Seelen-Geklempere mit Folgen

The Shrink next Door ist ein Podcast, wie ich ihn gerne höre (und sehr gerne selbst machen würde): Eine schräge Geschichte, gründlich erzählt und serial-mässig produziert: Mit Musik, O-Tönen, teils auch Schauspielern und unterhaltsam.

Anders als bei meiner letzten Empfehlung, Faking Hitler, ist hier kein Jahrhundertskandal das Thema. Auch kein ungeklärter Mord, desertierter Soldat oder angehender Salafist. Und schon gar keine beschissene Stadt in Alabama. Es geht um eine Angelegenheit, die einerseits alltäglich ist, nämlich um eine Beziehung zwischen zwei Männern.

Andererseits ist sie doch reichlich bizarr: Es geht um einen Psychiater und seinen Patienten. Und diese Beziehung sollte, müsste eigentlich eine professionelle sein. Doch das ist sie bei weitem nicht. Der Psychiater, Ike, beginnt, seinen Patienten Marty zu vereinnahmen. Er drängt sich in sein Leben, verdrängt dessen Familie und lässt es sich selbst dabei ganz gut gehen.

Und mehr Details sollen hier nicht verraten werden. Ausser vielleicht ein paar. Darum vorneweg die Empfehlung: Wer ein Flair für schräge Geschichten und menschliche Abgründe hat – und noch einen freien Slot in seiner Podcast-Heavy-Rotation –, der sollte ihn abonnieren. Es gibt hier den RSS-Feed und hier die Seite in iTunes. Das zeitliche Investment, das man leisten muss, ist überschaubar: Der Podcast ist auf sechs Folgen angelegt. Im Moment sind wir bei Folge drei – man kann also gut an einem Wochenende aufholen.

Erzählt wird die Geschichte von Joe Nocera, einem gestandenen Journalisten mit einer eigenen Wikipedia-Seite. Er ist persönlich in die Geschichte hineingeraten, weil die beiden Männer seine Nachbarn waren. Er hat ein Haus in den Hamptons, wo im Nachbarhaus ein Psychiater namens Dr. Isaac Steven Herschkopf alias Ike wohnte.

Dieses Anwesen war kein bescheidenes Ferienhaus, wie die meisten anderen Gebäude in der Strasse, sondern ein Anwesen: Mit Holzbrücke über dem Fischteich, Skelett im Wintertgarten, Gästehaus mit zwei Etagen, Statuen und Sonnenuhren, Pool, Basketballfeld, Tennisplatz und Miniatur-Golfplatz.

Ike kannte halb Hollywood. Er posierte mit Gwyneth Paltrow und O.J. Simpson und vielen anderen. Und ein paar dieser Fotos kann man sich bei Bloomberg ansehen, wo der Podcast veröffentlicht wurde.

Ike feierte auch gerne extravagante Partys und veranstaltete Einladungen, wo er Monologe über sich selbst schwang. Und er beschäftigte einen Haushälter namens Marty Markowitz, der auch Botengänge zu erledigen hatte. Marty lud Nocera und seine Frau zur traditionellen Party am Ende der Sommersaison ein, wo sie die Gelegenheit hatten, Ike hautnah zu erleben.

Nur war Marty gar nicht der Hausmeister. Er war der Besitzer des Hauses und Ike sein Bekannter. Der hatte sich so breit gemacht, wie unsereins sich das nicht getrauen würde. Er hatte seinen Namen am Briefkasten und Klingelschild angebracht und dem Anwesen seine persönliche Note verpasst. Was heisst «verpasst»? Er hatte es assimiliert, so wie es die Borg-Königin getan hätte.

Doch Ike hat nicht nur das Anwesen von Marty vereinnahmt, sondern auch dessen Unternehmen, seine Finanzen und überhaupt alles. Joe Nocera hat das akribisch aufgearbeitet, mit über 60 Stunden Interviews, vielen Dokumenten von Banken und Anwälten, Heimvideos und Party-Gästelisten. Und mit diesem Material geht er der Frage nach, wie es passieren kann, dass ein Mensch, Psychiater oder nicht, einen derart grossen Einfluss über einen anderen gewinnen kann? Welche Methoden wendet er an? Und wozu soll das überhaupt gut sein?

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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