Der Tag, an dem die Erde gleich fünfmal unterging

Recursion von Blake Crouch (Amazon Affiliate): Das ist ein Buch, das ich mit Spannung gelesen – und mit dem ich gehadert habe. Es untermauert meine Ansicht, dass Crouch der beste zeitgenössische Autor für literarisch anspruchsvolle und unterbewertete Themen wie Zeitreisen und Parallelwelten ist.

Selbst den Vergleich mit den wegweisenden Werken des Sciencefiction-Genres braucht er nicht zu scheuen. Er überzeugt bei den Figuren. Seine Handlungswendungen lassen einen nicht mehr los. Die Logik innerhalb des Buchs funktioniert, selbst wenn sie nicht mit den Naturgesetzen der richtigen Welt korreliert. Und er ist stilistisch sattelfest: „Der Tag, an dem die Erde gleich fünfmal unterging“ weiterlesen

Das ganze Leben als Endlosschleife

The First Fifteen Lives of Harry August (Amazon Affiliate), in Deutsch Die vielen Leben des Harry August (Amazon Affiliate) ist eine Geschichte, die zwar gut in meine Nerdliteratur-Rubrik passt – aber weder mit dem Zeitreisen– noch mit dem Multiversums-Tag so richtig passend beschrieben ist (ich habe trotzdem mal beide zugewiesen). Es gibt zwar Varianten im Ablauf der neueren Menschheitsgeschichte und Informationen, die im Zeitablauf nach hinten wandern. Aber es gibt keine Methode, mit denen die Protagonisten von einem Paralleluniversum ins andere hüpfen könnten. Und auch keine Zeitmaschine.

Die Mechanik zur Durchbrechung des linearen Ablaufs der Dinge erinnert sehr ans Buch «Replay», das ich im Beitrag Jahrzehntlich grüsst das Murmeltier besprochen habe: Da geht es um Jeff Winston, der einen Teil seines Lebens immer und immer wieder erlebt. Er kann daraus Lehren ziehen, Varianten ausprobieren und sehen, was er tun muss, damit es ihm gut ergeht. Aber wie er in diese Schleife hineingeraten ist, das bleibt im Dunkeln. Es passiert einfach – und damit muss man sich als Leser zufrieden geben.

Auch Harry August erlebt sein Leben mehrfach: Wie der Titel andeutet, fünfzehn Mal. Und ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass nach dem 15. ein 16. Mal erfolgt, und die Wiederholungen sich potenziell in alle Ewigkeit erstrecken könnten. „Das ganze Leben als Endlosschleife“ weiterlesen

Dem Multiversum Gerechtigkeit widerfahren lassen

Wie hier im Blog an diversen Stellen zu lesen ist, mag ich Bücher mit alternativen Realitäten: Sie haben das Potenzial für spannende Unterhaltung und Einblicke in fantastische Parallelwelten. Doch da ist noch mehr. Ich finde nämlich, dass ein vernünftiger Mensch gar nicht anders können sollte, als sie zu lesen.

Natürlich, diese Überzeugung ist nun erklärungsbedürftig. Sie hat damit zu tun, dass ich nicht an die Vorbestimmung glaube. Wir leben nicht in einer deterministischen Welt. In jeder Sekunde gibt es unterschiedliche Wege, die die Menschheit als ganzes und ich als Individuum gehen könnte. Es gibt unendlich viele Einflussfaktoren – und viele haben mit der unmittelbaren Situation, dem Zufall und den Umständen zu tun. Und dem, was man gemeinhin als Glück bezeichnet.

Darum muss es jedem einleuchten, dass der Lauf der Dinge auch ganz anders sein könnte. Auch man selbst würde ein vielleicht völlig anderes Leben führen, wenn nur ein paar Dinge anders verlaufen wären. Das weckt, so finde ich, die Neugierde – und manchmal auch ein bisschen Sehnsucht. Ich würde nämlich schon sehr gern wissen, wie der bestmögliche Verlauf meines Lebens aussehen würde. Als vernünftiger Mensch bin ich allerdings auch ganz froh, dass es völlig unmöglich ist, das zu wissen. Denn natürlich wäre das Unglücksgefühl genauso gross wie die Diskrepanz zu diesem bestmöglichen Verlauf.

