Hätten wir damals schon geahnt, was daraus werden würde

Vor gut zehn Jahren haben wir es zum ersten Mal mit der Gesichtserkennung zu tun bekommen. Heute gibt es Suchmaschinen, jedes beliebige Gesicht innert Sekunden in den Weiten des Web aufstöbern.

Ich bin ein Fan von Archiven – auch und gerade von meinem eigenen. Das schafft es immer wieder, mich aus dem Alltagsgeschäft herauszukatapultieren. Es bringt mich dazu, für einen Moment die Lupe beiseite zu legen und die Sache in einem grösseren Massstab zu betrachten. Ich finde Themen, die sich selbst überlebt haben – und solche, die es noch gibt, aber die einen anderen Stellenwert einnehmen.

Heute geht es um so einen Fall. Ich habe in meinem Archiv Screenshots von iPhoto 09 entdeckt. Das ist im Januar 2009 an der MacWorld in San Francisco vorgestellt worden. Die grosse Neuerung damals war die Gesichtserkennung. Ich habe die Software am 16. Februar 2009 im Beitrag «Bildprogramme entdecken das menschliche Gesicht» vorgestellt, zusammen mit Picasa und Magix Foto Manager, die beide nun ebenfalls Gesichter erkennen und die Fotos nach Personen sortieren konnten.

Ich habe die Gesichtserkennung von damals als mühsamen Prozess in Erinnerung. Das Programm hat ewig gerechnet und ständig nachgefragt, ob die Zuordnung denn auch stimmt. Meine Beurteilung damals:

Der automatische Erkennungsdienst funktioniert leidlich, wenn Gesichter frontal abgelichtet sind. Personen im Profil bleiben inkognito, ebenso Leute, die klein oder in Teilansichten abgebildet sind. Wunder darf man von der Software keine erwarten. Bei einer grösseren Bildersammlung alle Gesichter richtig zuzuordnen, gibt zu tun.

Doch die Vorteile lagen auf der Hand:

Aber es ist eine grosses Surplus, wenn in der Mediathek unter «Gesichter» die Bilder nach Personen sortiert erscheinen. Es ist dann auch möglich, nach Bildern zu suchen, auf denen Maria, Franz und René zu sehen sind, nicht aber Ramona.

Datenschutzbedenken gab es nicht, da die Gesichtserkennung in iPhoto lokal auf dem eigenen Computer stattfand. Bei Picasa 3 von Google war die Privatsphäre aber sehr wohl ein Thema:

Gesichter werden unter günstigen Umständen gut erkannt und auch der richtigen Person zugeordnet. Allerdings arbeitet die Gesichtserkennung nur mit Bildern, die als Webalbum zu Google hochgeladen wurden. Das ist ein gravierendes Manko, zumal viele Anwender sich scheuen, die ganze Fotosammlung zu Google hochzuladen.

Ja, ich bin es.

Erstaunlicherweise habe ich in keinem der Beiträge von damals Schlagworte wie künstliche Intelligenz oder maschinelles Lernen gefunden. Apple scheint sie nicht verwendet zu haben, und mein Eindruck aus heutiger Sicht ist, dass das mit Absicht geschah.

Man wollte die Anwender offensichtlich sachte an die neuen Möglichkeiten heranführen. Und das war natürlich einfacher, wenn die Gesichtserkennung als kleiner, iterativer Schritt dargestellt wird und nicht als Folge eines Durchbruchs bei einer Technologie, die zwar auch damals schon ein paar Jahrzehnte alt war. Das maschinelle Lernen war dabei, Massentauglichkeit zu erlangen. Für die Entwickler bei Apple und Google war das Potenzial sicherlich erkennbar. Doch der Welt musste man schonend beibringen, was da auf sie zukommen würde.

Das war eine kluge Entscheidung. Denn auch so gab es warnende Stimmen: Clever oder einfach nur gruselig? fragte «Technology Review» beispielsweise. Der Beitrag besprach die Funktionen bei Google und Apple im Kontext der Terrorbekämpfung:

Die Gesichtserkennung war eine jener brillanten, aber technisch fragwürdigen und ethisch heiklen Technologien zur Terrorismusbekämpfung, die nach den Anschlägen vom 11. September eingesetzt wurden. Die Idee war, Terroristen automatisch auszusortieren, wenn sie durch die Sicherheitskontrollpunkte gehen – nur ging das nicht so.

Es wird des Weiteren auf die Erkennungsrate hingewiesen, die damals relativ schlecht war (53 Prozent richtige Zuordnungen bei einem Test in Tampa). Erwähnt werden auch die Bedenken der Bürgerrechtsgruppen, die auf Probleme mit falsch-positiven Identifikationen hinweisen – die einen leicht zum Terroristen stempeln.

Im Artikel ist ebenfalls nicht von künstlicher Intelligenz die Rede. Ich nehme an, er wäre noch deutlich harscher ausgefallen, wenn Apple und Google angekündigt hätten: Übrigens, die Algorithmen können noch viel mehr! Das hier ist erst der Anfang!

Wer mich finden will, der findet mich auch – für die Links zu den Fundstellen benötigt man aber einen Premium-Account, der um die 16 Franken pro Monat kostet.

Und wie wir heute wissen, ergeben sich mit der Gesichtserkennung Probleme, über die wir noch nicht vollständig überblicken, und über die wir auch nicht ausreichend diskutieren.

Was ist beispielsweise von globalen Gesichts-Datenbanken zu halten, die wir von Clearview AI oder der neulich publik gewordenen PimEyes-Gesichtssuche kennen? Die Gesichtserkennung muss gesetzlich reguliert werden, finde ich.

Und ja: Die Gesichtserkennung aus iPhoto ist Kinderkram im Vergleich zu dem, was heute möglich ist. Mit Google Lens lassen sich die letzten Fotogeheimnisse enträtseln. Und wie PimEyes das Internet nach Bildern absucht, ist faszinierend und erschreckend zugleich. Die Resultate, hier mit einem meiner Portraitfotos, sprechen jedenfalls für sich.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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