Was SRF von Old Shatterhand hätte lernen sollen

Der «Hotspot»-Podcast ist interessant, relevant und unterhaltsam – aber kein Storytelling-Meilenstein und vor allem nicht der Beweis, dass SRF dieses neue Format beherrscht.

Für den Hotspot-Podcast hat sich einer beim SRF eine geradezu poetische Beschreibung aus den Rippen geleiert: «Willkommen am virtuellen Lagerfeuer. Wo die Nächte lang und die Podcasts spannend sind.»

Das ist ein Rückgriff, der für meinen Geschmack etwas gar weit in eine Zeit, die ebenso lange vergangen wie anfällig für Verklärung ist. Und überhaupt: Wurden hierzulande überhaupt jemals Geschichten am Lagerfeuer erzählt? Oder ist das nicht eher eine romantische Vorstellung, die von den Cowboys in der neuen Welt gepflegt wurde – zwischen langen Tagen, an denen Bisons und Indianer abgeschlachtet wurden?

Aber gut, wahrscheinlich sollte ich mich nicht allzu sehr an dieser Beschreibung abarbeiten. Sie wurde vermutlich vom Praktikanten geschrieben, weil der Art Director auf der SRF-Website für jeden Podcast eine Beschreibung von mindestens vier Zeilen vorgesehen hat, obwohl sich das Wesentliche in einem Satzfragment hätte sagen lassen: «Wirtschaft und Politik trifft auf Storytelling im Podcastformat».

Dieses Podcast-Storytelling war hier im Blog schon häufiger Thema – zum letzten Mal ausführlich bei meiner Besprechung von Malcolm Gladwells Hörbuch «Talking to Strangers». Es beweist, dass sich besagte Erzählweise auch hervorragend für Sach-Hörbücher eignet. Gladwell gehört zu den Leuten, die diese neue Erzählform perfekt beherrschen. Er webt aus O-Tönen, Soundbites aus Interviews, Musik, Soundeffekten und Atmo eine dichte Geschichte.

Nebst der ansprechenden Produktion zeichnet sich diese Erzählform dadurch aus, dass sie nicht wie ein journalistischer Artikel auf die nüchterne Präsentation der Fakten konzentriert, sondern wie ein fiktionales Werk die Informationen entlang eines Handlungsstrangs vermittelt. Die Hauptfigur in dieser Geschichte ist der Erzähler selbst. Er lässt uns Hörerinnen daran teilhaben wie er an seine Recherche herangeht: Man erfährt von Erfolgsmomenten und Rückschlägen und leidet mit, wenn Spuren im Sand verlaufen und sich Arbeitshypothesen in Luft auflösen.

Das ist ein entscheidender Unterschied zum klassischen Medienbericht, in dem der Journalist quasi unsichtbar ist. In dem ist das Wort «Ich» verpönt. Da schreibt der Journalist lieber von «wir» als von sich, oder von seinem Medium: «Der Angeschuldigte wollte gegenüber dieser Zeitung nicht Stellung nehmen.»

Das ist ein Paradigmenwechsel, der den Instinkten von gestandenen Journalisten widerstrebt. Das geht auch mir so: Ich schreibe hier im Blog zwar ungeniert von mir selbst. Doch in einem Artikel für die Zeitung bringe ich mich selbst nur dann ein, wenn es nicht anders geht: Wenn es eine Anekdote aus meinem Leben zu erzählen gibt, dann schreibe ich halt «ich». Wenn es eine andere Lösung gibt, dann ist mir diese Lösung lieber.

Diese Haltung spürt man auch beim «Hotspot»-Podcast. Die SRF-Leute fühlen sich ebenfalls nicht so richtig wohl in ihrer Haut, wenn sie der Held in ihrer Ich-Erzählung sein sollen. Das merkt man beim Mehrteiler «Dann kam Corona», der unter dem «Hotspot»-Label erscheint (hier die erste Folge). Darum tritt die Moderatorin Eliane Leiser nicht alleine als Erzählern auf, sondern zusammen mit SRF-Wissenschaftsredaktorin Katrin Zöfel.

Und ja, das funktioniert natürlich schon – Dialoge sind nicht verkehrt und beim Radio üblich: Dort beantworten Redaktoren ständig Fragen, die sie dem Moderator selbst in den Mund gelegt haben.

Doch meines Erachtens schwächt dieser Trick das erzählerische Potenzial des Podcasts. Keine der grossen Ich-Erzählungen in der Literatur kommt als Dialog daher – noch nicht einmal Old Shatterhand hat es Winnetou erlaubt, sich in seinen inneren Monolog einzumischen.

Diese Einschätzung zum Erzähler lässt sich gesamthaft auf den Podcast übertragen: Ich finde «Hotspot» interessant, aufschlussreich und handwerklich gut gemacht. Aber im Vergleich zu den Produktionen zum Beispiel von Wondery (der oder der hier) fährt SRF mit angezogener Handbremse. Die Informationsvermittlung hat Vorrang, nicht das Bestreben, die Möglichkeiten des Mediums Podcast auszuloten.

Fazit: «Hotspot» ist eine interessante Produktion – aber nicht der Beweis, dass SRF das Podast-Storytelling beherrscht. Dazu fehlt noch etwas Zweites: Die O-Töne in «Hotspot» stammen aus dem Archiv – und zwar vor allem aus den Radionachrichten und der «Tagesschau». Zu einem «richtigen» Podcast gehört jedoch die Perspektive des Reporters, nicht die des Redaktors. Ein heisser Kandidat ist aber Es geschah am – Postraub des Jahrhunderts. Mehr zu dem gibt es hier!

Beitragsbild: Hier ist vor Kurzem noch besagter Old Shatterhand durchgeritten (Cayetano Gil, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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