Die hohe Kunst, die guten Web-Apps aufzuspüren

Unter zapier.com/apps findet sich eine Übersicht von Web-Anwen­dungen aus einem guten Dutzend Kate­gorien, die bei der Suche und Evaluation von Online­diensten helfen. Ich habe die Voll­ständig­keit und die Nütz­lich­keit in Augen­schein ge­nom­men.

Schon vor neun Jahren habe ich mich gefragt, wie man im Web die guten Dienste findet. Denn wer keine Abneigung gegen die Cloud verspürt, kann viele Aufgaben statt mit einer lokalen Software oder einer App genauso gut mit einer Webanwendung lösen. Der hauptsächliche Vorteil liegt auf der Hand: Man muss nichts installieren und später aktualisieren, sondern nur ein Benutzerkonto einrichten und loslegen.

Es gibt auch handfeste Nachteile. Nebst der Abhängigkeit eines fremden Anbieters ist das grösste Problem die Auffindbarkeit: Es ist schwierig, sich einen Überblick des Angebots zu verschaffen – in Denglisch spricht man von einer schlechten Discoverability. Denn es gibt keinen zentralen Store und kein massgebliches Verzeichnis, das die Suche vereinfachen würde.

Das ist für klassische Software anders: Für Windows existieren diverse Software-Verzeichnisse, etwa bei Heise oder Cnet.com, um nur zwei zu nennen. Man kann natürlich auch den Microsoft Store bemühen und für Smartphone-Apps sind die Stores von Apple und Google sowieso die erste Anlaufstelle.

Googeln nach Webapps ist unbefriedigend

Für Web-Apps kommt man nicht um Google herum. Doch selbst wenn man seine Suche mit der Einschränkung «Webapp» ergänzt, sind die Suchergebnisse meist enttäuschend. Das liegt daran, dass der Begriff «Webapp» alles andere als trennscharf ist und die meisten Anbieter ihr Produkt auch gar nicht als solches deklarieren – ganz anders als der Hersteller einer Software für eine bestimmte Softwareplattform, wo die Deklaration der Systemumgebung unverzichtbar ist.

Ein Problem bei Google bleibt: Man kann sich zwar mit der Suchmaschine behelfen, wenn man ein spezifisches Bedürfnis hat. Doch es ist nicht möglich, aufs Geratewohl nach spannenden Anwendungen zu suchen, wie das bei einem gut gegliederten Verzeichnis der Fall wäre. Dabei ist genau das oft sehr inspirierend, weil man Produkte entdeckt, die Probleme lösen, von denen man noch gar nicht wusste, dass man sie hat.

Im erwähnten Beitrag Wie findet man im Web die guten Dienste? habe ich drei Verzeichnisse vorgestellt, die man für eine solche Suche heranziehen kann. Eines bewährt sich bis heute: Das ist Alternativeto.net. Es gibt dort nicht nur Web-Anwendungen, sondern auch klassische Software für die gängigen Plattformen. Weil ich dieses Verzeichnis so schätze, habe ich ihm einen separaten Beitrag gewidmet: Alternativen zu einem unersetzlichen Webdienst.

Wikipedia hat eine Chance verpasst

Fürs Stöbern ist Alternativeto.net aber wenig geeignet. Meines Erachtens könnte Wikipedia diese Aufgabe gut erfüllen, wenn alle Artikel zu Webanwendungen entsprechend verschlagwortet würden. Das ist aber leider nicht der Fall – auch bei Wikipedia muss man wissen, wonach man sucht, um fündig zu werden.

Nun habe ich allerdings einen Kandidaten entdeckt, den ich für umfangreich genug halte, um ihn hier vorzustellen. Das ist das App-Verzeichnis von Zapier, das unter zapier.com/apps zu finden ist und das mehr als 3000 Einträge umfasst. Zur Erinnerung: Zapier ist ein kalifornisches Softwareunternehmen, das eine Automatisierungslösung fürs Web anbietet. Ich habe sie im Beitrag Wie das Internet deine Arbeit macht vorgestellt.

Es liegt auf der Hand, dass ein Anbieter einer Lösung für die Web-Automatisierung prädestiniert ist, ein solches Verzeichnis anzubieten – schliesslich ist es seine Mission zu wissen, was es für Online-Anwendungen gibt und wie man diese verknüpfen könnte.

Ordentlich sortiert und kategorisiert

Alles andere als vollständig, aber dennoch ein guter Überblick aller etablierter Dienste.

Das Verzeichnis macht denn auch einen guten Eindruck: Es gibt hierarchische Organisation nach Kategorien, plus die Meta-Kategorien mit den beliebtesten Anwendungen, Premium-Produkten, Software in der Betaphase und solche, die in jüngster Vergangenheit hinzugefügt worden ist.

Ein erster Augenschein ergibt leider, dass die Übersicht alles andere als vollständig ist – sofern Vollständigkeit überhaupt möglich ist, wenn es ums Web geht. Ich finde mit einigen Stichproben sofort Webdienste, die ich hier besprochen habe, die bei Zapier jedoch nicht aufgeführt sind. Zu diesen fehlenden Apps zählt der tolle Webeditor Polarr, die Präsentations-App Plotagon.com, die Layoutsoftware Canva, der (angeblich) künstlich intelligente Logo-Generator Logojoy, der Bildoptimierer resizeimage.net oder der Bildvektorisierer autotracer.org.

Verzeihliche Lücken?

Zugegeben – das sind vorwiegend Softwareprodukte aus dem grafischen und gestalterischen Bereich, die bei Zapier (vermutlich) nicht im Fokus stehen. Es scheint um geschäftliche Lösungen zu gehen, die auch in Workflows und  Automatisierungen eingebunden werden können, d.h. auch die notwendigen Schnittstellen aufweisen. Das bedeutet zu meinem Bedauern, dass auch Zapier nicht das universelle Verzeichnis ist, das ich gerne hätte.

Trotzdem findet sich so einiges, was sich auszuprobieren lohnt. Zum Beispiel temi.com, wo man Audio- und Videodateien zum Preis von 25 Cent pro Minute verschriftlicht. Urlbox.io, das Screenshots von Websites zieht. Quickchart.io, wo man Diagramme mittels einer simplen Syntax programmiert und in interaktiver Form in Websites einbettet. Der Taskmanager any.do. Die Workflow-Plattform monday.com. Etc., etc.

Leider beschränken sich die Beschreibungen der Dienste auf einen Einzeiler, der obendrein oft mehr Marketing als Information ist und von den Betreibern des Webdienstes selbst zu kommen scheint. Da es Zapier vornehmlich darum geht zu erklären, wie man einen Dienst in eine Automatisierung einbindet, findet man auch keinen Link und keine Informationen, die einem die Entscheidung erleichtern würden, ob es sich lohnt, den Dienst auszuprobieren oder nicht.

Nicht das Ei des Kolumbus

Fazit: Leider ist dieses Verzeichnis auch nicht das Ei des Kolumbus. Was es meines Erachtens aber leistet, ist, eine Übersicht jener Webanwendungen zu liefern, die bei den grossen Unternehmen eingesetzt werden. Mit den hier gelisteten Diensten lässt man sich nicht allzu weit auf die Äste hinaus – was wiederum heisst, dass man das geniale Produkt, von dem in drei Monaten alle reden werde, wahrscheinlich nicht hier entdeckt. Und das ist doch auch was; auch wenn Alternativeto.net meine erste Anlaufstelle bleibt.

Beitragsbild: Da wusste man wenigstens noch, was man hat und was man nicht hat (PublicDomainPictures, Pixabay-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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