Nokia ist zurück (in diesem Haushalt hier)

Einige Beobachtungen zum Nokia 7.2 – das trotz einiger Macken ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis liefert.

Das Nokia 7.2 (Amazon Affiliate) ist nun kein brandneues Telefon mehr. Der Hersteller HMD Global  hat es letzten September an der Ifa vorgestellt. Trotzdem habe ich hier die Gelegenheit, ein paar Beobachtungen zu dem Gerät beizusteuern. Es dient mir als Ersatz des Huawei P10, das ich bis jetzt für meine Videos und den Test von Android-Apps und -Funktionen verwendet habe.

Das P10 funktioniert zwar noch problemlos. Doch mit seinen bald dreieinhalb Jahren ist es kein repräsentativer Vertreter des Android-Lagers mehr. Insbesondere Android 7 ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Laut Wikipedia müsste zwar ein Update auf Android 9 und Version 9 von Huaweis Oberfläche EMUI möglich sein. Doch bei mir wird Emui 5.1 als aktuelle Version angezeigt, ohne Updatemöglichkeit.

Nach ungefähr zwanzig Jahren – mein erstes Handy war ein Nokia 6150 – hält also wieder ein Gerät dieses Herstellers Einzug in meinem Haushalt. Allerdings muss ich dazu zwei Klammerbemerkungen machen: Erstens ist von Nokia bekanntlicherweise nur noch der Markennamen übrig. Und zweitens habe ich das Gerät als Testgerät für meine beruflichen Zwecke erhalten und nicht gekauft.

Also, es handelt sich um das Nokia 7.2. Als erstes beeindruckt das Display, das deutlich grösser ist als der des iPhone 11 Pro – obwohl die beiden Geräte preislich meilenweit auseinanderliegen. Der Preis des Apple-Geräts ist mindestens vierstellig, während man das Nokia-Telefon ab ungefähr 250 Franken bekommt. (In Europreisen habe ich sogar Angebote unter 200 Euro gefunden.)

Das iPhone 11 Pro und das Nokia 7.2 nebeneinander.

Das Telefon liegt gut in der Hand  und auch wenn sich das iPhone noch ein bisschen wertiger anfühlt, hat man nicht den Eindruck eines Plastikspielzeugs, der sich bei manchen günstigen Telefonen einstellt. Das Display hat 6,3 Zoll Durchmesser (1080 × 234o Pixel) und bewegt sich locker im Phablet-Bereich. Trotzdem ist das Telefon nur 180 Gramm schwer.

Die Hauptkamera hat 48 Megapixel. Es gibt ausserdem einen 5-MP-Tiefensensor und ein 8-MP-Weitwinkel mit 118 Grad. Darunter der Fingerabdrucksensor.

Die weiteren Merkmale, die Nokia herausstreicht, ist die Dreifach-Kamera mit Zeiss-Objektiven, die Bilder mit 48 Megapixeln und Videos mit HDR schiesst. Das klingt nach einem erneuten Aufleben des Megapixel-Wahns. Und es wirft die Frage auf, ob man wirklich Smartphone-Bilder mit einer derartigen Auflösung benötigt. Schliesslich entstehen so grosse Bilddateien, die in der Handhabe unpraktisch sind und den Speicher des Telefons sowie die Cloud-Ablagen unnötig schnell füllen.

Allerdings zeigt sich, dass ein normales Foto zwölf Megapixel hat (4000 × 3000 Pixel). Es werden vier Pixel zusammengerechnet, um das Objektiv lichtstärker zu machen. Trotzdem gibt es bei meinem Testbild ein relativ starkes Bildrauschen – auch bei einer Aufnahme bei vollem Tageslicht im blauen Himmel. Das ist nicht sehr schön, liegt aber wahrscheinlich an einer zu aggressiven Nachschärfung der Bilder; die auch «Chip» hier kritisiert.

Das Testbild des Nokia 7.2.
Zum Vergleich die gleiche Szene mit dem iPhone fotografiert.

Im Übrigen sind die Algorithmen, mit denen die Apps die Bilder nachbearbeiten, ebenso wichtig wie die Optik. Das zeigt sich auch beim direkten Vergleich mit dem iPhone 10: Die gleiche Szene – das Sulzer-Hochaus, aus meinem Garten fotografiert – unterscheidet sich beträchtlich.

