Zeit, dass sich was dreht

Sich mal als Risikokapitalgeber fühlen? Dank Crowdfunding weder für Hinz noch für Kunz ein Problem. Man sucht sich ein nettes Projekt, gibt ein paar Franken und kann sich dann damit brüsten, etwas für die Wirtschaft und für die Startup-Szene getan zu haben. Und ganz nebenbei zeigt man den Banken eine lange Nase. Die haben zwar das Geld, doch sie würden den Teufel tun, es aufstrebenden Jungunternehmern anzuvertrauen. Darum springen wir als Schwarmfinanzierer in die Lücke und machen jene Produkte möglich, von denen wir finden, dass die Welt sie braucht.

Ich habe es wieder einmal gewagt, trotz meines mehr als betrüblichen Leistungsausweises. Die meisten Projekte, die ich unterstütze, sind gescheitert oder noch Jahre später in der Schwebe. Doch heute darf ich von einem erfolgreichen Projekt berichten.

Das ist der Pivo Pod: Das ist eine Stativhalterung fürs Smartphone. So weit, so unspektakulär. Der Clou ist, dass sie sich auch noch um die eigene Achse drehen kann. Das ermöglicht eine Reihe von Spezialtricks:

  • Der Pivo Pod kann eine Person automatisch in der Mitte des Aufnahmefelds halten und sie nachverfolgen, während sie sich innerhalb eines 360°-Aufnahmeradius frei bewegt.
  • Auch Objekte können nachverfolgt werden.
  • Der Adapter hilft bei aus Einzelaufnahmen zusammengefügten Panoramas. Er bewegt die Kamera automatisch so weiter, dass die Aufnahmen exakt aneinanderpassen.
  • Wenn man sich oder andere Personen oder Objekte bei jeder Aufnahme ins Bild stellt, entsteht ein Panorama, in dem eine Vervielfältigung stattfindet. Das nennt sich Multiple me, und unten gibt es ein Beispiel dafür.
  • Die Kamera schenkt zwischen zwei Punkten hin- und her. Zum Beispiel, um einen Dialog zwischen zwei Personen auf eine dramatische Weise zu inszenieren. Natürlich auch sehr gut in Kombination mit einer zweiten Kamera verwendbar, bei der die zweite Kamera eine Totale aufnimmt und man die Möglichkeit hat, auf Grossaufnahmen der Einzelpersonen zu schneiden, ohne dass man einen Kameramann benötigen würde.
  • Für eine Zeitraffer-Aufnahme mit Bewegung kann sich der Pivo Pod auch sehr langsam um die eigene Achse drehen.

Der Pivo Pod darf auch dazu verwendet werden, nicht die Kamera, sondern ein Objekt zu drehen. Im Turntable-Modus zeigt sich ein Gegenstand von allen Seiten. Es gibt den Pivo Pod auch mit der passenden Lichtbox. Damit ist man gerüstet für Produktfotografie und -videos.

Das gibt es für 79 US-Dollar: Den Pod, die Fernbedienung und einen zweiten Adapter, alles in einem schicken Täschchen.

Dieses Gadget eröffnet ein weites Feld für kreative Spielereien. Allein deswegen war er mir den Preis von 79 US-Dollar wert. Dafür gab es während der Kickstarter-Kampagne den Pod selbst, die Fernbedienung und einen zweiten Smartphone-Adapter mit Stativgewinde. Wozu man den benutzen könnte, erkläre ich gleich.

Die zweite Frage ist nun natürlich, ob der Pivo Pod eine Spielerei ist und bleibt, oder ob man ihn auch mit semiprofessionellen Ansprüchen einsetzen kann. Sprich: Ermöglicht er Leuten wie mir, die mit günstigem Equipment aus dem Consumerbereich Videos mit einem annähernd professionellen Qualitätsanspruch produzieren wollen, mehr Spielraum für interessante und überraschende Kameraperspektiven?

Die Frage kann ich natürlich nicht allgemeingültig, sondern nur für mich beantworten: your mileage may vary, wie der Engländer sagt. Ich habe bislang kein Projekt durchgezogen, bei dem ich den Pivo Pod ernsthaft verwendet hätte – dazu muss sich erst die Gelegenheit ergeben. Doch falls sich dann besonders positive oder negative Erkenntnisse ergeben, komme ich gerne in einem Blogpost darauf zurück.

Der Pivo Pod kann auch die Spiegelreflex-Kamera um die eigene Achse drehen.

Ich habe aber ausprobiert, ob ich den Pivo Pod nicht nur mit dem Smartphone, sondern auch mit der Spiegelreflexkamera und dem Camcorder verwenden lässt. Man kann die Halterung fürs Smartphone nämlich vom Pivo Pod abschrauben. Er hat oben eine normale Stativschraube, auf die man eine beliebige Kamera mit Stativgewinde setzt.

