Da läuft man sich gleich viermal die virtuellen Hacken wund

Mit Om Nom Run, Jumanji: Epic Run, Blades of Brim und Talking Tom Hero Dash trete ich den vierfachen Beweis an: Das Genre des Endless Runner ist nicht tot – aber es ist auch nicht origineller geworden.

Neulich ist mir ein epochales Versäumnis meinerseits aufgefallen. Ich habe nämlich – und jetzt haltet euch fest! – schon seit Oktober 2017 etwas nicht mehr getan, was ich eigentlich regelmässig tun sollte. Ich habe nämlich seit mehr als zwei Jahren keine Spiel mehr besprochen, das in die Kategorie der Endless Runner gehört. Wikipedia nennt sie Auto-Runner.

Das Genre zeichnet sich dadurch aus, dass die Spielfigur sich selbsttätig in einem (meist mit der Zeit zunehmenden) Tempo bewegt. Als Spieler muss man sie davor bewahren, irgendwo dagegenzurennen und tot zu sein. Gleichzeitig gilt es, Dinge wie Bananen, Goldstücke oder Powerups aufzusammeln. Ein solcher Spieletitel versammelt Elemente des Jump ’n’ Run, Geschicklichkeitsspiels und Rennspiels. Und aus unerfindlichen Gründe fahre ich voll darauf ab.

Darum soll es hier um die Frage gehen, ob das nun tatsächlich ein Versäumnis von mir ist – oder ob des die Gameindustrie in den letzten Jahren nicht geschafft hat, für anständigen Nachschub zu sorgen. Mit etwas Suchen findet man einige neue Vertreter. Fragt sich nur noch, ob die auch etwas taugen.

Om Nom Run

Bei «Om Nom Run» ist man als Huhn unterwegs.
Den Store, wo man echtes Geld gegen virtuelle Münzen eintauschen kann, haben alle Titel mit «Om Nom Run» gemeinsam.

Dieses Spiel gibt es für Android und fürs iPhone. Es wird einem mit dem Hinweis unter die Nase gerieben, dass es von den Machern von Cut the Rope stammen würde. Das war 2010 ein Kultspiel, dem ich auch gerne gefrönt habe.

Nur ist ein Blockbuster bekanntlich kein Garant dafür, dass auch die nachfolgenden Werke etwas taugen. Man erinnere sich an Rovio Entertainment, die mit Angry Birds einen so gigantischen Erfolgstitel abgeliefert haben, dass wir selbst von Plüschfiguren und Kinofilmen nicht verschont geblieben sind. Die Nachfolgetitel waren dann allesamt schlecht und uninspiriert. Eine kleine Ausnahme war dieser Titel hier. Doch leider hat Rovio sosehr den Erfolg bei der breiten Masse gesucht, dass ich mich vor gut einem Jahr gefragt habe, ob die bei Rovio eigentlich einen Dachschaden haben.

Auch «Om Nom Run» ist nun leider kein kreativer Höhenflug. Nach einigen Partien habe ich nichts entdeckt, was das Spiel von «Temple Run» (Jogging für Gehfaule) abheben würde. Man sieht die Spielfigur von hinten, wie sie auf einer dreispurigen Piste unterwegs ist. Man wischt nach rechts oder links, um die Spur zu wechseln. Mit nach oben, wenn man springen möchte. Mit Wischen nach unten duckt man sich. Und wie üblich sammelt man Münzen und weicht Hindernissen aus.

Der einzige Unterschied zu den Klassikern des Genres ist die Möglichkeit, ab und zu einen Stunt einzulegen, um Extrapunkte abzuräumen. Das ist ein bisschen wenig. Störend ist, dass man beim Spielen am iPhone beim Wischen nach oben manchmal nicht springt, sondern die App wegwischt.

Die Grafik ist ganz hübsch, aber für meinen Geschmack zu kinderfernsehhaft. Die macht auch deutlich, dass das Spiel für ein jüngeres Publikum gedacht ist. Das macht es allerdings umso störender, dass «Om Nom Run» in Sachen Monetarisierung auf Werbung und In-App-Käufe setzt. Im Shop kann man Münzen kaufen, wobei man den Machern immerhin attestieren muss, dass das teuerste Angebot nicht hundert oder zweihundert Franken, sondern «nur» acht Franken kostet.

Fazit: Ich werde «Om Nom Run» noch ein paar Mal spielen. Doch bislang konnte der Titel meine alte Endless-Runner-Leidenschaft nicht neu entfachen.

Jumanji: Epic Run

Fersengeld geben und Münzen aufsammeln – das ist auch bei «Epic Run» nicht anders.
Die Spielfigur ist ein ziemlicher Angeber, vor allem, wenn er das Motorrad besteigt.

