Wie man Sony blamiert und Hunderte Millionen Dollar kassiert

Der Podcast «The Lazarus heist» der BBC hat alles, was man sich von einer rasanten True-Crime-Erzählung erhofft: Einen gewichtigen Bösewicht, Verwicklungen in die Wirtschaft und Politik und ambitionierte Cyberhacker, die einen Milliarden-Coup wagen.

The Lazarus heist (RSS, iTunes, Spotify, Google) ist ein Podcast, den ich sowohl aus professionellem Interesse als auch mit privatem Vergnügen anhöre. Er setzt beim epischen Hack an, von dem 2014 das Filmstudio Sony Pictures betroffen war.

Wir erinnern uns sicher noch: Die Eindringlinge konnten schalten und walten, wie sie wollten. Es gab nichts, was ihnen verborgen geblieben ist, keine Firmengeheimnisse, an die sie nicht herangelangt wären

Die Hacker – «Guardians of Peace» oder Lazarus-Gruppe genannt –  zogen noch nicht veröffentlichte Filme ab, brachten interne Mails in ihren Besitz, eigneten sich die Personalakten des Managements und der  Mitarbeiter an, inklusive Sozialversicherungsnummern, Höhe des Gehaltschecks und medizinische Vorgeschichten. Und sie wussten sogar über die Gagen der engagierten Schauspieler Bescheid. „Wie man Sony blamiert und Hunderte Millionen Dollar kassiert“ weiterlesen

Der Krimi-Podcast, den man zu Bildungszwecken hört

«Verbrechen» von «Die Zeit» gehört zu den führenden Podcasts zu wahren Verbrechen im deutschsprachigen Raum. Nicht zu Unrecht – weil die starken Erzählungen auch ohne formale Sperenzchen wirken.

Hier im Blog habe ich immer mal wieder Podcasts zu wahren Verbrechen vorgestellt, zum Beispiel hier zum Schweizer Jahrhundert-Postraub oder hier zur epischen Aufarbeitung des Verschwindens einer Frau aus dem US-Bundesstaat Utah. Aber natürlich hat alles mit der Besprechung von «Serial» begonnen: Das ist die Mutter aller True-Crime-Podcasts, die stilbildend für den modernen Podcast war.

Leichen, auf dem Silbertablett serviert.

Es ist somit unvermeidlich, auf den folgenden Podcast einzugehen. Es handelt sich in meiner Wahrnehmung um den wichtigsten Podcast aus dem deutschsprachigen Raum, in dem wahre Verbrechen aufgearbeitet werden.

Er heisst schlicht Verbrechen, stammt von der deutschen Wochenzeitung Die Zeit und existiert seit April 2018. Zu finden ist er bei iTunes und bei Spotify, den RSS-Feed gibt es hier.

Ich muss zugeben, dass ich erst etwas enttäuscht war. Ich hatte eine Produktion nach dem Vorbild von «Serial» erwartet, mit einer aufwändig inszenierten Erzählung, O-Tönen, Atmosphäre und Musik – und einer wilden Aufklärungsjagd, bei der man als Hörer annähernd live mit dabei ist.

Stattdessen erwartet einen eine Situation, wie man sie von Laberpodcasts her kennt: „Der Krimi-Podcast, den man zu Bildungszwecken hört“ weiterlesen

Statt ein guter hätte das ein hervorragender Podcast werden können

Teil zwei meiner grossen SRF-Podcast-Kritik: Die verpassten Chancen bei «Es geschah am – Postraub des Jahrhunderts».

Im Beitrag Was SRF von Old Shatterhand hätte lernen sollen ging es darum, dass sich SRF redlich bemüht, uns Podcast-Fans authentisches Hörfutter zu liefern – Produktionen, die nicht bloss abgefüllte Radiosendungen sind, sondern auch formal Neuland betreten.

