Was Buchverlage von Fernsehserien lernen könnten

Schauen Buchautoren manchmal fern? Die Frage klingt polemischer, als sie gemeint ist. Ich will der buchschreibenden Zunft keine Abgehobenheit attestieren – obwohl ich mich schon ein bisschen wundere.

Der Ausgangspunkt für mein Erstaunen ist folgender: Sowohl im Fernsehen als auch beim Buch gibt es die sogenannte Serie. Sie entsteht dann, wenn ein Werk nicht in einem Stück an den Rezipienten überantwortet wird, sondern in Segmenten. Die Daseinsberechtigung für diese sequenzierte Form der Erzählung wird von Wikipedia einleuchtend beschrieben:

Um Spannung und Interesse der Zuschauer zu erhalten, ist ein Drama in seiner Länge zeitlich beschränkt. Geduld, Konzentrationsfähigkeit und schiere körperliche Ausdauer des Publikums lassen eine Aufführung von mehr als drei, maximal vier Stunden nicht zu.

Übertragen auf Bücher hat das Serienprinzip praktische Gründe. Man stelle sich George R.R. Martins «A Song of Ice and Fire» als Einzelausgabe vor: Die wäre (gemäss Amazon) fast 23 Zentimeter dick und 3,9 Kilogramm schwer.

Und natürlich gibt es auch kaufmännische Gründe. Mehrere dünne Bücher ergeben einen höheren Verkaufserlös als ein dickes. Bei den Serien, die fortlaufend geschrieben werden, hat der Autor eine Einnahmequelle, während er noch an der Geschichte arbeitet. Auch das ein einleuchtender Grund gerade für Serien in den thematischen Sparten, bei denen es typischerweise keine Riesenauflagen gibt.

Fernsehserien haben wiederum den Vorteil, dass sie die Aufmerksamkeit des Publikums wiederkehrend fesseln und im linearen Fernsehen regelmässig gewisse Einschaltquoten liefern.

Die Macher von Fernsehserien haben seit jeher verstanden, dass die Zuschauer ein schlechtes Gedächtnis haben. Viele erinnern sich nach einer Woche nur noch schwach an die bisherige Handlung. Es gibt daher die sogenannte Recap sequence. In Deutsch: «Was bisher geschah…»

Am Anfang einer neuen Folge werden die zurückliegenden Ereignisse, die fürs Verstehen wichtig sind, kurz zusammengefasst. Netflix ist sogar so schlau, dass diese Zusammenfassung beim Komaglotzen automatisch weggelassen wird – und man sie überspringen kann, wenn man noch auf dem Laufenden ist.

Nun frage ich die Leute bei den Buchverlagen und bei den Hörbuchproduzenten, warum es diese nützliche Sache nicht auch bei den Büchern gibt. Es wäre simpel. Und es wäre sehr nützlich, zumal die nächste Folge einer Buchserie typischerweise nicht nach einer Woche, sondern nach Monaten oder Jahren erscheint. Aber mir ist bislang noch kein einziges Buch begegnet, das am Anfang den Stand der Dinge rekapituliert hätte.

Nochmals George R.R. Martin: Wenn jemals das seit ungefähr 2015 überfällige Buch The Winds of Winter erscheinen sollte, werde ich mich nicht mehr so genau erinnern, was im 2013  gelesenen Buch A Dance with Dragons passiert ist. Eine Rekapitulation könnte somit helfen.

Beim Buch, um das es heute hier gehen soll, hätte das meinen Gesamteindruck massgeblich verbessert, vermute ich. So habe ich mich nach der Lektüre gefragt, worum zum Teufel es hier eigentlich ging. Das lag wahrscheinlich nicht an der Leistung des Autors, sondern daran, dass mir die Grundlagen gefehlt haben.

Wie bitte?

Es geht um das Buch Terminus von Peter Clines. Das ist der Autor, den ich vor bald fünf Jahren als «meinen neuen Lieblingsautor» bezeichnet habe. Ich habe damals sein Buch «14» gelesen und besprochen und dann mit «The Fold» («Der Spalt») nachgedoppelt. Beides sind spannende Bücher, die zwar offensichtlich im gleichen Universum spielen (Audible nennt es das Threshold Universe), die aber für sich allein stehen und nicht unbedingt in der richtigen Reihenfolge gelesen werden müssen.

