Der Berliner Frontalangriff auf Google

Bei der Websuche ist es fast unmöglich, gegen Google anzustinken. Doch jetzt habe ich Xayn entdeckt: Eine Such-App fürs Smartphone, die eine echte Alternative darstellt.

Ich habe in letzter Zeit immer mal wieder alternative Suchmaschinen vorgestellt: Hier Tiger.ch, hier privado.com, hier Bing und hier die grössten Google-Konkurrenten, namentlich Duck Duck Go, Qwant und Swisscows.

Man sollte meinen, der Nachschub neuen Internetrecherchewerkzeugen würde irgendwann einmal versiegen, zumal Google dieses Geschäft sosehr beherrscht, dass ich selbst Apple nur bescheidene Erfolgschancen zugebilligt habe, diese Dominanz zu brechen. Siehe: Wie wahrscheinlich ist eine Suchmaschine von Apple?

Ungeachtet dieser Tatsache habe ich schon wieder zwei Hinweise auf Ausweichmöglichkeiten erhalten:

Trooia: Anonyme Google-Suchresultate – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Das ist erstens Trooia. Diese Suchmaschine lässt sich schnell abhandeln. Sie greift auf Google zu, aber in anonymisierter Form.

Die Darstellung der Suchresultate ist nicht gerade elaboriert, sodass ich dieses Werkzeug nur für genau den Zweck empfehlen würde, dass man besonders sensible Dinge googeln möchte, die auf keinen Fall ins Nutzerprofil einfliessen sollen.

Zweitens Xayn. Er ist zweifellos der interessantere Kandidat von beiden. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er keine Websuchmaschine ist, sondern eine Recherche-App, die es fürs iPhone und für Android gibt. Und ja: Eine Die konsequente Fokussierung auf die mobile Nutzung wäre tatsächlich ein spannendes Alleinstellungsmerkmal.

Auf der Website verspricht Xayn einen umfassenden Datenschutz: «Xayn arbeitet dezentral – die ganze Magie passiert auf Ihrem Gerät und keine persönlichen Daten verlassen jemals Ihr Telefon.»

Das klingt ausgezeichnet, doch wie ich bei jedem meiner Suchmaschinen-Tests festgestellt habe, bekommt man genau dieses Versprechen bei sämtlichen Google-Konkurrenten in mehr oder weniger expliziter Form.

Und ja, das Augenmerk auf dem Datenschutz ist eine feine Sache. Trotzdem landen die allermeisten Nutzer, ich inklusive, trotzdem immer wieder bei Google. Denn der Datenschutz ist das zweitrangige Argument, das gegenüber der Funktionalität und der Qualität der Suchresultate immer den Kürzeren zieht. Und auch wenn Google bei der Funktionalität deutlich nachgelassen hat, so sind die Ergebnisse so gut, dass man im Schnitt am schnellsten zum Ziel kommt.

Darum braucht es nebst dem Datenschutz mindestens ein Merkmal, das bei der täglichen Nutzung als deutlich positiv spürbar ist. Und wie bereits gesagt: Ein hervorragendes Nutzungserlebnis am Smartphone könnte so ein Merkmal sein. Xayn verspricht darüber hinaus «die nächste Stufe der Personalisierung»:

Unsere Edge-KI sagt voraus, wonach Sie höchstwahrscheinlich suchen – so finden Sie alles schneller. Und mit Search Swiping können Sie Ihre Suchergebnisse jetzt noch weiter personalisieren.

Und ja, die künstliche Intelligenz ist ein Schlagwort, mit dem sich derzeit auch die popeligste Anwendung auf futuristisch trimmt. Doch bei einer Suchmaschine könnte das funktionieren: Denn wenn man eine solche App fleissig nutzt, kommen genügend Daten zusammen, mit denen sich Suchresultate nach persönlichen Vorlieben gewichten lassen. Mit anderen Worten: Es ist durchaus denkbar, dass das funktioniert.

Der Einwand würde lauten, dass auch Google die Resultate längst personalisiert. Das passiert schon seit Dezember 2009. Und auch wenn das immer wieder für Kritik gesorgt hat, so ist unbestreitbar, dass Google inzwischen so viele Daten über uns gesammelt hat, dass auch bei der Personalisierung die Latte für die Konkurrenz sehr hoch liegt.

