Ein Kind mit einer blau gestreiften Kappe interagiert mit einem interaktiven Touchscreen, auf dem bunte Striche und Formen gezeichnet werden. Im Hintergrund sind Stufen und ein weiterer Raum sichtbar.
Es hat geklappt: Der riesige Touchscreen steht für ein spontanes Kunst-Happening zur Verfügung.

Hacken, aber harmlos – ein Hobby, das uns nicht in den Knast bringt

Wenn ich ein Kiosk­system sehe, kann ich nicht anders, als einen Aus­bruchs­ver­such zu wagen. Woher dieser Impuls kommt – und eine Ant­wort auf die Frage, ob man ihn unter­drücken oder ze­le­brie­ren sollte.

Ist an mir ein Hacker verloren gegangen? Könnte ich – mit weissem oder schwarzem Hut – mein Geld anders verdienen als mit Artikelschreiben und mit Medienarbeit?

Diese Frage stellt sich, weil ich ein etwas kindisches Hobby habe. Wobei es keine echte Freizeitbeschäftigung ist, sondern vielmehr ein nicht zu kontrollierender Impuls. Denn immer, wenn ich eines dieser Kiosksysteme sehe, dann stelle ich mir sofort die Frage: Wie stelle ich es an, um es aufzuknacken?

Gemeint sind diese Panels, die im öffentlichen Raum aufgestellt sind, sich meist per Touch bedienen lassen und bestimmte Informationen preisgeben. Manchmal kann man mit ihnen Nachrichten absenden, Tickets kaufen oder Dinge ausdrucken. Und in aller Regel sind sie ein Instrument der Rationalisierung: Man spart sich einen Angestellten, der die entsprechende Dienstleistung erbringt.

Nicht anstehen zu müssen, ist nur einer von zwei Vorteilen

Eine ausführliche Diskussion dieser Aspekte spare ich mir an dieser Stelle. Es sei festgehalten, dass ich es schätze, wenn ich mich nicht an einem Schalter anstellen muss, die Qualität und Bandbreite der gebotenen Informationen jedoch oft bemängeln muss. Die Möglichkeit, ein System zum Zeitvertreib völlig entgegen seinem ursprünglichen Zweck einzusetzen, betrachte ich als Bereicherung für Gleichgesinnte und mich.

Also, mit «Aufknacken» meine ich den Vorgang, die Nutzerumgebung zu verlassen und auf die Ebene des Betriebssystems zu gelangen. Statt nur die eigentlichen Informationen abzurufen, könnte ich so frei im Web surfen, die vorhandenen Apps ausprobieren und meiner Neugierde freien Lauf lassen. Und damit das klar ist: Ich will keinen Schaden anrichten, kein Geld klauen, keine Malware absetzen, niemanden ärgern und den zuständigen Leuten keine Extraarbeit verursachen. Es geht nur um eine kleine Fingerübung in angewandtem Computernerdtum.

Die Belohnung: Malen auf einem riesigen Touchscreen

Während unserer Ferien in Innsbruck in der letzten Juliwoche ergab sich dafür eine Gelegenheit. Im Tourismusbüro am Burggraben 3 steht ein riesiger Touchscreen – schätzungsweise zwei Quadratmeter gross –, auf dem Informationen zu Sehenswürdigkeiten und Ausflugszielen abrufbar sind. Kann man den für andere Zwecke brauchen? Die Antwort nach etwa acht Sekunden lautete: Ja.

Der Ausbruch in diesem Fall ist wirklich einfach. Er führt über einen Weg, den ich in solchen Fällen als Erstes ausprobiere. Ich versuche, eine virtuelle Tastatur zum Vorschein zu bringen. Dieses Keyboard gehört typischerweise nicht zu der Nutzeroberfläche, sondern zum Betriebssystem. Man kann vielleicht irgendwelche Sondertasten oder -Befehle betätigen. Im Fall der Innsbrucker Anwendung erscheint beim Verschieben ein Bedienelement, das flugs zum Homescreen des Tablet-Betriebssystems führt. Die Tastatur erscheint, wenn man angibt, eine Mitteilung hinterlassen zu wollen.