Auch den Titel gibt es fürs iPhone und Android. Und die ist schon besser geeignet, um die alte «Temple Run»-Leidenschaft neu anzufachen. Allein deswegen, weil das Spiel im Dschungel spielt und man einen Räuber jagt.

Natürlich ist das Spiel an den Film Jumanji: Willkommen im Dschungel von 2017 Jumanji: The Next Level von 2019 angelehnt. Solche Lizenzproduktionen werden normalerweise mit der grossen Kelle angerührt: Man bekommt es mit einer tollen Grafik und einem ausgereiften Spielerlebnis zu tun.

Aber natürlich müssen die Macher auch die Gebühren wieder einspielen, die sie für den populären Namen entrichten mussten. In dem Spiel will sicher auch noch «The Rock» Dwayne Johnson mitverdienen, der seine eierförmige Birne als Vorlage für die Spielfigur hingehalten hat. Das hat zur Folge, dass einem die In-App-Käufe offensiv unter die Nase gehalten werden. Das ist nervig, selbst wenn man standhaft bleibt.

Das Spiel ist ganz okay: Man kann seinen Gegnern nicht nur ausweichen, sondern sie auch mit einem Bodycheck aus der Bahn befördern.

Mein Fazit: Es ist nicht ganz so einfach wie «Om Nom Run», aber auch nicht frustrierend schwer. Das Spiel ist ordentlich gemacht. Die Missionen sind abwechslungsreich und man kann auch einmal mit dem Motorrad durch die Gegend brettern oder über einen Wasserfall hinabsegeln und sich so weiterbewegen.

Das ist nicht absolute Weltspitze, aber ganz akzeptabel – mein Favorit in dieser Auswahl. Die Werbeunterbrechungen sind allerdings supernervig. Die In-App-Werbung wird, pardon my french, auch nur noch beschissener.

Blades of Brim

Die violetten Monster wollen beiseite geräumt werden.
Abwechslungsreiche Landschaften, aber eine etwas hakelige Steuerung.

Auch dieses Spiel gibt es für Android und fürs iPhone und iPad. Es hat die interessanteste Grafik. Man rennt durch eine ebenfalls leicht temple-run-eske Landschaft, die von kleinen Teufelchen bevölkert ist. Diese stehen einem in Weg, können aber durch gezielte Rempler von der Seite oder durch Angriffe mit den Füssen voran (per Ducken) aus der Bahn geschleudert werden.

Das macht Spass, aber im Vergleich zu den anderen Titeln wirken das Rennen und die Steuerung etwas träge. Das stört weniger, wenn man die Titel hier nicht direkt nacheinander spielt – aber es ist dem präzisen Spiel nicht förderlich.

Man kann bei «Blades of Brim» auch den Wandlauf praktizieren, d.h. durch seitliches Wischen sich auch an vertikalen Flächen entlanghangeln und in Kombination mit Wischbewegungen nach oben, rechts oder links sogar Spurwechsel nach oben vornehmen. Die Landschaften sind abwechslungsreich: Man rennt auch mal über Lianen oder durch eine unterirdische Höhle.

Jedenfalls mein Platz zwei in dieser Auswahl hier.

Talking Tom Hero Dash

Die Waschbären mit den WC-Pömpeln sind zugegebenermassen originell.
Zwischendurch ist man auch mal mit einem fliegenden Untersatz auf der Piste.

Wie nicht anders zu erwarten: Für Android und iPhone und iPad. Dieses Spiel hat einen japanischen und leicht nintendohaften Einschlag. Grafikmässig und auch bezüglich des Namens ist es mit «Sonic Dash» verwandt, das ich seinerzeit im Beitrag Segas Copyfail besprochen habe.

Die Optik ist jedenfalls fulminant und abwechslungsreich. Man läuft auch  mal durch den Hafen und durch eine Winterlandschaft – und man findet leicht in einen angenehmen Spielrhythmus, mit dem man gute Strecken macht.

Es ist fast nicht der Rede wert, aber: Auch die beiden letzten Titel finanzieren sich über Werbung und über In-App-Käufe. Es ist zu konstatieren: Wer sich eine Spielidee zu eigen macht – was, wie hier ausgeführt, nicht verboten ist –, der neigt dazu, sich auch in Sachen Geldscheffelung keine besonders originellen Gedanken zu machen. Die breite Masse scheint sich daran nicht zu stören. Schliesslich muss man sich an nichts Neues gewöhnen.

Nochmals schnell zurück zu «Talking Tom Hero Dash»: Die Machart ist Geschmackssache und nicht mein ultimativer Favorit. Trotzdem – mein dritter Platz. Was keinen anderen Schluss zulässt, als dass «Om Nom Run» jener Endless Runner ist, der dem Genre am wenigsten Ehre erweist.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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