Haben die bei Rovio einen Dachschaden?

Eigentlich sollte das heute ein simpler kleiner Game-Tipp werden. Mir ist das Spiel «Angry Birds Dream Blast» (kostenlos, Free to Play, für Android und iPhone/iPad) in die Finger geraten. Das passt mit Fug und recht in meine kleine Reihe mit indirekten Nachfolgern meines Spiels Clickomania. Doch mir ist dann etwas dazwischen gekommen. Doch bevor ich das ausführe, doch noch ein paar Worte zum Spiel:

Die Grundidee ist die alt bekannte: Das Spiel wirft bunte Bälle (bzw. «Blasen») aufs Spielfeld, die man platzen lassen muss. Das ist möglich, wenn mehrere Blasen mit der gleichen Farbe eine Gruppe bilden. Je grösser die Gruppe, desto besser: Punktemässig und allenfalls auch, was die Durchschlagskraft angeht.

Doch was die Ausführung angeht, liegen Welten zwischen meinem Spiel und dem von Rovio: Die App ist aufwändiger und abwechslungsreicher, als es mein simples Progrämmchen je war. Es gibt hübsche Grafiken und Animationen. Man bekommt es mit vielfältigen Power-Ups und speziellen Spielelementen zu tun. Natürlich haben auch die wütenden Vögel und die bescheuerten Schweine einen Auftritt. Denn dieses Spiel ist ein Spin-off des hier vorgestellten «Angry Birds Blast». (Das wiederum ein Spin-off des allerersten Angry-Birds-Titels ist.)

Bemerkenswert ist auch, dass man sich durch zunehmend schwierige Levels arbeitet: Das ist natürlich interessanter als die fünf Spielvarianten, die Clickomania angeboten hat. (Allerdings mit der Möglichkeit, eigene Varianten zu fabrizieren. Die sucht man bei Rovio vergeblich. Ha!)

Wie Clickomania, nur ein bisschen länger ausgebrütet.

Und die Bälle, Blasen oder wie immer man sie nennen will, sind nicht in einem fixen Raster angeordnet, sondern purzeln wild durcheinander und können auch mal nach unten rutschen, wenn man eine Barriere oder Kette weggesprengt hat.

So weit, so hübsch. Auffällig ist natürlich auch, dass «Dream Blast» mit «Leben» operiert: Wenn man einen Level nicht schafft, verliert man eines dieser Leben. Hat man alle aufgebraucht, muss man warten, bis man ein neues erhält. Aber natürlich ist das Ziel nicht, den Spieler zu erziehen, sich in Geduld zu üben. Nein, es geht darum, ihn im eingebauten Store zu Impulskäufen zu verleiten. Natürlich beinhaltet auch dieses Spiel mit den hinlänglich bekannten Free-to-Play-Maschen, die ich seinerzeit im Beitrag Gamern das Geld aus der Tasche ziehen angeprangert habe.

Ich mag diese Methoden nicht. Gerade die beschränkten Leben nutzen eine allzu menschliche Schwäche aus, nämlich den «Ach, ein Spiel geht schon noch»-Trieb. Darum ist «Dream Blast» eben nur mit dem grossen Vorbehalt zu empfehlen, dass man es hier mit Leuten zu tun hat, alles daran setzen, einen auszutricksen.

Übrigens, was die Spielbeschränkung angeht: Der Trick ist hier, genügend ähnliche Spiele auf Lager zu haben, um einfach zum nächsten wechseln zu können, wenn alle Leben aufgebraucht sind. Hat man alle seine Spiele durch, kann man beim ersten locker weitermachen.

Nun also zu dem eigentlichen Thema und der Angelegenheit, weswegen das kein kleiner Spieltipp geworden ist. Wie bei anderen Apps auch, muss man erst die Nutzungsbestimmungen abnicken, bevor man loslegen kann. Aus unerfindlichen Gründen habe ich mir bei «Angry Birds Dream Blast» diese näher angeschaut. Und war doch einigermassen erschüttert.

Rovio unterbreitet einem einerseits die Nutzungsbedingungen. In Deutsch ist dieses Dokument mit Stand 19. Mai 2018 geschlagene 35’913 Zeichen lang (ohne Leerzeichen). Es umfasst 4562 Wörter. Gemäss readtime.eu braucht ein in normalem Tempo lesender Mensch dafür 36 Minuten.