Denn auch wenn das durchschnittliche Smartphone von heute bessere Qualität liefert als eine fünfzehn Jahre alte Profi-Kamera, so hat man schlicht mehr Flexibilität und Einsatzmöglichkeiten, wenn man alle seine Gerätschaften verwenden kann; auch die aus dem semiprofessionellen Segment.

Der «Many-Me»-Effekt. Wenn man sich selbst fotografiert, muss man leider die schlechte Selfie-Kamera verwenden. Trotzdem: Das Panorama ist perfekt gestitcht.

Und das sind meine Erkenntnisse bis jetzt:

Die Spiegelreflexkamera (meine Nikon D7000) macht sich ganz gut auf den Pivo Pod, wie obiges Bild zeigt. Mit diesem Setup lassen sich mittels Intervaltimer Zeitraffer-Aufnahmen mit Bewegung machen. Den Punkt Intervallaufnahme findet man bei der D7000 übrigens im Aufnahmemenü.

Bezüglich Gewicht bewegt sich diese Spiegelreflexkamera jedoch am oberen Limit: Wenn man sie nicht komplett waagrecht aufsetzt, dann ist der Motor nicht in der Lage, sie in Position zu halten. Genau austariert, klappt es aber. Es liegt aber auf der Hand, dass man mit einer schweren Kamera nur ein leichtes Objektiv verwenden soll: Mit meiner 50-Millimeter Festbrennweite ist die DSLR dem Pivo Pod aber zuzumuten. Wichtig (und eigentlich selbstverständlich ist), dass man den Tragegurt aufrollt, damit der sich nirgends verhakt.

Auch mit dem Sony Camcorder (Eine patente Kamera) kann man den kleinen Drehadapter kombinieren. Allerdings ist auch das nicht die perfekte Kombination: Schnelle Schwenks werden etwas ruckelig. Mit langsamen Drehungen, zum Beispiel bei einer Zeitraffer-Aufnahme, sollte es funktionieren.

Die Nikon kommt mit Objektiv auf ein Gewicht von 1109 Gramm, der Sony-Camcorder auf 881 Gramm. In den Spezifikationen wird als maximale Last 1 Kilogramm angegeben. Mit der Spiegelreflexkamera ist der Adapter deutlich überladen. Die Sony-Kamera bewegt sich unter dem Limit, doch da das Stativgewinde nicht direkt beim Schwerpunkt sitzt, ist sie auch nicht ideal.

Die Aufnahmemodi in der Pivo-App.

Mit einer leichteren Kompaktkamera oder einer GoPro hätte man mehr Spielraum. Und das würde noch eine wirklich spannende Möglichkeit eröffnen:

Falls die Kamera einen Blitzschuh hat, könnte man mit dem passenden Aufsteckfuss mit Stativschraube (hier bei Amazon) mit dem zweiten, zum Set gehörenden Adapter das Smartphone obenauf setzen.

Mit dieser Konstruktion hat man Möglichkeit, das Smartphone mit Pivo-App zur Steuerung und als Videomonitor einzusetzen. Bei Gesichts- oder Objekttracking sieht man sich auf dem Bildschirm des Smartphones, wobei dazu die Selfiekamera zum Einsatz kommt. Dass die qualitativ nicht wirklich überzeugt, ist jedoch egal, weil die Gopro oder Kompaktkamera in optimaler Qualität filmt oder fotografiert.

Die Einstellungen, hier für die Zeitraffer-Aufnahme.

Fazit: Ich freue mich auf Experimente mit dem Pivo Pod – auch wenn ich befürchte, dass er den Wunsch nach mehr Leistung weckt. Je nach Idee würde man gerne noch viel mehr Equipment auf den kleinen Adapter packen. Aber auch wenn man erst einmal die weniger anspruchsvollen Möglichkeiten ausschöpft, ist die Bandbreite der Einsatzmöglichkeiten gross.

Die App übrigens ist einfach in der Benutzung: Man verbindet sie per Bluetooth mit dem Pivo Pod, wählt den Aufnahmemodus und erhält eine kurze Anleitung mit Hinweisen, worauf man achten sollte. Durch Wischen nach rechts stellt man die Parameter für die Aufnahme ein, zum Beispiel Drehgeschwindigkeit, -richtung und Winkel. Bei vielen Modi löst man manuell via Fernbedienung aus, zum Beispiel beim Many Me-Modus, bei dem man sich für jede Aufnahme neu positioniert.

Über die Fernbedienung kann man den Kopf manuell oder automatisch drehen und die Geschwindigkeit einstellen.

Autor: Matthias

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