Doch immerhin gibt es Bücher, die diese Neugierde und Sehnsucht bedienen. Die das Multiversum vor uns auffächern und aufzeigen, wie es besser oder schlechter hätte laufen können und wie es wäre, zwischen den Möglichkeiten zu springen. Und das allerbeste Buch zu diesem Thema, das habe ich gerade gelesen.  „Dem Multiversum Gerechtigkeit widerfahren lassen“ weiterlesen

Steampunk minus Punk, plus Bakelit und Nazis

Heute bespreche ich das beste Buch, das ich seit langem gelesen habe. Genau das richtige Buch zur rechten Zeit, lautet das Fazit, wenn man es in sieben Worten (und 41 Zeichen) zusammenfassen müsste. Es handelt sich um NSA – Nationales Sicherheits-Amt (Amazon Affiliate) von (vielleicht nicht ganz überraschend) Andreas Eschbach.

Das Buch zeigt drei Dinge. Erstens führt es vor Augen, was ein faschistischer Staat mit moderner Massenüberwachungstechnologie anstellt: Mit gespeicherten Positionsdaten von Mobiltelefonen, persönlichen Mails, finanziellen Transaktionsdaten, aufgezeichneten Telefonanrufen, digitalen Patientenakten, Terminen in der Cloud. Und mit Gesichtserkennung und neuronalen Netzen – wenn Doktor Mengele auf künstlicher Intelligenz trifft. Nun könnte man sagen, dass das eine triviale Erkenntnis ist: Natürlich missbraucht der faschistoide Staat alle diese Mittel. Selbstverständlich werden sie dazu verwendet, Dissidenten aufzuspüren, zu verfolgen, zu beseitigen. Niemand darf sich wundern, wenn ein falsches Wort in der Öffentlichkeit dazu führt, dass die Geheimpolizei an die Türe klopft. Respektive diese eintritt.

Doch Eschbach zeigt auch auf, wie ungehinderter Zugang zu persönlichen Daten auch arglose Leute korrumpiert. „Steampunk minus Punk, plus Bakelit und Nazis“ weiterlesen

Ob sich Schätzing da nicht verschätzt?

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Die Cover-Illustration ist eigentlich eine schematische Darstellung der Handlungsstränge.

Frank Schätzing hat wieder zugeschlagen. Die Tyrannei des Schmetterlings heisst sein neuester Schinken, der mit «nur» 736 Seiten vergleichsweise dünn ausgefallen ist («Der Schwarm» hat 1008, «Limit» sogar 1312 Seiten). Trotzdem geht Schriftsteller, der laut Wikipedia auch mal als Wäschemodel arbeitet, gewohnt ambitioniert an die Sache heran: Er nimmt sich den Megatrend der künstlichen Intelligenz und baut ihn zum dystopischen Thriller aus: Wie es sich für einen Thriller gehört, mit vielen Schauplätzen. Doch Schätzing gibt sich nicht mit Afrika und dem kalifornischen Sierra zufrieden. Auch der Mond ist ihm, wie bei «Limit» nicht genug. Nein, dieses Mal müssen es parallele Welten sein.

Das kam eher schlecht an, wie eine kurze Googelei ergibt:

Viele literarische Abfahrten vom Haupterzählstrang führen ins Nirgendwo. Laufend ausgebremst verliert der spannende Plot viel Dynamik. (Stern)

Aber neues Wissen vermittelt dieser Roman nicht, neue Fragen stellt er nicht. Eher solche: «Wie soll man die Absichten eines Systems kontrollieren, das uns in jeder Fähigkeit übertrifft – also auch in der des Lügens?». Schätzing lügt zu wenig, ist zu korrekt. Der Erkenntnisgewinn und der Unterhaltungswert seines Romans bleiben gering. (tagesspiegel.de)

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Die Nazis mal wieder

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Cthththhtht… also, Alien-Viecher und so. Könnte (zur Verhinderung einer Text-Bild-Schere zum Titel) aber auch ein Nazi sein. (Bild: Danilo Neira/dibujando.net, CC BY-SA 4.0)

Es gibt ein ziemliches Problem mit diesen zwei Büchern, und das liegt bei mir. Carter & Lovecraft (Amazon Affiliate Deutsch bzw. Englisch) und After the End of the World (Amazon Affiliate Englisch) von Jonathan L. Howard knüpfen bei den Themen von H. P. Lovecraft an. Dem Necronomicon und dem Cthulhu-Mythos, beispielsweise. Das Problem: Ich habe noch nichts davon gelesen und hätte mir diese beiden Bücher aufheben sollen, bis die Grundlagen vorhanden sind. Das habe ich aber nicht getan.

