Den Fünfer und das Weggli beim Googeln

Die guten Google-Such­resultate, aber ohne das Google-Tracking? Zwei Such­maschinen, nämlich Startpage und Trooia verspre­chen genau das. Ich habe sie getestet und bin auf Un­gereimt­heiten gestos­sen.

Ich habe hier im Blog immer mal wieder alternative Suchmaschinen vorgestellt. Doch ob Bing, Duck Duck Go, Qwant oder Swisscows, die Quintessenz war immer die gleiche: Sie sind nicht verkehrt und erfüllen den Zweck. Doch auf Dauer überzeugt Google am meisten.

Darum die Frage, ob man nicht vielleicht beim Platzhirsch bleiben, aber dessen Schwächen eliminieren könnte. Die Schwächen sind, wir wissen es natürlich alle, Googles Hunger nach Daten. Er führt dazu, dass alles, was wir von der Suchmaschine wissen willen, protokolliert und irgendwann gegen uns verwendet wird.

Die Antwort auf die Frage, ob man den Fünfer und das Weggli haben kann (to have the cake and eat it, too), ist ein Ja: Es gibt Mittel und Wege, anonym zu googeln. Die bekannteste Lösung heisst startpage.com. Seit 2006 anonymisiert diese Website, bzw. deren Vorgänger ixquick.com, die Suchanfragen.

Ein zwischengeschalteter Anonymisierer

Wenn man sich fragt, wie das funktioniert, ist es hier erklärt: Die Website fungiert als Mittelsmann, der persönliche Informationen wie IP-Adresse aus der Anfrage entfernt und von einem Server an Google weiterleitet. Die zurückgelieferten Resultate werden mit Werbung von Startpage angereichert, die vom Kontext, aber nicht vom persönlichen Nutzerverhalten abhängig sind.

Eine zweite Suchmaschine, die Google anonymisiert, ist Trooia. Sie verwendet die gleiche Methode: Die Suchanfragen werden an Google weitergeleitet, die Resultate durch Scraping abgegriffen, eigens aufbereitet und an die Rechercheurin zurückgeliefert.

Diesen Anonymisierer habe ich hier kurz erwähnt, aber bislang nicht ausführlich getestet. Da mir Christoph Cronimund neulich einen Zugangscode angeboten hat, um die Suchmaschine zu testen, komme ich gerne mit einem ausführlichen Augenschein auf sie zurück.

Zuerst mit dem Hinweis auf den grossen Unterschied zu Startpage, der durch den Begriff «Zugangscode» bereits angedeutet wurde: Trooia kommt ohne Werbung aus, aber dafür kostet es. Für 250 Anfragen berappt man fünf Franken, für 2500 fünfzig – einen Mengenrabatt scheint es nicht zu geben, aber ein wenig sparen lässt sich mit einem Trooia-Abonnement.

Für Heavy-User wie mich wird es teuer

Wie teuer käme mich das? Für eine Einschätzung wollte ich herausfinden, wie oft ich pro Tag die Suchmaschine bemühe. Leider summiert Google im Aktivitätenprotokoll die Websuchen nicht mehr nach Tagen und Wochen auf, wie das früher der Fall war. Aber auch so habe ich keine Zweifel, dass 250 Anfragen keine halbe Woche lang ausreichen würden.

Mich würde die anonyme Webrecherche via Trooia über den Daumen gepeilt mindestens 500 Franken pro Jahr kosten. Das wäre es mir wert, wenn ich völlig anonym wähnen könnte. Aber ich hinterlasse nicht nur via Suchmaschine meine Spuren. Bekanntlich werden wir auf Schritt und Tritt getrackt; und selbst wenn ich meine anderweitige Google-Nutzung auf null reduzieren könnte, dann komme ich nicht umhin, in meinem Job mit Google Workspace zu arbeiten. Darum habe ich meine Zweifel, dass dieses Geld gut investiert wäre.

Eine Nebenwirkung der anonymen Suche besteht darin, dass die Resultate depersonalisiert werden. Denn bekanntlich passt Google die Suchresultate an unsere (vermeintlichen) Vorlieben an, selbst wenn wir nicht eingeloggt sind. Das ist ein zweischneidiges Schwert: Wenn die Personalisierung in unserem Sinn und Geist funktioniert, bringt sie uns schneller ans Ziel. Wenn nicht – dann nicht: Resultate, von denen Google glaubt, dass wir sie nicht interessant finden, werden uns vorenthalten.

Das ist ein Nachteil, der den Zeitgewinn meines Erachtens nicht aufwiegt: Google kann bei seiner Einschätzung gar nicht hundertprozentig treffsicher sein. Das bedeutet automatisch, dass uns immer mal wieder ein wichtiges Resultat vorenthalten wird. Abgesehen davon ist es unzweifelhaft so, dass es Resultate gibt, die nicht zu unseren Vorlieben passen, aber wichtig fürs Gesamtbild wären und uns deswegen interessieren müssen – zwecks Vermeidung einer einseitigen, gefilterten Bubble-Wahrnehmung.