Für eine abschliessende Beurteilung ist es jedenfalls noch zu früh. Ich verwende Xayn erst seit so kurzer Zeit, dass noch wenige Informationen über meine Vorlieben und Abneigungen zusammengekommen sind. Mein erster Eindruck von der App ist jedoch gut genug, dass ich die App in Betrieb halten werde.

Die Suchresultate: Schön präsentiert, aber für meinen Geschmack könnte die Darstellung noch kompakter sein.

Mir gefällt die übersichtliche, auf leichte Scrollbarkeit hin optimierte Anzeige. Kritisieren könnte man, dass auf den ersten Blick nur wenige Resultate sichtbar sind – im Fall meiner Egosuche sind es zwei Resultate. Sinnvoll wäre es meines Erachtens, dem Nutzer die Wahlmöglichkeit zu geben, ob er weniger oder mehr Resultate sehen will.

In der Resultatliste erscheinen zwischen den normalen Treffern auch Bilder, Videos und Schlagzeilen. Man kann diese Kategorien auch einzeln auswählen, wie man das von den anderen Suchmaschinen kennt.

Der eigentliche Clou ist nun, dass man seine Suchresultate mit Wischen bewertet: Durch Wischen von rechts nach links löscht man das Resultat aus der Liste. Mit Wischen von links nach rechts signalisiert man sein Interesse an einem Resultat. Und man kann es in einer Kollektion speichern oder teilen.

Mittels Wischgeste kann man Resultate gutheissen oder ablehnen, für später speichern und teilen.

Das sind in der Tat zwei grosse Vorteile gegenüber von Google. Dort vermisse ich seit jeher die Möglichkeit, gewisse Quellen auszuschliessen. Im Beitrag Google-Suchresultate ausgedünnt habe ich seinerzeit eine entsprechende Möglichkeit vorgestellt. Doch die hat zwei Nachteile: Erstens ist sie viel umständlicher. Und zweitens wurde sie längst abgeschafft.

Gerade die Möglichkeit, Kollektionen anzulegen, ist für Leute wie mich Gold wert: Mir begegnen bei meinen Internetrecherchen immer mal wieder Themen, die interessant sind, die ich aber nicht sogleich aufgreifen kann oder will. Die für später aufzuheben, ist bei Google umständlich. Mit Xayn ist es sehr einfach.

Darum ist Xayn seit langer Zeit der erste wirklich vielversprechende Ansatz: Die in Berlin entwickelte App hat das Potenzial, zu einem hervorragenden Recherchewerkzeug zu werden. Sollte sie den eingeschlagenen Weg so weiterverfolgen, werde ich sie noch so gerne nutzen. Denn auch wenn ich mich immer mal wieder mit der Frage beschäftigt habe, wie man die Recherche im Web verbessern könnte – siehe Tricks fürs Jagen und Sammeln im Web oder Ein alter Groll auf Google – so habe ich bislang das Nonplusultra noch nicht entdeckt.

Beim Quacksalber-Test fällt Xayn leider durch.

Tippt man ein Suchresultat, erscheint das in einer Webview. In der hat man die Möglichkeit, die Website an den Standardbrowser weiterzureichen, zu teilen oder ein Lesezeichen zu setzen. Das ist und bleibt etwas umständlich – doch das liegt nicht an Xayn, sondern daran, wie iOS die Webview-Ansicht handhabt.

Eine Kritik bleibt: Beim Quacksalber-Test fällt die App durch. Er besteht darin, dass ich nur nach meinem Nachnamen suche, aber nicht ausschliesslich mit Salzen konfrontiert werden will. Xayn liefert nach vielen Resultaten keinerlei Hinweise darauf, dass Schüssler ein normaler Familienname ist, der nicht zwingend etwas mit Wilhelm Heinrich zu tun haben muss…

Beitragsbild: So stellt  man sich angriffige Berliner vor – auch wenn das im Hintergrund wahrscheinlich nicht der Wannsee ist (Kampus Production, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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