Denn es geht in den beiden Büchern um mein absolutes Lieblingsthema, die Alternativweltgeschichten. Natürlich, wieder einmal die Nazis. Am Ende des ersten Buches wird die Welt aufgefaltet… wobei ich, da ich die beiden Bücher in Englisch gehört habe, nicht weiss, wie man das in Deutsch korrekt nennen würde. Jedenfalls ist es so, dass in der Unfolded World die Nazis auf die Idee gekommen sind, eine Bombe auf Moskau abzuwerfen – keine Atombombe, aber eine Art Super-Energiewaffe, die das gleiche Resultat wie ein Nuklearsprengkörper hatte: Die Sowjetunion wurde quasi enthauptet, der Krieg ging zugunsten der Nationasozialisten aus, Grossdeutschland beherrscht auch in der Gegenwart noch Europa und die Amerikaner spielen die zweite Geige. Wie hätte ich da widerstehen können?

Das erste Buch jedenfalls startet vielversprechend: „Die Nazis mal wieder“ weiterlesen

Bipolare Geschichtsstörung

Ich habe mich mit zwei Alternativweltgeschichten herumgeschlagen. Erstens Underground Airlines von Ben Winters (Amazon Affiliate) und zweitens The Man in the High Castle (Amazon Affiliate) (Das Orakel vom Berge; Amazon Affiliate) von Philip K. Dick.

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Es gibt «The Man in the High Castle» auch als Fernsehserie von Amazon. Zu der habe ich bislang aber noch keine Meinung. (Bild: Amazon)

Im ersten Buch hat der Bürgerkrieg in den USA nie stattgefunden und die Sklaverei nur in Teilen der USA abgeschafft. Vier Staaten halten Sie aufrecht. Im zweiten Buch hat das dritte Reich den zweiten Weltkrieg gewonnen und massiv expandiert. Die Welt ist quasi zweigeteilt. Das japanische Reich die Teile der Welt, die die Nazis nicht unter ihr Joch gebracht haben, also den fernen Osten und ein bisschen von Südamerika. Die USA sind dreigeteilt. Der Osten steht unter deutschem Einfluss, dazwischen gibt es den mittleren Westen, wo nicht gerade viel los ist. Und die Westküste wird von den Japanern beherrscht. Nur Kanada scheint sich so etwas wie Unabhängigkeit bewahrt zu haben. Juden und Schwarze sind weitgehend ausgerottet und die USA sind kulturell unbedeutend; das einzige, was einen gewissen Wert hat, sind amerikanische Antiquitäten aus der Vorkriegszeit. Auch technisch hat die Entwicklung einen anderen Verlauf genommen. Es gibt Flüge zum Mars, aber kein Fernsehen.

Im ersten Buch geht es um Victor, der selbst ein Befreiter, jagt für den United States Marshals Service flüchtige Sklaven. Im zweiten verfolgen wir diverse Protagonisten in ihrem Alltag auf diesem ungemütlichen Planeten. „Bipolare Geschichtsstörung“ weiterlesen

Die drei Gesetze der Zeitreise

Zeitreisen sind in diesem Blog ein grosses Thema; zumindest in der Rubrik Nerdliteratur. Bei diesen Geschichten fällt auf, dass die Rahmenbedingungen, unter denen die Zeitreise stattfindet, je nach Buch und Autor verschieden ist. Mal haben die Manipulationen der Vergangenheit Auswirkungen, mal nicht. In der einen Geschichte ist mit Paradoxa zu rechnen, mal eher nicht.

