Das Podcast-Echo von #MeToo

Die beiden Podcasts «The Mysterious Mr. Epstein» und «Chasing Cosby» erzählen beide, wie zwei skrupellose Männer ihre Macht und ihr Ansehen brauchen, um Dutzende Frauen zu missbrauchen. Es gibt auch einen Unterschied: Der erste Podcast stellt den Täter ins Zentrum, der zweite die Opfer.

Dieser Tage könnte man den Eindruck bekommen, dass die Menschheit an Ort und Stelle tritt oder sogar einen Rückwärtssalto in die Voraufklärung macht. Aber manche Dinge werden auch besser – und da zähle ich die #MeToo-Bewegung dazu. Und den Umstand, dass mächtige Männer, die während Jahren und Jahrzehnten Frauen für ihre eigenen Zwecke missbrauchten, zu Objekten degradierten und vergewaltigten, nicht mehr davonkommen.

Zwei Fälle – und zwei Podcasts, die sie aufrollen.

Er hielt sich für unantastbar.

Erstens The Mysterious Mr. Epstein (RSS, iTunes, Spotify): In sechs Folgen rollt Journalist Lindsay Graham die unfassbare Lebensgeschichte von Jeffrey Epstein auf.

Der Podcast erzählt den sagenhaften Aufstieg zum Finanzmogul und Milliardär: Wie Epstein zu einem Mann wird, der mit den Mächtigen per Du ist und nicht nur Präsident Clinton, sondern auch Donald Trump, Prinz Andrew oder Bill Gates kennt, trifft und umgarnt.  Und der sich junge Frauen und minderjährige Mädchen routinemässig zuführen lässt, um sie sexuell zu missbrauchen.

Die Stärke dieses Podcasts ist, dass er die Ungeheuerlichkeiten nüchtern, aber nicht ohne Empathie erzählt – und sich mit moralischer Entrüstung zurückhält. Die ist nämlich schlicht nicht nötig, weil die Fakten alleine empörend genug sind. „Das Podcast-Echo von #MeToo“ weiterlesen

Von Einhörnern und Geschäftskriegern

David Brown ist ein Journalist, der seine Sporen beim NPR abverdient und nebenbei auch ein Anwaltspatent hat. Er hat beim Wondery-Podcast-Netzwerk, das hier auch schon Thema war, zwei bemerkenswerte Podcasts.

Einer wird gewinnen.

Erstens Business Wars (RSS, Spotify, iTunes): Hier geht es, wie der Name sagt, um die Kämpfe in der Geschäftswelt. Die werden oftmals mit harten Bandagen ausgefochten, was man zum Beispiel im Fall Netflix gegen Blockbuster vor Augen geführt bekommt. Hier gibt es alles, was man sich für einen spannenden Krimi wünscht: Werkspionage, geltungssüchtige Risikokapitalgeber, unfähige und arrogante CEOs, ein technisches Wunderkind (Reed Hastings) und allerlei Irrungen und Wirrungen.

David Brown geht noch vielen anderen ikonischen Rivalen-Pärchen nach: Nintendo gegen Sony, Boeing gegen Airbus, Ford gegen Chevrolet, Hershey gegen Mars oder Facebook gegen Snapchat.

Natürlich ist dieser Podcast zwischendurch zu Amerika-zentristisch. „Von Einhörnern und Geschäftskriegern“ weiterlesen

Das Revival des Hörspiels

Blood Ties – zu Deutsch: Blutsbande.

Der Auslöser für diesen Blogpost ist der Podcast Blood Ties (RSS, iTunes, Spotify). Er erzählt, wie Eleonore und Michael Richland in die Bredouille geraten, nachdem die Eltern der beiden mit einem Flugzeug abgestürzt sind. Die Mutter ist tot, der Vater verschwunden. Und nicht nur das: Es ruft auch noch eine Reporterin an, die sagt, sie hätte belastende Informationen über den Vater Richland, einen Kardiologen von Weltruhm.