Diesen Aspekt finde ebenso wichtig wie der Schutz der Privatsphäre. Denn ich will das objektive, nicht von meinem (vermeintlichen) Vorlieben beeinflusste Bild sehen. Dabei können mir Trooia und auch Startpage helfen.

Die Suchresultate im Vergleich

Ich habe darum einige Vergleiche durchgeführt, um zu sehen, wie weit sich die personalisierten Resultate von Google von den depersonalisierten Resultaten von Trooia unterscheiden. Das ist das Resultat:

Suchbegriff Bierzelt: Dazu habe ich keine vorgefasste Meinung, und das sieht man den Resultaten an.
Clickomania ist ein Wort, das in meinen Suchanfragen oft vorkommt und bei dem Google ganz ohne Zweifel viele Datenpunkte mit mir in Verbindung bringen kann. Trotzdem sind die personalisierten und die anonymen Resultate quasi identisch.
Stichwort Nerdfunk: Hier gibt es kleine Unterschiede in der Reihenfolge und es fällt auf, dass die eingerückten Resultate mit Resultaten von der gleichen Website bei Trooia fehlen. Aber trotzdem gilt: fast inhaltsgleiche Resultate.
Stichwort SVP: Die politische Gesinnung scheint keinen Unterschied zu machen – auch hier sind die Resultate fast deckungsgleich, wobei die Schlagzeilen anders angeordnet sind und man Google eine aufgeräumtere Darstellung attestieren muss.

Fazit: Zumindest bei den obersten, in den Screenshots sichtbaren Suchresultaten bringt die Personalisierung so wenig, dass Google auch einfach darauf verzichten könnte. Umgekehrt heisst das, dass auch die Depersonalisierung kein echter Gewinn darstellt. Ausserdem ist die Original-Darstellung zweckmässiger und ansehnlicher – da beisst die Maus keinen Faden ab.

Startpage scheint etwas gegen Twitter zu haben

Kurzer Einschub: Mit Startpage habe ich die Suchen auch durchgeführt und die grössten Unterschiede gefunden. Bei der Suche zum Stichwort Nerdfunk fehlt der Hinweis auf Twitter vollständig, der sowohl bei Trooia als auch bei Google selbst zu finden war. Was es damit auf sich hat, bleibt mir ein Rätsel – aber es spricht nicht für Startpage. Resultate zu unterschlagen, ist ein K.o.-Kriterium.

Startpage unterschlägt unseren Twitter-Account.

Ein letzter Punkt besteht in der Frage, ob eine solche Suchmaschine eigentlich legal bzw. moralisch vertretbar ist.

Wie die «Süddeutsche Zeitung» in einer ausführlichen Würdigung erklärt, ist die Sache legal:

Das ist legal, weil die Suchresultate von Google keinem Copyright unterliegen und sie auch keine personenbezogenen Daten gemäss der EU-Datenschutz-Grundverordnung sind. Allerdings sieht es Google nicht gerne, dass automatisiert auf die Suche zugegriffen wird und blockt Maschinen.

Christoph Cronimund muss somit zusehen, dass seine Server nicht allzu sehr auffallen und von Google geblockt werden. Wir alle kennen den Hinweis auf «ungewöhnlichen Datenverkehr aus Ihrem Computernetzwerk», den man mit der Beantwortung eines Captchas aus dem Weg räumen muss.

Ist das anständig?

Also, auch wenn es legal ist, habe ich aus moralischer Sicht gewisse Mühe. Denn wenig ich Googles Datensammelei auch schätze, bin ich doch der Meinung, dass ein Dienstleister das Recht hat zu bestimmen, unter welchen Umständen er seine Dienstleistung anbietet. Unter gewissen Umständen bin ich bereit, eine Ausnahme von dieser Regel zu machen: Beispielsweise, wenn das Tracking überbordet und einem als Internetnutzer gar keine andere Wahl lässt, als einen Werbeblocker einzusetzen, weil es im Netz schlicht keine Tracking-freien News-Websites mehr gibt.

Bei Google kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass Suchmaschinen wie Duck Duck Go existieren, zu deren Geschäftsmodell es gehört, einem Suchresultate ohne Tracking zu liefern – was man gefälligst auch honorieren sollte.

Oder aus meiner Warte gesprochen. Ich finde es okay, wenn sich jemand an der Werbung in meinem Blog stört und einen Werbeblocker verwendet. Wenn er aber hergeht und lautstark fordert, ich solle gefälligst sämtliche Werbung von meinem Blog werfen, dann bin ich der dezidierten Meinung, dass das meine Entscheidung ist.

Beitragsbild: Zugegeben, fürs echte Weggli fehlt die Kerbe in der Mitte (Jem Sahagun, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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