Jahresmusterung, Teil 1: Eine schlechte Note für Google

Eine neue Rubrik hier im Blog: Ich beurteile die Leistungen der grossen Tech-Konzerne von 2020. Als erster ist der sympathische Suchmaschinenkonzern aus Mountain View, Kalifornien, an der Reihe.

Sagt, liebe Leserinnen und Leser dieses schönen Blogs, was haltet ihr von dieser Idee? Es geht um eine kleine Reihe zum Jahresende, in der ich Rückblick halte.

Und ja, bevor ihr mir ins Wort fallt und darauf hinweist, dass ein Jahresrückblick keine originelle Idee ist und wir im Nerdfunk mit dem digitalen Realitätsabgleich (erste Folge 2020: Drucker sagt nein) dieses Format seit mehr als zehn Jahren pflegen, lasst mich noch auf ein besonderes Merkmal dieser neuen Reihe hinweisen:

Also, die eigentliche Idee ist, dass ich einem grossen Tech-Unternehmen eine Note austeile. Wie hat es sich geschlagen? Ist es den Erwartungen gerecht geworden? Läuft alles so, wie wir als Kunden und Nutzer es uns wünschen würden?

Damit ihr euch das vorstellen könnt, ein Beispiel: Meine Beurteilung eines nicht unwichtigen Suchmaschinenbetreibers aus Mountain View, Kalifornien, der nebenbei auch noch ein florierendes Cloudgeschäft betreibt. Wie hat uns Google dieses Jahr gefallen?

Wie man das in einem Mitarbeitergespräch tun würde, fange ich mit den positiven Beobachtungen an: Mir hat ausgezeichnet gefallen, dass sich Google mit Apple zusammengerauft hat. Die beiden Konzerne haben bei der Covid-Krise zusammengespannt und innert kurzer Zeit die Schnittstellen für das Contact-Tracing in ihre Systeme eingebaut. Das ist bemerkens- und lobenswert. Es war sicherlich eine beträchtliche Arbeit, mit der es nichts zu gewinnen gab – nicht einmal einen Wettbewerbsvorteil, weil der Konkurrent die gleichen Schnittstellen auch implementiert hat.

Positiv ist mir auch aufgefallen, dass Google bei den Black-Lives-Matter-Kundgebungen eine aktive Rolle eingenommen hat. Der Konzern hat angekündigt, im eigenen Haus den Alltagsrassismus bekämpfen zu wollen. Statt «Blacklist» müssen die Entwickler entsprechende Aufzählungen nun Sperrliste oder Blockliste nennen (Wie Google rassistische Begriffe abschaffen will).

Natürlich kann ich von aussen nicht beurteilen, ob das nur Symbolpolitik oder eine ernstgemeinte Initiative zur Verbesserung der Firmenkultur ist. Aber es sind die grossen Tech-Konzerne, die die Chance haben, ein echtes Vorbild für Diversität und Integration zu sein. Dafür ist der Chef von Google und der Mutter Alphabet ein gutes Beispiel, denn Sundar Pichai ist selbst indischer Abstammung.

So, nach dem freundlichen, lobenden Einleitung kommt nun der harschere Teil mit der Kritik: Da war der grosse Ausfall am 14. Dezember. Gut, das kann jedem Internetunternehmen passieren, sogar dem sonst zuverlässigen Branchenprimus. Darum also zu den schwerwiegenderen Vorwürfen:

In Sachen Innovation hat mich Google 2020 überhaupt nicht überzeugt. Das Google Pixel 5 sticht nicht aus der Masse der neu lancierten Smartphones von 2020 heraus. Die neuen Nest-Produkte sind auch keine Meilensteine.

Das gilt auch für das soziale Netzwerk Keen, das Google angeblich lanciert hat. Doch schon damals war klar, dass das ein Experiment und keine ernstgemeinte Initiative ist. Trotzdem haben viele Medien das Thema aufgegriffen. Auch ich habe für die Tamedia im Beitrag Ein neues soziales Netzwerk aus dem Hause Google darüber geschrieben, obwohl es eigentlich kein relevantes Thema war. Aber es zeigt, wie sehr unsereins Innovationen aus dem Haus Google vermissen.

Ja, Google: Innovativ warst du 2020 wahrlich nicht.

Stattdessen musste ich konstatieren, dass die Suche in der letzten Zeit schlechter geworden ist (So treibt Sie Google weniger auf die Palme und Mit Google schneller zu den Resultaten kommt). Bedauerlich auch, dass Android 11 keine sonderlich interessanten Features aufweist und sich allen Beteuerungen zum Trotz nur sehr langsam auf den Geräten einfindet. Noch nicht einmal auf meinem Nokia 7.2 mit Android One ist es angekommen.

In der Causa Epic (Wenn Kampf-Game-Hersteller Angriffslust entwickeln: Epic gegen Apple) war Google zwar nicht der Hauptbeteiligte, hat aber trotzdem keine gute Falle gemacht.

Am negativsten sind mir aber zwei Dinge aufgefallen. Erstens die Sache mit dem Tracking in den Apps (In jeder zweiten App steckt Googles Tracking-Software und Es ist noch viel, viel schlimmer).

Brauchst du nicht, Google Fotos.

Und zweitens die kleine Änderung bei Google Fotos. Da hat Google den unbegrenzten Cloudspeicher abgeschafft und ein Limit eingeführt (Google rudert zurück).

Das ist die typische Verhaltensweise eines Quasi-Monopolists, der es geschafft hat, die Konkurrenz aus dem Markt zu drängen.

Es bleibt unter dem Strich eine negative Bewertung: Google hat 2020 kaum Innovation geschaffen, aber stattdessen mehrfach gezeigt, dass Befürchtungen wegen der Marktmacht und des Dominanzgebarens mehr als angebracht sind. Die Wettbewerbsklage in den USA ist absolut berechtigt – ebenso die Frage, ob Google ein Monopolist ist und ob Google zerschlagen werden muss. Wenn wir diese Frage 2021 mit Nein beantworten sollen, dann muss sich Google demütiger werden – und einfallsreicher.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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