Der Podcast selbst ist ganz unterhaltsam, aber kein Meilenstein in der Podcastgeschichte. Zumindest inhaltlich nicht: Die Handlung ist ein locker-flockiges Gemisch aus Familiengeheimnissen, einer Verschwörung und #MeToo. Die etwas naive Hauptfigur, Eleonore Richland, muss erkennen, dass ihr Vater nicht der war, als den sie ihn kannte. Und auch ihr Bruder kommt reichlich schräg rüber.

Was ich allerdings bemerkenswert finde: Es handelt sich hier um einen Podcast mit fiktionalem Inhalt. «Blood Ties» ist ein klassisches Hörspiel. Diese Geschichte wäre früher im Radio ausgestrahlt worden. Selbst die Länge von um die 20 Minuten pro Folge würde passen.

Ich habe mich daraufhin gefragt, wie es eigentlich um das Hörspiel bestellt ist. „Das Revival des Hörspiels“ weiterlesen

Per Podcast in die Mörderseele blicken

Im Podcast «Man in the Window» berichtet die investigative Journalistin Paige St. John akribisch über die Ermittlungen im Fall des «Golden State Killers», der erst nach Jahrzehnten aufgeklärt werden konnte – und damit so etwas wie ein exemplarischer «Cold Case» ist.

Es gibt diesen Medientrend, den man im Satz «Krimis sind gut, aber echte Kriminalfälle sind besser» zusammenfassen könnte. Er nennt sich True Crime und kommt natürlich aus den USA. Ich habe neulich das Sachbuch «Chase Darkness with Me» zu diesem Thema vorgestellt (Crowdsourcing bei der Verbrechensbekämpfung). Heute habe ich eine dazu passende Podcast-Empfehlung.

In Man in the Window (RSS, Spotify, Itunes) wird der Fall des Golden State Killers aufgerollt. Das ist einer der spektakulärsten Serien-Verbrecher aus Kalifornien, der seine Taten vor Jahrzehnten verübte. Joseph James DeAngelo hat zwischen 1974 und 1986 Einbrüche verübt, Vergewaltigungen begangen und zuletzt auch gemordet.

Eine lange Liste von Verbrechen

13 Morde, fünfzig Vergewaltigungen und hundert Einbrüche waren all die Jahre unaufgeklärt, sogenannte «Cold Cases» – die aber manche Leute nicht losgelassen haben. „Per Podcast in die Mörderseele blicken“ weiterlesen

Seelen-Geklempere mit Folgen

«The Shrink next Door» ist ein Podcast über den Psychiater Ike, der nichts von professioneller Distanz zu seinen Patienten hält. Man kann sich nicht ausdenken, wohin das führt.

The Shrink next Door ist ein Podcast, wie ich ihn gerne höre (und sehr gerne selbst machen würde): Eine schräge Geschichte, gründlich erzählt und serial-mässig produziert: Mit Musik, O-Tönen, teils auch Schauspielern und unterhaltsam.

Anders als bei meiner letzten Empfehlung, Faking Hitler, ist hier kein Jahrhundertskandal das Thema. Auch kein ungeklärter Mord, desertierter Soldat oder angehender Salafist. Und schon gar keine beschissene Stadt in Alabama. Es geht um eine Angelegenheit, die einerseits alltäglich ist, nämlich um eine Beziehung zwischen zwei Männern.

Der Psychiater Ike müsste selbst mal zum Shrink

Andererseits ist sie doch reichlich bizarr: Es geht um einen Psychiater und seinen Patienten. Und diese Beziehung sollte, müsste eigentlich eine professionelle sein. Doch das ist sie bei weitem nicht. Der Psychiater, Ike, beginnt, seinen Patienten Marty zu vereinnahmen. Er drängt sich in sein Leben, verdrängt dessen Familie und lässt es sich selbst dabei ganz gut gehen.
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