Man nennt das auf Neudeutsch gerne Storytelling. Und weil ich mich jedes Mal schmutzig und unwürdig fühle, wenn ich diesen Begriff in den Mund nehme oder in meine Tastatur tippe, ist an dieser Stelle keine kleine Tirade unumgänglich. Also, bringen wir die schnell hinter uns:

Storytelling ist ein absoluter Bullshit-Begriff. Er zeigt vor allem, wie sehr wir uns nach wie vor von englischen Wörtern beeindrucken lassen. Wikipedia begründet das Phänomen mit der «Vorherrschaft der englischen Sprache in Wirtschaft, Wissenschaft, Popmusik und Informatik». „Statt ein guter hätte das ein hervorragender Podcast werden können“ weiterlesen

Das Podcast-Echo von #MeToo

Die beiden Podcasts «The Mysterious Mr. Epstein» und «Chasing Cosby» erzählen beide, wie zwei skrupellose Männer ihre Macht und ihr Ansehen brauchen, um Dutzende Frauen zu missbrauchen. Es gibt auch einen Unterschied: Der erste Podcast stellt den Täter ins Zentrum, der zweite die Opfer.

Dieser Tage könnte man den Eindruck bekommen, dass die Menschheit an Ort und Stelle tritt oder sogar einen Rückwärtssalto in die Voraufklärung macht. Aber manche Dinge werden auch besser – und da zähle ich die #MeToo-Bewegung dazu. Und den Umstand, dass mächtige Männer, die während Jahren und Jahrzehnten Frauen für ihre eigenen Zwecke missbrauchten, zu Objekten degradierten und vergewaltigten, nicht mehr davonkommen.

Zwei Fälle – und zwei Podcasts, die sie aufrollen.

Er hielt sich für unantastbar.

Erstens The Mysterious Mr. Epstein (RSS, iTunes, Spotify): In sechs Folgen rollt Journalist Lindsay Graham die unfassbare Lebensgeschichte von Jeffrey Epstein auf.

Der Podcast erzählt den sagenhaften Aufstieg zum Finanzmogul und Milliardär: Wie Epstein zu einem Mann wird, der mit den Mächtigen per Du ist und nicht nur Präsident Clinton, sondern auch Donald Trump, Prinz Andrew oder Bill Gates kennt, trifft und umgarnt.  Und der sich junge Frauen und minderjährige Mädchen routinemässig zuführen lässt, um sie sexuell zu missbrauchen.

Die Stärke dieses Podcasts ist, dass er die Ungeheuerlichkeiten nüchtern, aber nicht ohne Empathie erzählt – und sich mit moralischer Entrüstung zurückhält. Die ist nämlich schlicht nicht nötig, weil die Fakten alleine empörend genug sind. „Das Podcast-Echo von #MeToo“ weiterlesen

War ers oder war ers nicht?

Im Podcast «Cold» wird das Verschwinden einer Frau aus Utah akribisch nachgezeichnet. Und obwohl Journalist Dave Cawley nichts unversucht lässt und klare Verdachtsmomente herausarbeitet, bleibt der Verbleib von Susan Powell auch am Ende der letzten Folge ungeklärt.

Es ist unverkennbar: Der Podcast hat es geschafft, zu einem eigenen, ernsthaften Medium zu werden – und er hat seine eigene Sprache gefunden. Er ist nicht mehr bloss Radio in Konservenform oder ein im Netz veröffentlichtes Stammtischgespräch. Er verwendet zwar bekannte Versatzstücke – doch auf eine eigenständige, glaubwürdige Weise.

Ich komme zu diesem Schluss, weil ich in letzter Zeit immer wieder Produktionen begegne, die das leisten, was nur ein Podcast zu leisten vermag. Sie sind kein  Radiofeature, keine Fernsehdokumentation ohne Bild und kein Hörspiel. Sondern eine Audio-Erzählung, bei der die Stimme des Erzähler im Zentrum eines dichten Geflechts aus Gesprächen, O-Tönen, Atmo und Musik steht. Die Geschichte beruht auf Tatsachen, doch die Präsentation erinnert an eine Abenteuergeschichte, die der Erzähler nun brühwarm am Lagerfeuer zum Besten gibt.

Auch Nebenaspekte werden ausführlichst beleuchtet

Der Podcast hat keine Angst, in die Tiefe zu gehen, Details auszuwalzen und auch Nebenaspekte in extenso zu beleuchten. „War ers oder war ers nicht?“ weiterlesen

Per Podcast in die Mörderseele blicken

Im Podcast «Man in the Window» berichtet die investigative Journalistin Paige St. John akribisch über die Ermittlungen im Fall des «Golden State Killers», der erst nach Jahrzehnten aufgeklärt werden konnte – und damit so etwas wie ein exemplarischer «Cold Case» ist.