Das ist nun bei «Terminus» anders. Die Geschichte scheint auf den vorherigen Teilen aufzubauen – zumindest tauchen hier Figuren auf, die in keinster Weise eingeführt werden und die man wahrscheinlich kennen müsste.

Bei Veek habe ich mich nach einiger Zeit daran erinnert, dass das eine der Hauptfiguren aus «14» ist. Bei anderen habe ich mich gefragt, ob mich meine Erinnerung im Stich lässt – oder ob diese Protagonisten den Lesern im Buch Dead Moon näher gebracht worden sind. Das habe ich ausgelassen, weil die Beschreibung für mich zu sehr nach Zombies im Weltall klang und mich das Thema nicht wirklich reizt. Ausserdem, wie gesagt, war mein Eindruck ja, dass die Bücher inhaltlich nur locker verbunden sind.

Ich habe mich auch gefragt, ob ich einfach auf dem Schlauch stehe. Aber offensichtlich nicht. Sean stellt nämlich auf goodreads.com die folgende Leserfrage zu dem Buch:

LOST! HELP! Ok, It’s been a while since I read the first two books in this series. I tried to look up who Murdoch, Chase or Anne were. Only found Anne in Fold as secretary… can someone remind me why/what these three characters are/were significant in those earlier books, without rereading them totally? It seems just jump straight into it… without any back story. I read A LOT of books.

Es sei eine Zeit her, seit er die ersten Bücher gelesen habe und erinnere sich weder an Murdoch, Chase noch an Anne. Bei der ist ihm, im Gegensatz zu mir, immerhin eingefallen, dass sie in «The Fold» vorkommt.

So kann man den Lesern den Spass nachhaltig verderben. Wie gesagt: Eine kleine Zusammenfassung hätte geholfen. Oder ein Hinweis, dass man die Geschichte nur versteht, wenn man die drei vorherigen Bücher noch einigermassen präsent hat. Oder – falls die Geschichte einfach schlecht erzählt und fragmentarisch aufgebaut ist –, dann hätte es ein vernünftiges Lektorat gebraucht. So ist das leider ein kompletter Rohrkrepierer.

Ich habe eine entsprechende Anfrage an Audible gestellt und werde hier die Antwort nachreichen, falls eine kommen sollte.

Ich hoffe, ihr habt Verständnis, wenn die Rezension hier kurz und lieblos ausfällt:

Es geht in «Terminus» darum, dass der Spalt aus «The Fold» weiter aufreisst. Gierige Monster aus einem anderen Paralleluniversum dringen in die Welt ein. Auf einer abgelegenen Insel tummelt sich ein Kult, der offensichtlich die Ankunft der alles zerfressenden Weltraummonster freudig erwartet. Besagter Murdoch gehörte früher zu dem Kult, der sich «The Family» nennt, aber innerlich hat er sich davon abgenabelt.

Am gleichen Schauplatz sind ausserdem ein paar Männer gestrandet, die mit einem Schmugglerschiff vorbeigekommen und sich vor einem Sturm auf die Insel geflüchtet haben. Sie geraten aneinander, während ein riesiges über der Insel alles in sich einsaugt, was nicht niet- und nagelfest ist, unter anderem auch das besagte Schmugglerschiff. Der Kult hat eine Geisel dabei, nämlich besagte Veek aus «14». Sie soll für Sabotage sorgen, weil die Sektenmitglieder die Ankunft der Monster freudig erwarten und mit allen Mitteln unterstützen wollen.

Sabotiert werden soll ein Gebäude, das genau wie das Gebäude in «14» aufgebaut ist und dessen Gegenpol bildet. Beide Pole zusammen bilden einen Energieschild, der die Monster bislang ferngehalten hat. Alex ist der Hüter dieses Energieschilds, doch während den Kämpfen geht er drauf – wie so viele andere, denn nebst den erzählerischen Mängeln ist diese Geschichte zu Action-lastig und wenig von ihren Protagonisten getragen.

Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als Clines den Titel eines Lieblingsautors abzuerkennen.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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