragt, völlig subjektiv und teilweise hochgradig unfair die Twitter-Nutzer aus meinem Dunstkreis. Heute: Rea.

Name und Twitter-Handle

Rea is staying the fk home alias @PrettyDamnSwiss. Diese Twittererin hat ein natürliches, leicht anarchistisches Talent für Twitter und ein wohl angeborenes Gespür für die neuen digitalen Medien. Das ist allein an den beiden Eckdaten ihres Accounts, dem Namen und dem Twitter-Handle, zu erkennen.

Was macht die Kröte da?

Einerseits verrät uns die heutige Probandin in der Angabe beim Namensfeld nichts mehr als ihren Vornamen, Rea. Andererseits verwendet sie ihn für die unmissverständliche Feststellung, dass sie the fuck zu Hause bleibt.

Mit diesem Zusatz positioniert sie sich klar als Unterstützerin der Covid-19-Schutzmassnahmen – und da sie das bereits beim Namen tut, darf die Twitter-Gefolgschaft auch davon ausgehen, dass diese Twittererin auch bei ihren Tweets mit Meinungsäusserungen nicht sparsam sein wird.

Man könnte auch den Eindruck bekommen, dass diese Twittererin direkt und schnörkellos kommuniziert. Doch dieser Annahme wird bereits durch das Twitter-Handle infrage gestellt. Das lautet @PrettyDamnSwiss.

Dieses Alias ist – zumindest für Leute, die die Probandin nicht persönlich kennen – nicht eindeutig zu interpretieren. Es könnte eine Aufzählung von Eigenschaften sein, die sich die Twitter-Nutzerin selbst zugesteht: hübsch, verflucht und Schweizerin. Sollte das der Fall sein, wäre erstens die Chuzpe zu bewundern, die eigenen äusserlichen Vorzüge als erste, und damit wichtigste Charakterisierung im Nutzernamen zu nennen. Zweitens stünde die Frage im Raum, welche Bewandtnis es mit dem Verfluchtsein hat.

Die naheliegendere Auslegung ist jedoch, dass man das Handle mit «ziemlich verdammt Schweizerisch» übersetzen müsste. Das Schweizersein ist für diese Twittererin offensichtlich wichtig – doch warum dem so ist, bleibt explizit offen. Der Grund könnte eine patriotische Grundhaltung sein, die ironisch gebrochen wird. Denkbar ist auch ein Leidensverhältnis zu der nationalen Herkunft. Oder ein schwer zu entwirrender Mix aus beidem.

Eines ist jedenfalls klar: Es muss damit gerechnet werden, dass die Aussagen dieser Twittererin ambivalent und mit Absicht doppelbödig gehalten sind.

Zu bemerken ist noch, dass der Name gelegentlich ändert. Statt «Rea is staying the fk home» stand da auch schon «Rea is doing satire». Das fügt dem Element der Doppelbödigkeit noch eine gewisse Volatilität hinzu.

Originalität der Twitter-Bio

Die Twitter-Bio lautet in einem Satz «Die Jeanne d‘Arc der Frühstück-zum-Znacht-Freiheit». Das gesunde (?) Selbstverstrauen, das schon beim Twitter-Namen zu sehen war, ist auch in dieser Selbstbeschreibung zu erkennen. Als Jeanne d’Arc bezeichnet sich nur, wer sich zumindest gewisse heldenhafte Züge zugesteht – oder wer durch die Blume zum Ausdruck bringen will, noch Jungfrau zu sein.

Natürlich ist auch hier wieder eine ironische Brechung zu erkennen, von der man nicht weiss, wie ernst sie eigentlich gemeint ist. Trotzdem: Das Frühstück zum Znacht zu essen, wäre für eine Schweizer Hurrapatriotin undenkbar, sodass wir davon ausgehen dürfen, dass die im Abschnitt →«Name und Twitter-Handle» zur Diskussion gestellte Vaterlandsliebe wohl nicht in einer überzogenen, zum Nationalismus tendierenden Art vorhanden ist.

Die Kröte im Twitter-Banner könnte man als antifeministisch interpretieren – Mädchen wollen sich einen Märchenprinz herbeiküssen – ist aber sicherlich auch bloss spöttelnd gemeint.

Bedeutung, Reichweite und Output

Bei den Metriken zu diesem User fällt auf, dass der Account zwar schon im Februar 2014 registriert wurde, doch insgesamt erst gut 8600 abgesetzt wurden. Da in der jüngeren Vergangenheit gemäss socialbearing.com 3,53 Tweets pro Tag abgesetzt wurden, lässt das auf eine ziemlich grosse Konstanz auf relativ tiefem Niveau schliessen. Die Zahl von 2032 Follower ist ordentlich, aber nicht überragend. Darum ist anzunehmen, dass es für den grossen Durchbruch – der aufgrund des Charmes der Probandin durchaus im Bereich des Möglichen liegt –, die Ambivalenz der Kommunikation doch etwas zu gross ist.

Themen und herausragende stilistische Merkmale

Die Twittererin gehört zu der Nutzergruppe, die den Kurznachrichtendienst ohne offensichtliche Kommunikationsstrategie verwenden. Man könnte diese Gruppe der Einfachheit halber auch die «normalen Twitter-Nutzer» nennen: Ihre Agenda darin besteht, der persönlichen Meinung Ausdruck zu verleihen.

Das tut die Probandin denn auch meist charmant, fast immer prägnant und mit einer klaren Position. Auch ein Fluch liegt einmal drin, auch wenn die Verbalinjurien deutlich gemässigter ausfallen als beim ersten Kandidaten in unserem Assessment.

Abschliessende Würdigung

Die Geheimwaffe dieser Twittererin ist die Kombination von Charme und Sarkasmus, die auch in präzise und auf die Person gemünzte Angriffe münden kann, wie in diesem Fall:

Der erfolgreichste Tweet in der letzten Zeit ist ein mit einem Zwinker-Emoticon beendeter Kommentar zu einer Demo in Bern von Corona-«Skeptikern»:

Das ist ein deutlicher Seitenhieb gegen die Rechten, die gegen die unbewilligte Demo der Klimajugend die Staatsmacht und sogar die Güllenfässer auffahren wollte. Man muss zwar über diese Geschehnisse und zum Beispiel die Tweets von SVP-Radikalinski Andreas Glarner auf dem Laufenden sein, um ihn zu würdigen. Aber er ist nicht ganz so verklausuliert wie manche der Botschaften dieser Twittererin – was der Viralität in diesem Fall sicherlich zuträglich war.

Beitragsbild: Gratulation, Sie haben Ihr Twitter-Examen bestanden (Ekrulila, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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