Es gibt diesen Medientrend, den man im Satz «Krimis sind gut, aber echte Kriminalfälle sind besser» zusammenfassen könnte. Er nennt sich True Crime und kommt natürlich aus den USA. Ich habe neulich das Sachbuch «Chase Darkness with Me» zu diesem Thema vorgestellt (Crowdsourcing bei der Verbrechensbekämpfung). Heute habe ich eine dazu passende Podcast-Empfehlung.

In Man in the Window (RSS, Spotify, Itunes) wird der Fall des Golden State Killers aufgerollt. Das ist einer der spektakulärsten Serien-Verbrecher aus Kalifornien, der seine Taten vor Jahrzehnten verübte. Joseph James DeAngelo hat zwischen 1974 und 1986 Einbrüche verübt, Vergewaltigungen begangen und zuletzt auch gemordet.

Eine lange Liste von Verbrechen

13 Morde, fünfzig Vergewaltigungen und hundert Einbrüche waren all die Jahre unaufgeklärt, sogenannte «Cold Cases» – die aber manche Leute nicht losgelassen haben. „Per Podcast in die Mörderseele blicken“ weiterlesen

Crowdsourcing bei der Verbrechensbekämpfung

In Zeiten von sozialen Medien kann jeder zum Privatermittler werden. Wie mans angeht, erklärt Billy Jensen im eindrücklichen Buch «Chase Darkness with Me».

Kürzlich hat sich das Buch Chase Darkness with Me in meine Audible-App verirrt. Ich sage «verirrt», weil das ein untypisches Buch ist, was meine Hörbuch-Hörgewohnheiten angeht. Da entscheide ich mich eher selten für Sachbücher. Und wenn, dann für «harte» Themen. Mit «hart» meine ich Politik, Wissenschaft und im weiteren Sinn Gebiete, bei denen man beim Hören auch etwas lernt. Das Buch von Billy Jensen ist jedoch im Unterhaltungsbereich angesiedelt. Zumindest in meiner Wahrnehmung – der Autor würde dieser Einschätzung wahrscheinlich widersprechen.

Also, es geht in dem Buch um True Crime. Das ist ein Genre, das in den letzten Jahren viel Auftrieb erhalten hat. Schuld daran ist auch Netflix mit Serien wie Making a Murderer, American Crime Story oder Conversations with a Killer: The Ted Bundy Tapes. Und natürlich gibt es auch viele TV-Shows aus dem Bereich, zum Beispiel Crime Watch Daily, für die der Autor des Buchs auch arbeitet.

Der Autor: Besessen

Billy Jensen ist, man kann es nicht anders sagen, ein Besessener: Er will nicht nur über die Kriminalität berichten. Nein, er will dort Erfolge erzielen, wo die Polizei versagt hat und die Täter davongekommen sind. Dazu verwendet er auf recht klevere Weise die sozialen Medien: „Crowdsourcing bei der Verbrechensbekämpfung“ weiterlesen

Seelen-Geklempere mit Folgen

«The Shrink next Door» ist ein Podcast über den Psychiater Ike, der nichts von professioneller Distanz zu seinen Patienten hält. Man kann sich nicht ausdenken, wohin das führt.

The Shrink next Door ist ein Podcast, wie ich ihn gerne höre (und sehr gerne selbst machen würde): Eine schräge Geschichte, gründlich erzählt und serial-mässig produziert: Mit Musik, O-Tönen, teils auch Schauspielern und unterhaltsam.

Anders als bei meiner letzten Empfehlung, Faking Hitler, ist hier kein Jahrhundertskandal das Thema. Auch kein ungeklärter Mord, desertierter Soldat oder angehender Salafist. Und schon gar keine beschissene Stadt in Alabama. Es geht um eine Angelegenheit, die einerseits alltäglich ist, nämlich um eine Beziehung zwischen zwei Männern.

