Spione, Geheimnisse, Sowjets. Und enge Lederhosen

Ein Podcast führt uns vor Augen, wie toll Verschwörungstheorien eigentlich wären – wenn man sie nicht so bierernst nehmen würde, wie die Verschwörungstheoretiker das tun.

Wieder einmal hat es ein Podcast geschafft, eine breite Resonanz auszulösen. Es hätte mich aber auch gewundert, wenn es anders gewesen wäre. Denn dieser Podcast verfügt über genau jene Ingredienz, mit der man die Neugierde der Medienmacher und des Publikums weckt.

Er setzt bei einem Kult-Ereignis an, das zumindest den älteren von uns noch bestens in Erinnerung ist. Er verspricht, es in einem ganz neuen Licht darzustellen. Er stellt die Vermutung in den Raum, das wir über Jahrzehnte über die eigentlichen Machenschaften im Dunkeln gelassen worden sind – und er verspricht, nun alles aufzuklären.

Oder, wie es die Podcast-Macher selbst umschreiben: «Spione. Geheimnisse. Sowjets. Und enge Lederhosen.»

Und um mein höchstes Lob gleich vorwegzunehmen: Dieser Podcast bringt für mich die Lust an den Verschwörungstheorien zurück. Die ist mir in letzter Zeit abhanden gekommen, weil die heutigen Verschwörungstheoretiker allesamt ideologisch operieren und am Kopf festgewachsene Scheuklappen haben. Dabei könnte und sollte man Verschwörungstheorien natürlich als intellektuelles Spiel verstehen, als Übung im logisch-strategischen Denken. Und als leichte Spielerei.

Die meisten von euch werden sicher schon gemerkt haben, worauf ich hinauswill:

War eine Windmaschine im Spiel? Und wer hat sie aufgestellt?

Es geht hier und heute um den Podcast Wind of Change (RSS, Apple Podcasts, Google Podcasts, Spotify).

Er ist gemeinsam vom Podcast-Verlag Pineapple Street Studios, vom Medienunternehmen Crooked Media und dem Streamingdienst Spotify lanciert worden. Diese Aufstellung gibt der Produktion einen politischen Drall: Denn der Firmenname Crooked Media ist sofort als Anspielung auf «Crooked Hillary» erkennbar, Donald Trumps Spitzname für Hillary Clinton. Gemäss Wikipedia arbeiten bei Crooked Media denn auch alles ehemalige Mitarbeiter aus Barack Obamas Stab.

Dass Crooked Media dem demokratischen Lager zuzurechnen ist und eher für Aktivismus denn für parteiunabhängigen Journalismus steht, könnte je nach Inhalt natürlich als Voreingenommenheit ausgelegt werden. In dem Fall stört es aber nicht. Das liegt auch daran, dass der Gastgeber des Podcasts ein gestandener Investigativ-Journalist ist: Patrick Radden Keefe hat für die grossen US-amerikanischen Publikationen New Yorker, Slate und New York Times Magazine geschrieben und beherrscht das Handwerk.

Dieser Patrick Radden Keefe hat einen guten Bekannten namens Michael. Dieser Bekannte hat ihm, wie er selber sagt, die meisten seiner grossen Geschichten gesteckt. Michael stammt aus dem Dunstkreis der amerikanischen Geheimdienste und hat für Madeleine Albright gearbeitet, die von 1997 bis 2001 in Bill Clintons Regierung Aussenministerin war.

Und dieser Michael hatte nun wiederum von einem Bekannten erfahren, dass hinter diesem Song, Wind of Change, mehr steckt, als wir alle bisher angenommen haben.

Wir haben den Song als Schmachtfetzen auf dem Schirm, der justament im richtigen Moment aufgenommen und veröffentlicht wurde, um als Hymne zum Mauerfall, zum Ende der Sowjetunion und für den Aufbruch in eine neue Zeit in die Geschichte einzugehen. Der Song ist bis heute die meistverkaufte Single aus deutschen Landen.

Nun kommt also jener Michael daher und behauptet, der Song sei Klaus Meine nicht in den Schoss gefallen. Im Gegenteil: Er hat ihn – auf welchem Weg auch immer – vom US-Auslandsgeheimdienst CIA erhalten. Er hat ihn als politisches Kampfinstrument eingesetzt, um den Wandel im Ostblock auf subtile Weise zu unterstützen und zu befeuern.

Patrick Radden Keefe macht an dieser Stelle genau das, was jeder Journalist an seiner Stelle gemacht hätte, dem diese Story begegnet. Er fängt an, zu recherchieren: Ist sie wahr? Ist sie erfunden?