Und ab und zu wird man vielleicht innehalten wollen, um über das Gelesene zu sinnieren. Zum Beispiel hier:

Virtuelle Gegenstände haben keinen äquivalenten Gegenwert in Echtgeld und dienen nicht als Ersatz für Echtgeld. Weder Rovio noch eine andere natürliche oder juristische Person sind verpflichtet, virtuelle Gegenstände gegen etwas von Wert einzutauschen. Rovio übernimmt keinerlei Haftung, wenn virtuelle Gegenstände gehackt werden oder verloren gehen. (…)

Per Gesetz sind alle Käufe und Einlösungen virtueller Gegenstände in den Diensten endgültig und nicht rückerstattbar. Du bestätigst und willigst ein, dass es sich bei der Bereitstellung von virtuellen Gegenständen für die Nutzung innerhalb der Dienste um einen Prozess handelt, der sofort mit dem Kauf beginnt, und dass du dein Recht auf Stornierung verwirkst, sobald der Prozess begonnen hat.

Falls ich noch einen Grund gebraucht hätte, niemals solche Gegenstände zu kaufen, dann hätte ihn mir Rovio hier geliefert. Das ist sehr einseitig und aus Nutzersicht unfair.

Bemerkenswert finde ich auch, dass man als US-Kunde sein Recht aufgeben muss, eine Sammelklage gegen Rovio zu starten. Ist das überhaupt legal? Bzw. sollte eine solche Klausel nicht illegal sein?

Auch bei den «Verhaltensregeln» (Punkt drei) habe ich mich etwas gewundert.

Du stimmst zu, dass du unter keinen Umständen (…)

  • Handlungen unternimmst, die nach Rovios Ansicht im Widerspruch zur Idee oder zur Absicht der Dienste stehen, oder den Rovio-Kundendienst unsachgemäss verwendest.

Bemerkenswert hier ist die Formulierung «nach Rovios Ansicht». Die kann Rovio nach Bedarf auslegen und selbst bei Banalitäten annwenden. Sogar dieser Blogpost hier könnte als Verstoss gegen die Verhaltensregeln betrachtet werden. Denn wer sollte Rovio daran hindern, diese Kritik als «Widerspruch zur Idee oder zur Absicht hinter den Diensten» zu betrachten?

Klar, es geht um wütende Vögel – und ich ich würde mich in dieser Frage von unsinnigen Nutzungsbestimmungen selbst als wütender Vogel betrachten – siehe Die Kundschaft verscheissern. Aber vielleicht mögen die bei Rovio nicht, wenn der Kunde sich selbst wie eine ihrer Spielfiguren gebärdet? Das läuft bei denen eventuell sogar unter Urheberrechtsverletzung.

Jedenfalls ist eine solche Vorschrift – ohne ausführliche Beschreibung dieser Idee und der Absicht – für den Nutzer kaum zu kontern. Vielleicht muss man Rovio hier keine bösen Absichten unterstellen. Vielleicht ging es einfach darum, Banalitäten in Worte zu fassen. Trotzdem wäre mir lieber, das alles in einem Satz wie «Wir gehen anständig miteinander um» zusammenzufassen.

Aber das ist nicht alles. Nebst den Nutzungsbedingungen gibt es auch die Datenschutzrichtlinien. Die datieren vom 16. Mai 2018 und sind 28’500 Zeichen bzw. 3734 Worte lang. Zum Lesen bräuchte man 28 Minuten und 7 Sekunden. Für beide Dokumente wäre man als eine gute Stunde lang beschäftigt – bevor man dann merkt, dass man das Game langweilig findet und gar nicht spielen möchte.

Ich habe die Datenschutzrichtlinien überflogen und muss hier immerhin sagen, dass die Ausführlichkeit auch ihre Vorteile hat: Wenn man sich dafür interessiert, bekommt man einen klaren Eindruck davon, was mit den Nutzerdaten passiert. Das meiste davon ist einleuchtend und auch einigermassen fair. Und ja, die Sache mit dem Datenschutz wird wahnsinnig komplex, wenn nebst dem Spiel selbst auch soziale Medien, personifizierte Werbung und ähnliche Dinge mit im Spiel sind.

Fazit: Ja, ich kapiere, dass man sich irgendwie absichern muss, wenn man es als Unternehmen mit Millionen von Nutzern zu tun hat. Aber diese Nutzungsbedingungen können doch auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Es geht hier vor allem darum, sich alle Möglichkeiten zu eröffnen, aufmüpfige Kunden in die Schranken zu weisen. Wer der wütende Vogel und wer das grüne Schweinchen ist, das ist einzig eine Frage der Perspektive.

Beitragsbild: Huch, was hat er gesagt? (Standbild aus dem Angry Birds-Film)

Autor: Matthias

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