Der Psychiater Ike müsste selbst mal zum Shrink

Andererseits ist sie doch reichlich bizarr: Es geht um einen Psychiater und seinen Patienten. Und diese Beziehung sollte, müsste eigentlich eine professionelle sein. Doch das ist sie bei weitem nicht. Der Psychiater, Ike, beginnt, seinen Patienten Marty zu vereinnahmen. Er drängt sich in sein Leben, verdrängt dessen Familie und lässt es sich selbst dabei ganz gut gehen.
„Seelen-Geklempere mit Folgen“ weiterlesen

Zwei weitere Serialtäter

«Revisionist History» und «Love me» sind zwei Podcasts, die die aus «Serial» bekannte Erzählweise auf neue Themengebiete ausweiten.

«Serial» ist der Podcast, der uns allen vor Ohren geführt hat, dass Podcasts sich nicht in mehr oder minder geistvollen Laberrunden erschöpfen müssen. Sondern auch als ernsthafte journalistische Disziplin funktionieren – als Longform, quasi. «Serial» hat wie schon früher berichtet Nachahmungstäter auf den Plan gerufen. Und nebst den direkten Kopisten – wobei ich das Wort jetzt nicht so negativ meine, wie es klingt – gibt es auch diverse Produktionen, die sich in Stil und Form an dem grossen Vorbild orientieren.

Wie gesellschaftliche Zustände zementiert werden, gerade wenn sie überwunden scheinen. (Bild: «4-2» von Cameron Nordholm/Flickr.com, CC BY 2.0)

Letzte Woche sind mir gleich zwei solcher Podcasts begegnet. Sie unterscheiden sich von «Serial», indem sie nicht im eigentlichen Sinn eine Geschichte über mehrere Episoden erzählen. Sie ähneln «Serial» aber, indem sie Musik pointiert einsetzen: Simple, eingängige Melodien, die als erzählerisches Stilmittel funktioniert, fast so wie die Musik im Film. Und sie sind collageartig konstruiert, indem zwischen die Erzählpassagen Soundbites und längere O-Töne eingeflochten sind, ohne dass deren Herkunft und Relevanz immer gleich aufgelöst wird, wie man das im traditionellen Journalismus tun müsste.

Revisionist History

Der kanadische Journalist Malcolm Gladwell rollt in diesem Podcast kleine und grosse historische Ereignisse auf und interpretiert sie neu; «The Guardian» hat darüber berichtet. „Zwei weitere Serialtäter“ weiterlesen

Ein weiterer ungeklärter Mord

Zwei Podcast-Tipps: Die zweite Staffel des legendären «Serial»-Podcasts zum Verschwinden des in Afghanistan stationierten US-Sergeants Bowe Bergdahl und die Produktion «Wer hat Burak erschossen?» des Berliner RBB zum Mord am türkischstämmigen Deutschen Burak Bektaş.

«Serial» hat seinerzeit in der Podcast-Welt Wellen geworfen (siehe hier und hier). Die Podcast-Reihe, die eine Geschichte in mehreren, kontinuierlich recherchierten Folgen erzählt, ist im Moment in der zweiten Staffel.

Es geht in dieser zweiten Staffel um das scheinbar unerklärliche Verschwinden des US-Sergeants Bowe Bergdahl, der unter dubiosen Umständen in die Gefangenschaft der Taliban geriet und fünf Jahre in Afghanistan und Pakistan ausharren musste. Die neueste Folge (5 O’Clock Shadow) hat mich an meine Rekrutenzeit erinnert, obwohl ich zugegeben nie in Afghanistan war. Aber dieses Disziplingetue in Situationen, wo es absolut sinnlos ist – da wäre ich auch davongelaufen.

Warum nur?

Ende letzten Jahres hat der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) dieses Format aufgegriffen und in seiner neunteiligen Recherche «Wer hat Burak erschossen?» versucht, dem bislang ungeklärten Mord am türkischstämmigen Jugendlichen Burak Bektaş auf den Grund zu kommen. Burak wurde 2012 auf offener Strasse erschossen, wobei auch zwei seiner Freunde verletzt wurden. Ein Motiv für die Tat hat die Polizei bislang nicht entdecken können. Ebensowenig wie einen Tatverdächtigen oder überzeugende Anhaltspunkte. Auch die Süddeutsche hat im letzten Jahr über den Fall berichtet. „Ein weiterer ungeklärter Mord“ weiterlesen