Die Aufnahme des iPhone ist in Sachen Weissabgleich etwas wärmer. Dennoch wirkt der Himmel blauer und etwas weniger hell.

Das dürfte den HDR-Funktionen zuzuschreiben sein, die mutmasslich beide Geräte betreiben. Doch beim iPhone erzielen sie eine etwas stärkere Wirkung. Das verhindert, dass der Himmel ausbrennt. Aber es führt auch gerne zu einer zu starken Farbsättigung, die mir nicht so gut gefällt.

Der 1:1-Ausschnitt beim Nokia 7.2.
Der 1:1-Ausschnitt beim iPhone.

Der direkte Vergleich von zwei Ausschnittvergrösserungen zeigt, dass ich die beiden Geräte in Sachen Auflösung und Schärfe nicht viel schenken.

Apple ist noch etwas besser dabei, die durch die Bearbeitung entstandenen Artefakte wegzubügeln. Doch im Ausschnitt finde ich das Bild etwas gar blau und zu stark farbgesättigt. Generell würde ich eine zurückhaltendere Nachbearbeitung vorziehen.

Generell zeigt sich, wie viel die Smartphones tricksen müssen, weil mit den winzigen Sensoren sonst selbst bei Tageslicht ein beträchtliches Bildrauschen vorhanden wäre. Das spricht auch im Jahr 2020 für die schweren Kameras mit ihren grossen Sensoren.

Die Weitwinkel-Aufnahme des iPhone.
Eine Weitwinkelaufnahme mit dem Nokia 7.2.

Ansonsten noch einige Eindrücke des Nokia 7.2:

Mir gefällt ausgezeichnet, dass Nokia bzw. HMD Global auf Android One setzt: Das bedeutet, dass der Hersteller nur geringe Veränderungen an der Oberfläche vorgenommen hat – und insbesondere der Launcher und die Einstellungen so funktionieren, wie das von Google vorgesehen wurde.

Das ist für mich wichtig, weil ich bei meinen Android-Tipps unmöglich auf die Besonderheiten der einzelnen Hersteller-Varianten eingehen kann. Ich orientiere mich daher am Original – und das ist die Variante von Google.

Die Verwendung von Android One hat auch den angenehmen Nebeneffekt, dass ein Update problemlos möglich ist. Das Nokia 7.2 wird ab Werk mit Android 9 ausgeliefert. Ein Update auf Android 10 ist problemlos möglich: Vorbildlich!

Ansonsten bemerkenswert:

Der Fingerabdrucksensor. Er findet sich auf der Rückseite, unterhalb der Kamera. Mit dem entsperrt man das Telefon am einfachsten mit einem der beiden Zeigefinger. Das funktioniert ganz gut, aber nicht ganz so zuverlässig wie TouchID beim iPhone.

Gesichtserkennung. Es gibt auch die Möglichkeit, das Gerät mittels Frontkamera zu entsperren. Die scheint allerdings mit einer flachen Ansicht des Gesichts zufrieden zu sein. Anders als bei FaceID muss man beim Einrichten den Kopf überhaupt nicht drehen. Bei einem Gerät, das nicht vor allem zu Hause benutzt wird, würde ich aus Sicherheitsgründen. auf die Gesichtserkennung verzichten!

Dual Sim. Man kann im Gerät zwei Sim-Karten einstecken, falls man das benötigen sollte. (Nebst einer Ausland-Sim könnte man beispielsweise eine billige Daten-SIM und eine Karte für Telefontarife verwenden. Ich habe allerdings nicht ausprobiert, wie einfach es ist, das entsprechend zu konfigurieren. Das will ich bei Gelegenheit nachholen.)

Fazit: Ein Telefon, bei dem man zu einem günstigen Preis ein sehr ordentliches Gerät erhält. Ein paar Maken muss man allerdings in Kauf nehmen. Das sind sie:

  • Der Lautsprecher. Er scherbelt sosehr, dass man das Telefon nur stumm betreiben möchte.
  • Die Stabilität. Bei meinem Test hat sich zwischendurch ausgerechnet die Kamera-App durch einen Absturz verabschiedet. Die sollte natürlich in jeder Situation zuverlässig und schnell reagieren. Immerhin: Nach einem Neustart hat die App wieder problemlos funktioniert.
  • Der Akku. Manche halten ihn mit 3500 mAh für etwas knapp bestückt; ausserdem gibt es keinen Schnellademodus.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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