Meinen Triumph geniessen konnte ich leider nicht. Meine Tochter hatte mir über die Schulter geschaut und übernahm sogleich die Federführung. Sie entdeckte ein Malprogramm und wollte die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen, sich per Finger auf einer mehrere Quadratmeter grossen Fläche auszutoben.

Rechtfertigung unnötig

Also, müssen wir derlei Impulse rechtfertigen – beispielsweise mit dem Hinweis, dass wir bloss dabei helfen, Schwächen bei der Abdichtung solcher Kiosksysteme aufzustöbern?

Nein. Es macht Spass, fertig. Und im Fall des Innsbrucker Systems dürfte kein unbotmässig grosser Aufwand in die Absicherung eingeflossen sein. Falls doch, hat der fragliche Informatikdienstleister wirklich schlechte Arbeit abgeliefert.

Umgekehrt hier meine Tipps für Leute, die dafür sorgen möchten, dass die Herausforderung etwas grösser ist als in Innsbruck: Der geführte Zugriff von iOS und iPad OS ist ein guter Ansatzpunkt; er beschränkt den Zugriff zuverlässig auf eine einzelne App. Ansonsten braucht es natürlich ein separates, minimalistisch eingerichtetes Nutzerkonto ohne überflüssige Apps, möglichst eine alternative Shell mit nur den allernötigsten Funktionen, eine Sandbox-Umgebung, physische Abdichtung (abgeklemmte USB-Ports) und eine Deaktivierung von Terminal, Tastaturkürzeln und unnötigen Systemdiensten.

3 Kommentare zu «Hacken, aber harmlos – ein Hobby, das uns nicht in den Knast bringt»

  1. Sehr schön! Das muss ich meiner Frau erzählen. Vielleicht zeigt sie etwas mehr Verständnis, wenn sie sieht, dass ich nicht der Einzige mit dieser Vorliebe bin. 🙂

    Ich probiere bei jeder Gelegenheit, wie weit ich komme. Immer unter der Maxime, keinen Schaden anzurichten und das Gerät danach benutzbar zurückzulassen. Den Windows-Desktop zu sehen, reicht als Sieg, „format C:“ wäre nicht mehr lustig.

    Meine Strategie bei Touchscreens sind einfache, aber im Alltag nicht vorkommende Aktionen. Das Personal muss sich diese merken können, aber sie dürfen nicht irrtümlich von Kunden ausgelöst werden. Also swipen von ausserhalb des Bildschirms, Zoom-Geste mit fünf Fingern oder wiederholtes Tippen in einer Ecke. Bei den Bedienterminals eines Schnellrestaurants kommt man mit viermaligem Tippen in der rechten unteren Ecke ins Admin-Menü.

    Bei den Self-Checkout-Kassen eines Grossverteilers authentifizieren sich die Mitarbeiter durch Scannen des Barcodes auf ihrem Personalausweis. Diesen tragen sie stets sichtbar. Foto davon auf dem Smartphone und man kann sich das Alter selbst bestätigen. 🙂

    Ein Flipper Zero erweitert die Möglichkeiten auf Geräte mit Funk. Man kann damit Bluetooth-Kopfhörer im Pairing-Modus simulieren und schauen, wie sich die Leute im Zug über die Benachrichtigung auf ihren Smartphones wundern. Man kann alle Essen-abholen-Pager klingeln lassen. Das Signal der Funkklingel des Nachbarn aufzeichnen und seine Klingel auslösen, während man zu Besuch ist. NFC-Schlüsselkarten im Hotel klonen. Oder auch den Chip der Katze, sodass man die neue Katzentüre programmieren kann, ohne die Katze davor zu halten. (Das war mein Argument für den Kauf.)

    Ganz nach dem Motto des CCC: „Spass am Gerät“!

Kommentar verfassen