Die Longform als Podcast

Ein neues Journalismus-Säuli, das gerade durch die Städte und Dörfer getrieben wird, ist die Longform. Das sind Prestige-Projekte, die zeigen, was möglich wäre, wenn man Zeit hätte. Als multimediales Feuerwerk sind sie die Gegenthese zur Behauptung, dass heute nur noch das zählt, was schnell geschrieben ist und viele Klicks bringt. In gewisser Weise ist es auch ein Beleg für diese These – weil die «Shortforms» im Kontrast umso deutlicher als journalistischen Schnellschüsse hervorstechen.

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Eine sehr schöne Longform heisst The Secret Life of Passwords. Ian Urbina hat sie im Magazin der «New York Times» veröffentlicht und hier darüber gesprochen. Eine Art sehr langer Longform ist auch das Projekt Serial von Sarah Koenig und This American Life.

Wahrer Mord an einer Highschool in Baltimore
Die FAZ nannte es «den Überraschungserfolg dieses Jahres» (gemeint ist 2014), und ich konnte auch nicht anders, als die zwölf Folgen in einem Schnurz wegzuhören. Der Podcast erzählt die Geschichte einer Highschool-Studentin aus Baltimore. Hae Min Lee verschwindet und wird von einem Mann, der nur mal schnell im Leakin-Park die Blase erleichtern wollte, erdrosselt aufgefunden. Ins Visier gerät ihr Exfreund Adnan Syed, der von seinem Freund Jay schwer belastet wird – er soll ihm nämlich bei der Beseitigung der Leiche geholfen haben. Syed wird verurteilt und sitzt heute im Gefängnis. Obwohl nicht alle von seiner Schuld überzeugt sind.

In der ersten Folge wird Koenig auf den Fall aufmerksam gemacht. Sie beisst an, denn zu viele Ungereimtheiten tun sich auf: Die Chronologie des Falls, so wie sie vor Gericht verhandelt wurde, stützt sich vor allem auf die Handyanrufe, die sich über die Handymasten mehr schlecht als recht haben orten lassen. Diese Chronologie passt aber nicht zu der Geschichte, wie sie Jay erzählt – der wiederum bei jeder Vernehmung neue Varianten in Umlauf bringt. Adnan Syed wiederum ist eine charismatische Figur, die sich von seinen Freunden als gewinnend und charismatisch beschrieben wird, die allerdings in seiner Moschee offenbar mehrfach in den Spendentopf gegriffen hat. Und an den Tag, an dem Hae Min Lee verschwand, kann er sich justament nicht mehr erinnern.

Audio-Collage mit Hörspielqualitäten
Koenig erzählt nun die Geschichte des Falls – und die Geschichte ihrer Recherche, mit der sie ihn während eines Jahres neu aufgerollt hat. Sie befragt Zeugen, telefoniert immer wieder mit Syed im Gefängnis – insgesamt mehr als 30 Stunden. Sie befragt Experten, überprüft die Ermittlungsarbeit der Polizisten und erzählt auch immer wieder, wie sie gefühlsmässig zwischen dem Glaube an Syeds Unschuld und den nagenden Zweifeln hin und her pendelt. Und sie macht verständlich, dass das wahre Leben kein CSI-Fall ist. Da bleiben wichtige Spuren unanalysiert und viele Fragen unklärt – wie zum Beispiel die, ob es beim Best Buy in Baltimore nun eine Telefonkabine gab oder nicht. Da soll, auf dem Parkplatz, der Mord stattgefunden haben. Oder auch nicht. Denn die Polizei ermittelt so lange, bis sie das zusammen hat, was ein verhandelbarer Fall sein könnte. Mehr aber auch nicht…

«Serial» hat für einen Podcast einen untypisch hohen Produktionswert. Es gibt viele O-Tone und Interviewschnipsel, und sogar eine eigene Themenmusik wurde komponiert. Mit der Stimme von Koenig, die eine begnadete Erzählerin ist, entsteht eine Collage mit Hörspielqualitäten, die allerdings – und so viel sei verraten – kein Happy-End hat.

Den Podcast gibt es bei iTunes oder hier; auf der Website finden sich Dokumentationen zum Fall; besonders nützlich ist die People Map. Und: Serial soll fortgesetzt werden – wie und mit welcher Geschichte, werden wir aber abwarten müssen.

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

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