Die Recherchen innerhalb der CIA bringen erst einmal kein Licht ins Dunkle: Der Informant, der die Geschichte Michael gesteckt hat, will auf keinen Fall im Podcast auftreten – nicht einmal anonym und mit unkenntlich gemachter Stimme. Er würde sofort im Gefängnis landen, behauptet er. Andere Quellen innerhalb der CIA können sich die Geschichte vorstellen. Wiederum andere halten sie für unwahrscheinlich: Sie hätten nie davon gehört – und sie hätten davon hören müssen, wenn sie wahr wäre.

Auch eine Anfrage im Rahmen des Freedom of Information act bringt kein Licht ins Dunkle. Die Behörde gibt zwar Auskunft, aber Keefe wird glomared, das heisst er erhält die so genannte Glomar-Antwort, die besagt, dass das Vorhandensein von Akten zu dem Thema weder bestätigt noch dementiert wird. Denn klar: Wenn es Akten gäbe, dann wäre die Vermutung wohl wahr.

Wo also sonst ansetzen? Keefe weist nach, wie untypisch «Wind of Change» für die Scorpions eigentlich war. Die haben sonst den genre-üblichen Themen gefrönt, zum Beispiel dem Sexismus, wie er im Hardrock weit verbreitet ist. Keefe zeigt das anhand des Textes von Rock You Like a Hurricane (The bitch is hungry, she needs to tell / So give her inches and feed her well), in welchen Niederungen sich die Band normalerweise bewegte.

Und man hätte auch auf das Cover von Virgin Killer verweisen können, dem Album von 1976, mit dem die Band den Durchbruch geschafft hat. Das hat der Band Vorwürfe wegen Kinderpornografie eingebracht – zusammen mit dem Albumtitel völlig zu recht, wie ich finde. Das war einfach nur Dreck; selbst wenn der Song «Catch your train» von dieser Platte noch immer zu einem meiner Hardrock-Favoriten zählt.

Keefe fragt sich auch, warum ausgerechnet «Wind of Change» von Klaus Meine allein geschrieben worden ist, während er normalerweise nur die (oft fragwürdigen) Texte verfasst hat und die Musik vom Gitarristen Rudolf Schenker kam. Ausserdem hat er ein Radiointerview ausgegraben, in dem Meine davon erzählt, wie er die Melodie vor einem Hotel in den USA einmal einer CIA-Agentin ins Ohr gepfiffen haben will.

Klar: Solche Unstimmigkeiten beweisen überhaupt nichts. Aber sie ergeben eine spannende Geschichte, die Patrick Radden Keefe unterhaltsam erzählt. In der dritten Folge erzählt er, dass es überhaupt nicht aussergewöhlich war, dass sich die USA bei ihrer psychologischen Kriegsführung der Hilfe von Künstlern bediente: Manchmal mit, manchmal ohne deren Wissen.

Er demonstriert das anhand mehrerer Beispiele: Louis Armstrong und Nina Simone oder die Nitty Gritty Dirt Band, die nach Moskau entsant wurde, um dort auch den strammsten Kommunisten von der Harmlosigkeit der US-amerikanischen Populärkultur zu überzeugen. Das Resultat ist eine absurde Situation, in denen die Bandmitglieder es abwechselnd mit KGB- und mit angeblichen CIA-Gestalten zu tun bekommen haben.

Und einfach nur grossartig ist die Folge 5, I Follow the Moskva, zum Moscow Music Peace Festival.

Ich habe den Podast noch nicht zu Ende gehört und weiss darum noch nicht, ob Keefe am Ende seiner Recherche die Behauptung erhärtet oder nicht. Wenn ihr das wissen möchtet, kann ich es euch nicht ersparen, euch die acht Folgen selbst vorzunehmen. Übrigens: Auf der Website wird eine Folge pro Woche veröffentlicht, auf Spotify sind sie alle bereits zu hören.

Meine Prognose ist, dass sich die Behauptung nicht erhärten lässt. Ich glaube schlicht nicht, dass sich so ein Coup wie «Wind of Change» einfädeln lässt. Falls das möglich wäre, hätten wir viel öfters vergleichbare Beispiele erlebt.

Aber darum geht es eigentlich nicht. Das spannende ist der Weg, nicht das Ziel: Die Spurensuche von Keefe, seine Gesprächspartner, die Sackgassen und Nebenschauplätze. Das ist die grosse Stärke von Podcasts wie diesem – und der Grund, weswegen ich sie liebe: Eine Hauptfigur – wie immer bei Podcasts ist das der Gastgeber –, die eine spannende Geschichte erzählt.

Beitragsbild: Hat dieser Podcast sie beim Wickel? (Sippakorn Yamkasikorn, Pexels-Lizenz)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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