Der Grund liegt darin, dass die Gesetzmässigkeiten der Zeitreise unterschiedlich sind bzw. die Zeitreise unterschiedlich definiert wird. Das Video nun sagt, es gebe drei fundamental unterschiedliche Einschätzungen darüber, was bei einer Zeitreise genau passiert und was die Auswirkungen sind:
„Die drei Gesetze der Zeitreise“ weiterlesen

Wie man sich selber zeugt

Es ging hier in der letzten Zeit immer mal wieder um Zeitreisen. Das ist auch heute nicht anders. Das Buch, wo zeitgereist wird, dass es den Teufel graust, heisst «The Man Who Folded Himself» (Wikipedia, Amazon Affiliate) in Deutsch «Zeitmaschinen gehen anders» (Phantastik-couch.de, Amazon Affiliate) von David Gerrold.

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Ähnlich verwirrlich wie Predestination.

Ein wirklich schräges Buch. Die Hauptfigur, Daniel Eakins, erhält von seinem Onkel Jim einen Zeitreisegürtel. Der kommt mit ausführlichen Instruktionen und macht klar, dass man mit ihm so wild durch alle Jahrhunderte hindurch streunen kann, wie es einem beliebt. Angst vor paradoxen Situationen braucht man nicht zu haben. Mit jeder Zeitreise wird eine neue Parallelrealität geschaffen, die für sich stimmig ist. Für den weltgewandten Zeitreisenden gibt auch Methoden, defekte Zeitstränge zu reparieren, bzw. ihnen zu entrinnen. Wichtig ist bloss, sich nicht so weit von der Ursprungsrealität zu entfernen, dass man nicht mehr dahin zurückkommt – falls einem denn etwas daran liegt.
„Wie man sich selber zeugt“ weiterlesen

Game of Thrones in der Farbe des Bernsteins

Ich bin im Moment wieder einmal einem Buchtrip, der mich zu Zeitreisen und alternativen Universen führt. Im Beitrag Wir sind die Anomalie habe ich Rewinder von Brett Battles besprochen. Ich habe hinterher gleich mit Destroyer nachgedoppelt. Das ist der zweite Band der Serie, bei dem die Menschheitsgeschichte total aus den Fugen gerät: Die wildgewordene Gegenspielerin von Denny Younger macht sich rückwärts in Zeit auf den Weg, um so viele historische Ereignisse zu verändern, dass nur eine komplette Zerstörung der Gegenwart, so wie wir sie kennen und (meistens) schätzen, die Folge sein kann. Sie sorgt dafür, dass die Nazis an der Macht bleiben und dass die Hunnen Europa überrennen. Wie soll Denny das alles jemals wieder rückgängig machen? Die Antwort erfährt man in diesem Teil leider nicht. Nachdem alles immer schlimmer wurde, endet das Buch mit einem Cliffhanger. Offensichtlich muss man für ein befriedigendes Ende auf Teil drei der Reihe warten. Das ist eine Geduldsprobe, der sich viele Käufer des Buchs nur unter Absonderungen gehässiger Kommentare bei Amazon unterwerfen – und auch ich finde dieser Trick zur Verkaufsförderung nicht sonderlich toll. Mehrteiler sind okay, aber jeder Teil sollte in sich geschlossen sein.

Jedenfalls war mein Bedarf an Geschichten dieser Art nicht gedeckt. Ich habe mich an Nine Princes in Amber (Amazon) – Deutsch Corwin von Amber (Amazon) von Roger Zelazny herangewagt, weil das zum Stichwort «Multiversum» häufig empfohlen wird.

Die Geschichte von beginnt vergleichsweise harmlos mit einem Mann, der ohne Erinnerung in einem Krankenhaus erwacht und versucht, sich seiner Rolle im Leben bewusst zu werden. Er besucht seine Schwester, wo spätestens beim Auftauchen eines von dämonenartigen Gestalten verfolgten Bruders klar wird, dass hier nicht alles so ist, wie es scheint. Carl Corey wird als Corwin angesprochen und seine Schwester Evelyn nennt sich Flora. Er findet ein Kartenset, das seine weitverzweigte Verwandtschaft zeigt.

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Eine Sippschaft, die sich nicht sonderlich mag. Wo gab es das neulich schon einmal? (Bild: Donato Giancola)

Carl alias Corwin und sein Bruder Random machen sich auf den Weg nach Amber auf, das für Corwin und den Leser zu diesem Zeitpunkt nicht viel mehr als ein Name ist. „Game of Thrones in der Farbe des Bernsteins“ weiterlesen